Der Schlüssel zur Selbständigkeit

Artikel vom 01.01.2010  —  Autor: Josh Fischman  —  Bilder: Mark Thiessen
Frage des Monats
Wie vielen gehörlosen Menschen konnte bisher mit einem Cochlea-Implantat geholfen werden?
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Eric Schremp braucht keine künstlichen Hände. Er möchte nur, dass seine eigenen funktionieren. Der heute 40-Jährige hat sich 1992 das Genick gebrochen; seitdem ist er querschnittsgelähmt. Dennoch kann er seit kurzem wieder Messer und Gabel benutzen. Dabei hilft ihm ein Implantat, das Hunter Peckham entwickelt hat, ein Medizintechniker an einer Privatuniversität in Cleveland. Peckhams Credo lautet: „Der Gebrauch der Hände ist der Schlüssel zur Selbständigkeit.“

Bei Schremp sind die Fingermuskulatur und die Nerven zu ihrer Steuerung noch intakt, aber die vom Gehirn kommenden Signale werden am beschädigten Rückenmark im Hals blockiert. Peckham verlegte nun acht haarfeine Elektroden von Schremps Brustkorb unter der Haut des rechten Arms bis in die Muskeln der Finger. Wenn ein Muskel in seinem Brustkorb zuckt, löst er ein Funksignal aus. Das wird zu einem Computer gesendet, der am Rollstuhl hängt. Der Computer interpretiert das Signal und funkt es zu einem Empfänger in Schremps Brustkorb zurück. Von dort läuft dann ein Kommando über Drähte durch den Arm in die Hand und befiehlt den Fingermuskeln, sich zu schließen - alles innerhalb einer Millisekunde. Ich kann nun wieder eine Gabel halten und allein essen“, erzählt Schremp. „Das bedeutet mir sehr viel.“

Erst 250 Patienten kamen bisher in den Genuss dieser experimentellen Technik. Dagegen hat ein anderes bionisches Gerät bereits bewiesen, dass die Verbindung von Mensch und Maschine dauerhaft funktionieren kann. Dieses Gerät ist das Cochlea-Implantat, eine Art elektronisches Ohr. Weltweit leben schon 200000 Personen damit. Einer der jüngsten Empfänger ist der knapp zweijährige Aiden Kenny.
Tammy, seine Mutter, erfuhr vor einem Jahr, dass ihrem Baby mit Hörgeräten nicht zu helfen sei. „Einmal hat mein Mann sogar Kochtöpfe gegeneinander geschlagen, weil er auf eine Reaktion hoffte.“ Damals hörte Aiden den Lärm nicht. Heute schon.

Im Februar 2009 fädelten Chirurgen am Johns-Hopkins-Hospital dünne Leitungen mit jeweils 22 Elektroden in seine Ohren, genauer gesagt in die Cochlea. Das ist jener Teil des Innenohrs, in dem die Schallschwingungen auf den Gehörnerv übertragen werden. Bei Aiden nimmt ein Mikrofon die Geräusche auf und sendet sie als elektrische Impulse an die Elektroden. Die stimulieren dann den Hörnerv. „Als die Ärzte das Implantat einschalteten, haben wir sofort gemerkt, dass unser Sohn auf Geräusche reagiert“, erzählt Tammy Kenny. „Er hat sich nach dem Klang meiner Stimme umgedreht.“ Da Aiden nun hören kann, lernt er auch das Sprechen und wird den Vorsprung der Gleichaltrigen bald eingeholt haben.


(NG, Heft 1 / 2010)


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