Und ewig lockt die Orchidee

Autor: Michael Pollan  —  Bilder: Christian Ziegler
Frage des Monats
Orchidee geht auf das griechische Wort orchis zurück und heißt übersetzt
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Auch wir Menschentiere müssen uns fragen, ob wir nicht dem Charme der Orchideen erlegen sind. Machen es nicht auch wir wie die Prachtbienen, die mit dem Duft der Blüten um Partnerinnen werben? Auch Vertreter unserer Art sammeln Orchideenessenzen zur Parfümherstellung und tragen die Blüten am Revers. Der Name der Pflanze geht übrigens auf das griechische Wort orchis zurück. Das bedeutet Hoden und bezeichnet die typische Form ihrer Wurzelknollen. Denen werden seit langer Zeit liebesfördernde Eigenschaften zugeschrieben. Man muss auch kein Anhänger Siegmund Freuds sein, um in der Passion für diese Blumen den sexuellen Unterton zu erkennen. Das trifft besonders auf Männer zu. Sie stellen die große Mehrheit der Besucher von Orchideenausstellungen; viele zeigen dort sogar Anzeichen eines „Orchideliriums“. So nannte man auf den britischen Inseln zu Beginn des 19. Jahrhunderts, im Viktorianischen Zeitalter, die von den exotischen Blüten ausgelöste Tollheit, hervorgerufen durch die ersten Züchter.

Der typische Viktorianer zeigte sich empört angesichts der „unverhohlenen Sexualität“ der Orchideen, notierte Eric Hansen in seinem 2002 erschienenen Buch „Orchideenfieber“. Und er meinte nicht Pflanzen- oder Insektensex. Als „lüsterne Erscheinungen“ beschrieb der Kunsthistoriker John Ruskin ihre Blüten. Lüstern? Ist es möglich, dass Menschen beim Betrachten einer Orchidee – den Prachtbienen ähnlich – eine Darstellung weiblicher Anatomie erkennen? Die amerikanische Malerin Georgia O’Keeffe tat es. Kann es sein, dass Orchideen auch menschliche Hirne so umgarnen, dass wir uns zu willigen Helfern ihrer Fortpflanzung machen lassen?

Die erste von Menschen gekreuzte Orchidee erblühte 1856 in der westlichen Welt. Seit jener Zeit ist auch Homo sapiens Orchideenbestäuber – vielleicht noch etwas bewusster als die Bienen. Etwa hunderttausend Orchideenhybriden sind bisher registriert. Viele sind das Ergebnis menschlicher Hände, die Partner aus weit voneinander entfernten Regionen miteinander verkuppelten. Ohne uns gäbe es sie nicht. Nicht dass die Orchideen so etwas geplant hätten. In der Evolution gibt es keinen Plan. Doch in dem Moment, als die Orchidee einen der Schlüssel zum menschlichen Verlangen fand und damit unser Herz aufschloss, eroberte sie eine ganz neue Welt – die unserer Gärten und Fensterbänke. Geben wir es ruhig zu: Wir alle sind die Narren der Orchideen.


(NG, Heft 10 / 2009)


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