Polarsaga, Teil Zwei, 2007: Auf Nansens Spuren

Artikel vom 01.01.2009  —  Autor: Peter Miller  —  Bilder: Borge Ousland und Thomas Ulrich

Thomas Ulrich sieht es als erster. Etwas Langes, Weißes am Horizont, durchzogen von einem schwarzen Streifen. Schatten gleiten vorbei, das Weiße bewegt sich: Wolken! Nur der Streifen bleibt am selben Fleck. "Ich glaube, ich sehe Land", ruft er Børge Ousland zu. Sechs Wochen sind sie schon unterwegs, um der Route zweier berühmter Entdecker in der Arktis nachzuspüren. Sie sind am Nordpol gestartet und haben bereits 970 Kilometer zurückgelegt. Gehört dieser Streifen schon zu Franz-Josef-Land, der Inselgruppe auf der Fridtjof Nansen und Hjalmar Johansen 1895 nach ihrem Versuch, den Nordpol zu erreichen, Zuflucht gesucht hatten?

Ousland zieht ein Kajak

Bild: Thomas Ulrich Vergrößern

Ousland zieht ein Kajak über das Eis und nutzt seine Skier als Gehhilfe.

Ousland ist wie viele norwegische Kinder mit Gutenachtgeschichten über Nansens Abenteuer aufgewachsen. Sie regten ihn an, Jahre später selber als Erster allein und ohne Hilfe von außen auf Skiern bis zum Pol vorzudringen. Es war die erste von 14 solcher Touren als professioneller Abenteurer und Führer. Nun sind er und der Bergsteiger und Fotograf Ulrich die Ersten, die jener entbehrungsreichen Route folgen, auf der Nansen und Johansen 112 Jahre zuvor übers Eis gezogen waren. "Wir hatten Nansens Buch dabei und merkten, dass wir viele seiner Erfahrungen wiederholten", erzählt Ulrich. "Wie die beiden nutzten wir Skier und Kajaks", fügt Ousland hinzu, "doch statt Hunden hatten wir Windsegel, um schneller voranzukommen. Und Navigationsgeräte, während sie nicht einmal sicher sein konnten, wo sie sich befanden. Ihre Karte war ganz falsch."

Das Land, das Ulrich in der Ferne erblickt, ist die Küste der Eva-Liv-Insel, die Nansen nach seiner Frau und seiner Tochter benannt hatte. Als er und sein Begleiter Johansen diesen Landstrich damals erblickten, glaubten sie, dass sie in zwei Tagen festen Boden unter den Füßen haben würden. Doch bis es so weit war, sollte es noch 13 Tage dauern. Für Ulrich und Ousland ist es im Juni 2007 ähnlich schwierig. Einige Tage lang sind sie rasch über das glatt gefrorene Meer vorangekommen, obwohl sie ihre mit Vorräten und Ausrüstung vollgepackten Kajaks hinter sich herziehen mussten. Doch nun liegt ein unwegsames Gelände voller Eisblöcke vor ihnen. Es sieht aus, "als ob ein Riese ungeheure Blöcke herabgeschleudert hätte" - so hatte Nansen diese Gegend beschrieben. Schlimmer ist noch, dass diese Eistrümmer nach Nordwesten treiben, also weg von der Eva-Liv-Insel.

Es geht also weiter auf treibendem Eis. Ousland und Ulrich sind noch 15 Kilometer vom Land entfernt und müssen von Eisscholle zu Eisscholle springen. Dabei ziehen sie ihre schweren Kajaks an 13 Meter langen Seilen hinter sich her. Es ist anstrengend und nervenaufreibend. Nachts kämpfen sie um Schlaf, während die Schollen unter ihnen arbeiten. "Es war, als ob dir ständig jemand ins Kreuz treten würde", erzählt Ousland. Am merkwürdigsten war die Stille. Im Winter macht Eis einen Höllenkrach, wenn es bricht und die Trümmer aneinanderreiben. Doch jetzt, bei mildem Frühlingswetter mit Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt, stoßen selbst die dicksten Eisschollen geräuschlos aneinander.

Eines Morgens um vier Uhr weckt Ulrich aufgeregt seinen Gefährten. Laut GPS-Gerät treiben sie pro Stunde fast einen Kilometer von der Küste weg. Als sie aus dem Zelt schauen, sehen sie, dass sich nur hundert Meter weiter ein breiter Kanal dunklen Wassers geöffnet hat. Sofort entscheiden sie, mit allen Kräften zu versuchen, Land zu erreichen. Es ist ihre letzte Chance. Sie paddeln oder schleppen sich mühsam zu Fuß in südöstlicher Richtung durch dichten Nebel, bis sie den Rand festen Eises erreichen. Mehr als 24 Stunden sind sie schon auf den Beinen. Ulrich checkt das GPS-Gerät: Es zeigt keine Drift mehr an. Dieses Eis hängt am Festland. Sie haben es geschafft. In den folgenden acht Wochen folgen sie Nansens und Johansens Spur durch Franz-Josef-Land nach Südwesten. Der Archipel war früher sowjetisches Militärgebiet und ist auch heute nur für wenige zugänglich. Seit Nansens Zeiten hat sich hier nicht viel verändert.


(NG, Heft 1 / 2009)


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