State Fairs - Kirmes auf Amerikanisch

Artikel vom 01.10.2009  —  Autor: Garrison Keillor  —  Bilder: Joel Sartore

Die State Fair, das ist ein ritueller Karneval, wenn der Sommer sich neigt und die Apfelbäume voller Früchte hängen. Ein Fest, ehe wieder die Schule beginnt und strenge Regeln gelten. Ein Vergnügen, bevor uns die lange dunkle Zeit wieder heimsucht, wie wir hier im Norden sagen. Wie bei den immergleichen Bräuchen der Saison, ändert sich auch bei der State Fair von Jahr zu Jahr nicht allzu viel. Das Riesenrad kreist, und die Mädchen kreischen, die Bratwürste brutzeln, und die Jungs werfen sich in Pose. Dies ist weder die Kolumbus-Weltausstellung in Chicago 1893 noch die Pariser Exposition Universelle 1889 noch die Expo 2000 in Hannover. Dies sind nur wir – und wir brauchen eine Pause von der Kartoffelernte.

Das hier sind die zehn tollsten Dinge, die wir auf der State Fair so treiben:

  • Einfach mal alles mit den Händen essen.
  • Sich das Gesicht von den Zentrifugalkräften verzerren lassen, wenn die Fahrgeschäfte dich wild herumschleudern.
  • Sich durch die Menschenmassen schlängeln, schubsen, schieben, dicht an dicht mit Tausenden Besuchern, manche schräg und andere spießig, manche jung, andere hochbetagt, weiter durch das Gewummer der Lautsprecher, vorbei an nackten Neonröhren und am Dunst unzähliger Wurstbuden, auf der Suche nach diesem flüchtigen Etwas, das niemand genau benennen kann.
  • Die Dummheit anderer belächeln, ihre gierige Gefräßigkeit und ihr grausiges Benehmen – um sich selber dann im Vergleich viel kultivierter zu fühlen.
  • Die große Kunstfertigkeit der Verkäufer erleben, der Marktschreier mit all ihrem Drängeln und Locken, und dabei feststellen, wie gut diese Masche bei anderen funktioniert, aber nicht bei coolen Typen wie dir.
  • Designerhühner bewundern oder das größte Schwein, die Gespanne kraftvoller Zugpferde, Lamas, seltene Gänserassen, Geckos, Giftschlangen, ein zweiköpfiges Kalb, einen 300-Kilo-Mann und alles, was einem wachen Forschergeist sonst noch so auffällt.
  • Der Zuchtviehparade und deren Bewertung durch eine Jury zuschauen.
  • Den Eifer der Schausteller beobachten, mit dem sie die Aufmerksamkeit der sich vorbeischiebenden Besucher wecken wollen.
  • Sich hinsetzen und im Trubel ausruhen und im Angesicht des Rummels noch einmal über den Sinn des Lebens nachdenken.
  • Sich von dem vielen Essen, der Vergnügungssucht und den rohen Begierden abwenden und beschließen, von jetzt an höhere Maßstäbe an das eigene Leben anzulegen.

Da ist ein großes Volksfest die reinste Befreiung, eine Flucht in die Genusssucht. Es geht los mit einem Kotelett vom Grill; ein Holzstiel zum Anfassen steckt darin, und ein knuspriger brauner Fettrand zieht sich an einer Seite entlang. Du weißt: Das tut nicht gut. Und dennoch verschlingst du das Schweinesteak mit Schwarte und allem, und deine Tochter isst ihres. Dann holst du einen extragroßen Vanilleshake von der Milchbar, damit die kleinen Doughnuts – eine Tüte voll – nicht so hart im Magen aufschlagen. Nun hast du dich aufgewärmt – und bist bereit für die Corn Dogs, unsere „Würstchen in Maisteighülle“.

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(NG, Heft 10 / 2009, Seite(n) 134)


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