Das Echo der Wellen

Artikel vom 01.01.2010  —  Autor: Lynne Warren  —  Bilder: Jim Richardson
Frage des Monats
Die Meereshöhle Fingal’s Cave wurde von den Inselbewohnern Uamh-Binn genannt, also...
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Eine Szenerie aber galt weithin als die merkwürdigste von allen. Sie wurde im Jahr 1772 von dem englischen Naturforscher Joseph Banks entdeckt. Auf dem Weg nach Island über die Hebriden hatte er Staffa besucht und war im Südwesten der Insel auf „die erstaunlichsten Stellen“ gestoßen. Über die hoch aufragenden Basaltsäulen, die der Reisegesellschaft des Forschers ein atemberaubendes Schauspiel boten, weiß man heute, dass es sich um Überreste eines gewaltigen Vulkanausbruchs handelt, der vor rund 60 Millionen Jahren begann, das Nordatlantikbecken aufzureißen.

Am meisten verblüffte die Entdecker eine Meereshöhle, der Banks den Namen Fingal’s Cave gab. Fingal war der Held eines Gedichts, das der Schotte James MacPherson angeblich übersetzt hatte. Die Verse sollten auf einen gälischen Barden namens Ossian zurückgehen - eine Art britischen Homer. Das Epos, das, wie später nachgewiesen wurde, zu großen Teilen aus MacPhersons eigener Feder stammt, beschwor eine mythische Vergangenheit und löste eine romantische Schwärmerei für die nebelverhangenen Landschaften im Norden Großbritanniens aus.

Die mit Säulen ausgefüllte Fingal’s Cave, deren Eingang sechs Stockwerke hoch ist, reicht etwa 70 Meter tief ins Gestein hinein. Laut hallt das Rauschen des Meeres darin wider. „Was sind dagegen die von Menschenhand errichteten Kathedralen oder Paläste!“, schrieb Banks. Eigentlich hatte der Engländer natürlich überhaupt nichts entdeckt: Die gälisch sprechenden Inselbewohner wussten um das donnernde Echo der Wellen in der Grotte, die sie Uamh-Binn nannten, die „Melodische Höhle“. Doch weil Banks berühmt war, fand sein Bericht weithin Beachtung. Indem er das geologische Wunder mit dem populären Ossian-Gedicht verknüpfte, trug er dazu bei, dass die Höhle zu einem Muss für Touristen wurde.

Der Augenblick war günstig. Nachdem Druckplatten aus Stahl die weicheren aus Kupfer abgelöst hatten, konnten illustrierte Reisebücher billiger und in größeren Auflagen hergestellt werden. Neue Straßen und Dampferverbindungen erleichterten das Reisen von Insel zu Insel. In den Jahren der napoleonischen Kriege war es für die Briten fast unmöglich, aufs europäische Festland zu fahren. Die Hebriden hingegen waren erreichbar - wenn auch nur mit abenteuerlichem Aufwand.


(NG, Heft 1 / 2010)


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