Mein Freund Stephen hat eine Katze. Deshalb schließt er das Küchenfenster nachts nie ganz. Als er neulich morgens in die Küche kam, stand vor ihm ein grauschwarzes Tier, den Kopf tief in der Tüte mit Katzenfutter. Ein Waschbär – mitten im East Village, dem angesagten Viertel der Künstler und Studenten der New-York-Universität und der jungen Banker von der Wall Street.
"Waschbären? Es ist ein gutes Zeichen, dass sie zurückkommen", sagt Richard Simon, der Captain der Urban Park Ranger. "Das zeigt uns, dass die Umwelt gesund ist." Die New Yorker Wildhüter haben die dankbare Aufgabe, die Wildtiere der Weltmetropole zu schützen – und neue anzusiedeln.
Manhattan gilt als das steinerne Meer schlechthin, wo sich an Tieren allenfalls Ratten, Tauben und Kakerlaken wohlfühlen. Wer genau hinsieht, erkennt ein anderes Bild: Finken zwitschern wieder zwischen den Hochhäusern, Bussarde nisten in den Ornamenten von Fassaden. Im Central Park leben Frösche und Fledermäuse, Karpfen und Katzenwelse. Im Van-Cortlandt-Park in der Bronx äsen Weißwedelhirsche, die über die Bahnbrücke von Spuyten Duyvil bis nach Manhattan gelangen, es gibt Kojoten, Kaninchen und vereinzelt auch Rotluchse. Im Bronx River sieht man Biber. In der Jamaica Bay nahe dem John-F.-Kennedy-Flughafen schwimmen Schildkröten und Robben. An den Häusern am Riverside Park schweben Eulen vorbei, und Bürgermeister Bloomberg hat Teile des Broadway zur Fußgängerzone (auf Zeit) erklärt.
"Was die Natur betrifft, sieht es heute viel besser aus als noch vor 50 Jahren", sagt Anne Matthews, die Autorin des Buchs "Wild Nights: Nature Returns to the City". Auch deshalb, weil an den Ufern von Hudson und East River, wo einst Industrie angesiedelt wurde, neue Parks entstanden sind. Heute brüten dort Kardinalsvögel und Wanderdrosseln. Wilde Truthähne kommen bis zum Battery Park im Süden von Manhattan. Eine Henne, von den Park-Rangern "Zelda" genannt, kollert so laut, dass erschrockene Großstädter schon mal die Polizei rufen.
Der berühmteste Vogel Manhattans ist indes wohl "Pale Male", ein Rotschwanzbussard, der sein Nest zwölf Stockwerke über dem Central Park baute, an einem der altehrwürdigen Apartmenthäuser der 5th Avenue. Dort zogen er und seine Gefährtinnen zahlreiche Jungen groß, bis sich die exklusiven Bewohner des Hauses an den mit Ferngläsern ausgerüsteten Vogelliebhabern vor ihrer Tür störten. Sie entfernten das Nest, weil es angeblich die Fassade beschädigte. Zeitungen berichteten, Fernsehsender schickten Kamerateams. Der öffentliche Aufschrei war so groß, der Protest so heftig, dass die Eigentümergemeinschaft ein Metallgestell über dem Ornament anbringen ließ. Dort brüten "Pale Male" und sein langjähriges Weibchen "Lola" nun wieder – leider bisher ohne Erfolg.
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