Wildnis wie gemalt

Artikel vom 01.03.2009  —  Autor: John Vaillant  —  Bilder: Michael Christopher Brown

Der Weg über den Misery-Pass ist unsichtbar, wenn man nicht genau weiß, wonach man zu suchen hat. Hier, am Oberlauf des Gataga in den nördlichen Rocky Mountains von British Columbia, gibt es keine Straßen. Das ist Wayne Sawchuk durchaus recht. "Es sollte wenigstens einen Ort auf der Welt geben, wo man seinen Pfad noch selbst finden muss", sagt er. Der regennasse, glitschige Schiefer bietet etwa so viel Bodenhaftung wie ein Haufen Porzellanscherben. Er zerspringt unter den rutschenden Pferdehufen und prasselt hinunter in eine Schlucht. 300 Meter unter uns verläuft die Baumgrenze, 300 Meter über uns windet sich der Pass zwischen zwei Bergflanken hindurch. Um uns herum steile Gletscher, die vor dem schweren grauen Himmel seltsam leuchten. Wir sind zu sechst unterwegs, mit 13 Pferden. Der Pfad ist so steil, dass niemand im Sattel sitzt. Wir führen unsere Reittiere am Zügel und wissen: Wenn eines den Halt verliert, können wir es vor dem Sturz in die felsigen Stromschnellen unter uns nicht bewahren. Doch entweder überqueren wir diesen Pass - oder wir machen einen 150 Kilometer langen Umweg.

Flusslauf

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Wie steinerne Wächter, von Wind und Wasser gemeißelt, stehen Felssäulen - hoodoos genannt - über dem Gletscherfluss Wokkpash Creek. Der beste Schutz für die M-K ist ihre abgeschiedene Lage in der Provinz British Columbia.

Zwei Wochen zuvor hatte Sawchuk bei einer Flusspassage nicht weit von hier beinahe ein junges Packpferd verloren. Nicht in der reißenden Strömung, sondern durch die eisige Kälte. Fünf Menschen, die dabei selber fast erfroren wären, mussten das Pferd ans Ufer ziehen. Es dauerte eine halbe Stunde, um es aufzuwärmen. Im Juli! Aber das ist hier, wo täglich zuweilen ein Dutzend Flussüberquerungen anstehen, eine der bekannten Gefahren. Als wir den Sattel des Misery-Passes erreichen, ist schwer zu sagen, wer heftiger keucht: Menschen oder Pferde. In einer windumtosten Mulde kommen wir wieder zu Atem. Außer seichten blauen Bergseen gibt es wenig zu sehen. Lupinen und Leimkraut präsentieren tapfer ihre letzten Blüten dieses Jahres. In dem mit Flechten bewachsenen Tal erkennen wir symmetrische Vertiefungen, die wie Gräber aussehen: Da haben Schafe gelagert, vielleicht schon vor 1000 Jahren. Halbwegs über dem Pass, sehen wir erstmals seit Tagen deutliche Spuren von Menschen: ein abgestürztes Flugzeug. Die Leichen der Passagiere wurden geborgen, aber vier Paar Turnschuhe blieben zurück, alle noch ordentlich gebunden. Wir stehen auf der Kontinentalen Wasserscheide der Rocky Mountains, zwei Grad südlich des 60. Breitengrades. Wie die Menschen in dem Flugzeug wollen auch wir nur auf die andere Seite. Der Weg hinab wird fast genauso steil, und wir müssen unsere 500 Kilo schweren Pferde weiterhin am Zügel führen. Der Unterschied zum Aufstieg ist, dass sie jetzt uns plattwalzen, falls sie stürzen. Das Risiko, wird mir klar, ist der Preis, den wir für den Eintritt in die Welt unseres Tourführers zahlen.


(NG, Heft 3 / 2009)
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