Wenn der heilige Berg ruft

Artikel vom 01.12.2009  —  Autor: Robert Draper  —  Bilder: Travis Dove

Der heilige Berg Athos thront über der gleichnamigen Landzunge, die von der Halbinsel Chalkidiki rund 50 Kilometer weit ins Ägäische Meer hinausragt – wie ein Anhängsel, das versucht, sich vom säkularen Corpus des nordöstlichen Griechenlands abzusondern. Seit etwa tausend Jahren siedeln hier orthodoxe Mönche, deren Gemeinschaft allem entsagt außer Gott. Sie widmen ihr Leben einem einzigen Ziel: der Einswerdung mit Jesus Christus. Ihre Exklave ist der Inbegriff von Abgeschiedenheit. Die Mönche verbringen die meiste Zeit in stiller Einkehr und im Gebet. Mit ihren Vollbärten und ihren schwarzen Gewändern – die zeigen sollen, dass sie für die Außenwelt gestorben sind – wirken sie wie die Figuren auf einem byzantinischen Fresko.

In den 20 Klöstern des theokratischen Staats leben ausnahmslos Männer. Seit seinen Anfängen gilt die Regel, dass Frauen den heiligen Berg nicht einmal besuchen dürfen. Dieses Gebot ist der menschlichen Schwäche geschuldet, wie ein Geistlicher erklärt: "Wenn Frauen hierherkommen könnten, würden zwei Drittel von uns mit ihnen fortgehen und heiraten."
Wer Mönch wird, kappt alle Bindungen zur eigenen Mutter und verehrt fortan die Heilige Jungfrau Maria. Die Glaubensbrüder stehen außerdem in enger Verbundenheit zum Abt ihres Klosters oder zum Ältesten ihrer Zelle, der zu ihrem spirituellen Vater wird und, wie es ein Mönch formuliert, "ihnen hilft, eine persönliche Beziehung zu Gott zu finden".

Der Ruhestand oder der Tod einer dieser Eminenzen ist für die Brüder oft eine schwierige Erfahrung. Umgekehrt kann aber auch die Entscheidung eines jungen Mannes, in die Welt zurückzukehren, Seelenschmerz verursachen. "Im vergangenen Jahr hat uns einer verlassen", erzählt einer der Ältesten. "Er hat mich nicht um Rat gefragt", fügt er hinzu, und seine Stimme verrät dabei väterliche Verletztheit, "deshalb ist es vermutlich besser, dass er fortging."

Christliche Mönche begannen im 4. Jahrhundert, Klöster in der ägyptischen Wüste zu errichten. Diese Praxis breitete sich im Nahen Osten und in Europa aus. Um das 9. Jahrhundert kamen Einsiedler zum Berg Athos.

Seit jener Zeit ist unsere Gesellschaft komplexer geworden; die möglichen Gründe für einen Rückzug ins klösterliche Leben haben sich vervielfacht. Durch die beiden Weltkriege und durch die Repression der Religion in kommunistischen Staaten hatte sich die Gemeinschaft auf dem Berg Athos im Jahr 1971 zwar auf 1145 Mitglieder verkleinert. Doch in den vergangenen Jahrzehnten kam es zu einer Wiederbelebung der Klöster. Ein Zustrom junger Männer, oft mit Hochschulbildung und zu einem guten Teil aus dem ehemaligen Ostblock, hat die Reihen der Mönche und Novizen wieder dichter gefüllt. Heute sind es rund 2000. Zudem unterstützt Brüssel die Finanzierung der Klosterrepublik, seit Griechenland im Jahr 1981 Mitglied der Europäischen Union wurde.

"Hier gibt es 2000 Geschichten. Jeder ist seinen eigenen spirituellen Weg gegangen", sagt Pater Maximos, ein ehemaliger Theologieprofessor der Harvard-Universität. Es ist meist nicht leicht, einen solchen Weg zu beschreiten. Ein Junge aus Athen läuft fort. Als sein Bruder zum Berg Athos kommt, um ihn zurückzuholen, warnt der Junge: "Ich hau sofort wieder ab." Der Sohn eines Lebensmittelhändlers aus Pittsburgh überrascht seine Eltern mit dem festen Entschluss, ins Kloster zu gehen – aber zwei Jahre später gibt er zu, dass dies vielleicht doch nicht endgültig war. "Wer weiß schon, was Gott geplant hat?"
Wenn die Aspiranten ihrem spirituellen Vater noch unentschlossen vorkommen, wird er sie zur Rückkehr auffordern. Im anderen Fall erhält der Kandidat bei Kerzenlicht die Tonsur: Der Abt schneidet ein winziges Kreuz in dessen Haupthaar und verleiht ihm den Namen eines Heiligen. Ein Mönch ist geboren.

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