Artur Tschilingarows Büro liegt am Ende eines langen Flurs in der Staatsduma, dem russischen Parlament. Der bärtige Polarforscher und gefeierte Held der Russischen Föderation ist stellvertretender Sprecher der Duma. Am Eingang zu seinen Räumen hängt ein Plakat der "Yamal", eines atomgetriebenen Eisbrechers von 150 Meter Länge. Im Büro stehen ein hölzerner Pinguin mit zwei Küken, ein Paar geschnitzter Walross-Stoßzähne sowie acht kleine Porzellan-Eisbären. An der Wand hängt ein Porträt von Wladimir Putin. Tschilingarow trägt den Heldenorden mit goldenem Stern an seinem schwarzen Anzug. Neben ihm steht ein metergroßer Globus, so gekippt, dass der Erdball auf der Seite liegt und beide Pole sichtbar sind. Als ich ihn besuche, ist Winter in Moskau . Drei Monate zuvor, im August 2007, hatte Tschilingarow am Nordpol eine russische Flagge in den Meeresgrund setzen lassen. Es schien, als erhebe Russland damit territoriale Ansprüche, diplomatische Aufregung und weltweite Schlagzeilen waren die Folge. Er ist ein vielbeschäftigter Mann und kommt, als ich Platz nehme, gleich zur Sache: "Es dauerte sieben Tage und Nächte, bis wir den Nordpol erreichten", sagt er. "Das Eis war sehr dick. Keine einfache Aufgabe."
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Die „Healy“ kartierte das Gebiet nördlich von Alasks. Der Nordwindrücken und andere mit dem Kontinent zusammenhängende Formationen könnten es den USA ermöglichen, einige hunderttausend Quadratkilometer zusätzliches Territorium für sich zu beanspruchen.
In der Nähe des Pols fanden Tschilingarows Schiffe eine Öffnung im Eis, durch die zwei Tauchboote - "Mir I" und "Mir II" - zu Wasser gelassen wurden. Tschilingarow saß im ersten, sein Ziel, der Nordpol der Erde, lag 4200 Meter unter ihm.
"Es war dunkel, sehr dunkel", sagt er über den Abstieg. "Es war riskant. Natürlich hatten wir Angst." Er und sein Parlamentskollege Wladimir Grusdew blickten aus den Bullaugen. Grusdew, ein Unternehmer, hatte umgerechnet knapp 400 000 Euro für seinen Platz an Bord bezahlt. In der "Mir II" folgten ihnen ein gleichfalls zahlender schwedischer Abenteurer und Geschäftsmann, der Pharma-Unternehmer Frederik Paulsen, sowie der australische Reiseveranstalter Mike McDowell. Das Abtauchen sollte etwa drei Stunden in Anspruch nehmen, das Auftauchen genauso lang. In dieser Zeit würde die Eisdecke weitertreiben. Falls sie die Öffnung nicht wiederfänden, säßen sie fest. "Wir wussten, dass uns dann niemand hätte retten können", sagt Tschilingarow. Kurz nach Mittag setzte die "Mir I" auf ebenem, aus feinem Lehm bestehenden Meeresboden auf. Das Tauchboot sammelte einige Bodenproben und fuhr dann zum Nordpol. Dort stieß der Roboterarm einen Titanstab mit der russischen Flagge fest in den Schlamm.
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Schon im heutigen Hoheitsbereich der Arktisanrainer erwerben Konzerne Lizenzen, sondieren mit Probebohrungen und fördern Öl und Gas. Wenn es den Anrainern gelignt, ihre Ansprüche nach Norden auszudehnen, können sie auf weitere Lagerstätten hoffen.
"Warum? Es wird doch jedes Mal, wenn eine Nation mit etwas Erfolg hat, eine Flagge aufgezogen!", sagt er. Auf dem Eis über dem Nordpol würden die Flaggen vieler Länder wehen. Am Südpol wehen Flaggen. Auf dem Gipfel des Mount Everest. "Die Amerikaner haben sogar auf dem Mond eine aufgestellt", sagt Tschilingarow. Er zieht ein Foto der Flagge und des Roboterarms hervor, unterzeichnet es schwungvoll mit einem schwarzen Filzstift und überreicht es mir. "Dies ist eine der größten Explorationsleistungen der Welt", erklärt er. "Ich bin stolz, dass dort die Flagge Russlands steht. Aber es ist auch noch jede Menge Platz für die Flaggen anderer Länder."
Das ganze Unternehmen sei privat finanziert gewesen, nicht etwa eine offizielle Aktion des Kreml. Putin habe ihn nicht geschickt, er habe sogar gewarnt, dass die Tauchexpedition zu gefährlich sei. Doch Tschilingarow - Patriot und gewiefter Politiker - war sehr wohl bewusst, dass ihn ein Erfolg zum Nationalhelden machen würde.
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