Chinas rastlose Seelen

Artikel vom 01.01.2010  —  Autor: Peter Hessler  —  Bilder: Ira Block
Frage des Monats
Wieso wurden den Königen im alten China nach ihrem Tod neue Namen gegeben?
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Ein Archäologe sagte mir einmal, dass er Hinweise auf 60 verschiedene Methoden gefunden habe, mit denen während einer Shang-Zeremonie ein Mensch getötet werden konnte. Aber er wies darauf hin, dass es sich stets um Riten gehandelt habe, nicht um Morde. In den Augen der Shang waren Menschenopfer schlicht ein Teil ihrer bemerkenswert gut organisierten Kultur. Die Shang führten einen exakten Kalender, auf dem sie ihre Opfertage jeweils einem bestimmten Vorfahren widmeten.

Die Ahnen ihrerseits hatten Funktionen in einer weit verzweigten Bürokratie. Die Könige erhielten nach ihrem Tod neue Namen. So sollte deutlich werden, dass sie nun eine neue Rolle angenommen hatten. Der Zweck der Totenverehrung war nicht, die Erinnerung an ihr Leben wach zu halten. Sondern sie diente dazu, sich mit ihnen gutzustellen - schließlich war jedem von ihnen eine feste Verantwortung zugewiesen worden. Auf vielen Orakelknochen finden sich Inschriften, die von einem Ahnen im Jenseits verlangen, er solle selbst einer noch größeren Macht ein Opfer darbringen. David N. Keightley, Historiker an der Universität von Kalifornien in Berkeley, erzählt mir, dass ihn überrascht habe, wie exakt die Inschriften auf Orakelknochen die Hierarchie abbilden: „Die erst kürzlich Verstorbenen befassen sich mit unwichtigen Fragen. Wer schon länger tot ist, kümmert sich um die bedeutenderen Dinge“, sagt er. „So lässt sich die Welt organisieren.“

Als die Kultur der Shang im Jahr 1045 v. Chr. niederging, übernahm die Zhou-Dynastie deren Brauch, mittels Orakelknochen Weissagungen zu treffen. Die Zhou herrschten in Teilen Nordchinas bis zum 3. Jahrhundert v. Chr., Menschenopfer hingegen wurden seltener. Den königlichen Grabstätten gab man eher mingqi bei, also nur vermeintlich beseelte Reproduktionen echter Gegenstände. Nun ersetzten symbolische Keramikfiguren die Menschenopfer.

Das beste Beispiel ist die Terrakottaarmee, eine Auftragsarbeit für Chinas ersten Kaiser Qin Shi Huang Di. Diese Streitmacht mit etwa 8000 lebensgroßen Skulpturen sollte dem Kaiser im Jenseits dienen. Die folgende Dynastie, die der Han, hinterließ eine Sammlung von Objekten mit weniger militärischem Charakter. Aus dem Grab von Han Jing Di, der von 157 bis 141 v. Chr. regierte, wurde ein erstaunliches Spektrum ganz alltäglicher Gegenstände geborgen: Nachbildungen von Schweinen, Schafen, Hunden, Kutschen, Spaten, Krummäxten, Meißeln, Herden oder Messgeräten - und sogar offizielle Tintenstempel, die von den Bürokraten des Jenseits verwendet werden sollten.


(NG, Heft 1 / 2010)


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