Ziege quetscht sich durch den Schließmuskel. Ächzend und schnaufend verdreht Marion "Ziege" Smith seinen Hals, sein weißer Kopf schrammt über Fels. Das Loch ist kaum größer als der Durchmesser eines Basketballkorbs. Wer hier durch will, muss seinen Körper verbiegen wie ein Yogi: die Arme sind wie beim Kopfsprung vorzustrecken, die Hüften wie ein Korkenzieher zu verdrehen, die Beine krampfhaft zusammenzupressen. Der "Schließmuskel" liegt am Ende eines darmgleich gewundenen Tunnels. "Ziege" schlängelt sich als Letzter aus unserem sechsköpfigen Team hindurch - mit der Wendigkeit des Veteranen und mit einer endlosen Schimpftirade.
Bild: Stephen Alvarez Vergrößern
Ein Höhlenforscher muss Enge aushalten können. Hier kommt John Benson nur durch, wenn er den Helm abnimmt. Er atmet aus, macht seinen Körper so flach wie möglich und schiebt sich ein paar Zentimeter voran. Einatmen, ausatmen - und weiter.
"Nur dass du Bescheid weißt", warnt mich Kristen Bobo und passt auf, dass sie mich nicht mit ihrer Stirnlampe blendet: "Je besser Marion eine Höhle gefällt, desto mehr flucht er." Bobo ist selber eine ausgezeichnete Höhlenforscherin. Die 38-Jährige wirkt zierlich wie ein Kind, ist aber stark wie ein Bergarbeiter. Ihre großen Rehaugen täuschen, ihr Wille ist unnachgiebig wie ein Winkeleisen. Durch den "Schließmuskel" gleitet sie wie eine Schlange. "Ziege" plumpst auf den Boden und verkündet trocken: "Wer runterkommt, muss auch wieder rauf." Als ob wir nicht wüssten, dass wir mehrere hundert Meter tief unter den Bergen Tennessees sind und auf dem Weg an die Oberfläche wieder durch diese Engstelle müssen.
Eigentlich ist Smith Historiker. Der großgewachsene, hagere Mann ist trotz seiner 62 Jahre sehr gelenkig. Seine Haut ist so weiß, dass man glauben könnte, er habe sein ganzes Leben unter der Erde verbracht. Was nicht ganz falsch ist. Seit 1966 erforscht er Höhlen. Er allein hat mehr als 80 Kilometer zuvor unerforschter Gangsysteme erkundet - vorwiegend auf Händen und Knien. Smith war in mehr Höhlen als jeder andere Mensch in Amerika. Wir machen unterhalb des Felsenöhrs eine Pause und schalten die Stirnlampen aus, um die Batterien zu schonen. Die Dunkelheit ist beinahe greifbar. Oben auf der Erde gibt es selbst mitten in der Nacht immer etwas Licht - den Mond, die Sterne, den Schimmer aus der Küche im Spalt unter der Schlafzimmertür. Die Augen passen sich an. Nicht so im Bauch der Erde. Hier gibt es keinen Lichtquant, an den das Auge sich anpassen könnte, und wenn man noch so lange versucht, seine Finger einen Zentimeter vor dem Gesicht zu sehen. Wir stecken in einem erst kürzlich entdeckten Abschnitt der Jaguar-Höhle. Labyrinthisch winden sich ihre Tunnel durch den Kalkstein unterhalb der bewaldeten Hügel von Tennessee. Zusammen mit Alabama und Georgia gehört der Bundesstaat im Süden der USA zum sogenannten TAG-System. Es liegt am Ende eines Kalksteingürtels, der vor mehreren hundert Millionen Jahren entstand, als die Region noch vom Meer bedeckt war. In Kalkgestein gibt es meistens Höhlen, denn Wasser löst den Kalk. Die Jahrmillionen währende Korrosion hat den Felsuntergrund durchlöchert wie einen Schweizer Käse und eine eigene unterirdische Welt geschaffen.
Im TAG-System kennt man bisher mehr als 14 000 Höhlen: 9200 in Tennessee, 4800 in Alabama, 600 in Georgia. Eine Schar rastloser Höhlengänger hat sich zum Ziel gesetzt, jede einzelne zu erkunden.
Die Jaguar-Höhle begehen Menschen schon seit prähistorischen Zeiten. Doch immer noch werden unbekannte Gänge und Röhren entdeckt. Wir knipsen unsere Lampen wieder an und setzen die Erkundung fort - kriechend, kletternd, ziehend und schiebend -, bis wir plötzlich in eine große Kaverne schauen. Smith pflegt zu sagen, dass Höhlen entweder abfallen, aufsteigen oder enden ("they drop, pop or stop"). Hier geht es aufwärts.
Selbst mit dem Fernlicht unserer Stirnlampen können wir die Höhlenwände um uns herum kaum erkennen. Die Kammer hat die Ausmaße einer kleinen, aber sehr hohen Turnhalle. "Seht mal da oben rechts", sagt Bobo. Wir richten unsere Lampen auf eine nasse Felswand und entdecken ein Seil, das aus der Dunkelheit herabhängt. Einer nach dem anderen klettern wir daran hoch.
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