Er öffnet selber die Tür. Keine bewaffneten Leibwächter, kein Versuch, sich zu verstecken. Abu Bakar Baasyir wohnt in einem bescheidenen einstöckigen Haus auf dem Campus des Internats, das er in Ngruki, einem friedlichen Dorf im zentralen Hochland der indonesischen Hauptinsel Java, mitbegründet hat. Baasyir, ein 71 Jahre alter Mann, ist gertenschlank. Er hat ein weißes Ziegenbärtchen und lebendige dunkle Augen, die von den Gläsern einer Brille mit Goldrand vergrößert werden. Er gilt als mutmaßlicher geistiger Führer der militanten Islamistenorganisation Jemaah Islamiyah, die in den vergangenen zehn Jahren an mindestens einem halben Dutzend Bombenanschlägen in Indonesien beteiligt gewesen sein soll, an den verheerenden Attentaten auf Nachtclubs in Bali und vielleicht auch an den Selbstmordanschlägen auf Luxushotels in Jakarta im Sommer 2009.
Baasyir leugnet jede Verstrickung in Gewalttaten. Wie einem erfolgreichen Mafiapaten konnte auch ihm keine Verbindung zu irgendwelchen Anschlägen nachgewiesen werden. Für kleinere Vergehen, die nicht direkt mit den Bombenattentaten zu tun hatten, verbüßte er zwei Gefängnisstrafen von insgesamt nicht einmal vier Jahren. Aber das islamische Internat, das er gegründet hat, stand eindeutig im Mittelpunkt eines Netzwerks von Dschihadisten, die das Ziel verfolgten, in Südostasien einen islamischen Staat zu errichten. Mehrere ehemalige Schüler aus Ngruki wurden wegen der Beteiligung an schweren Attentaten verurteilt. Es bestehen kaum Zweifel, dass Baasyirs Lehren bereits als Inspirationsquelle für Hunderte, wenn nicht Tausende Morde und Anschläge dienten – auch auf "abweichlerische" Muslimgruppen wie die Reformbewegung Ahmadiyya, die bestimmte Muslime als "unislamisch" ablehnen.
Und nun öffnet er mir persönlich die Haustür. "Treten Sie ein", sagt er auf Bahasa Indonesisch, das ist die offizielle Landessprache. "Trinken Sie ein Glas Saft."
Er trägt ein langes, weites Hemd, ein weißes Scheitelkäppchen und eine große Armbanduhr. In seinem Wohnzimmer gibt es weder Stühle noch Bilder, nur nackte, weiße Wände, eine Topfpflanze und einen niedrigen Tisch, auf dem eine Plastikdose mit Sesamplätzchen steht. Baasyir hockt sich barfuß auf einen grasgrünen Teppich. Sein erwachsener Sohn Abdul Rahim bringt uns Melonensaft in hohen Gläsern.
"Der Islam ist nicht gewalttätig", sagt Baasyir mit seiner tiefen, rauen Stimme und fährt wie ein Dirigent mit der linken Hand durch die Luft. "Aber wenn wir von Feinden bedrängt werden, haben wir das Recht, uns mit Gewalt zur Wehr zu setzen. Das nennen wir Dschihad. Es gibt kein edleres Leben, denn als Märtyrer für den Dschihad zu sterben." Er lobt die Anschläge vom 11. September und die Attentate auf Bali. Er beharrt darauf, dass es keine terroristischen Akte waren, sondern "Reaktionen auf die Taten der Feinde des Islam".
Akte der Gewalt in Indonesien, einem weitläufigen Inselstaat nördlich von Australien, können globale Auswirkungen haben. Es ist das bevölkerungsreichste muslimische Land der Welt, die Heimat von 207 Millionen Islamgläubigen – das sind 36 Millionen mehr als in Pakistan, dem zweitgrößten islamischen Staat. Indonesien ist ein extrem frommes Land; einer neuen globalen Meinungsforschungsstudie des amerikanischen Instituts Pew Global zufolge sogar eines der religiösesten Länder der Welt. Außerdem ist es eine blühende Demokratie, nach Indien und den Vereinigten Staaten die drittgrößte der Welt.
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