Die Kinder von Asmara

Artikel vom 01.01.2010  —  Autor: Wolfgang Bauer  —  Bilder: Steffi Graf
Kein Raum für Privatsphäre

Bild: Steffi Graf Vergrößern

Der fünfjährige Sirak Michael lebt mit seiner Familie in einer Hütte mit nur einem Raum.

Die Hände des Vaters ruhen auf den Knien. Er sitzt müde am Bettrand. Zwischen krummen Schultern hängt ein kantiger Kopf. Die Haare sind bis auf die Haut geschoren. Er ist vom Militär zurückgekommen, einen Urlaubsmonat lang, dann geht er wieder zur Armee. „Du solltest sie nicht so hart auf den Kopf schlagen“, bittet ihn seine Frau. Die Wände der schmalen Wohnzelle sind bis in Kinderhöhe dreckverschmiert. Drei Mädchen und vier Jungs teilen sich ein Stockbett mit ihren Eltern. Die Lehrerin der achtjährigen Selam hat die Mutter schon mehrfach einbestellt und ihr gesagt: „Haut das Mädchen nicht mehr.“ Es sei ganz still im Unterricht und eingeschüchtert. Ghebrewoldu Tesfay, 41 Jahre alt, schaut kurz auf. Er trinkt viel. Oft rutscht ihm die Hand aus. Auch seiner neun Jahre jüngeren Frau Ghenet Teklu, die allein mit den Kindern zurechtkommen muss. Nur schlägt sie nicht so hart.

Die Tesfays leben in einem Staat, der von fast allem zu wenig hat, aber eines im Überfluss: Erfahrung mit Gewalt. In 30 Jahren Kampf errang Eritrea seine Unabhängigkeit von Äthiopien, zunächst in Guerillakämpfen, dann in konventionellem Krieg. Der Konflikt um Grenzverläufe und besetzte Gebiete dauert an. Kein anderes Land der Welt hält so viele seiner Bürger unter Waffen. Kein anderes gewährt ihnen, wie Menschenrechtsorganisationen beklagen, so wenig Meinungsfreiheit. Eritrea hat gespannte Beziehungen zu fast allen seinen Nachbarn, von überall her fühlt es sich bedroht. Der jüngste Staat Afrikas ist einer der zehn ärmsten der Welt.

Kinder unter sich

Bild: Steffi Graf Vergrößern

Blick über eine Hüttensiedlung in Abashawil auf das Zentrum von Asmara.

Im wiederum ärmsten Viertel seiner Hauptstadt Asmara, an einem Hang über dem Regierungsviertel, steht der Verhau, in dem die Tesfays ihre Kinder großziehen. „Sie sind sehr schwierig“, sagt Ghenet zu ihrem Mann. „Immer liegen sie mir in den Ohren: Wir wollen das, das, das.“ Sie seufzt. „Das tun meine Kinder auch“, pflichtet ihr die blonde Frau bei, die heute aus einem fernen Land zu Besuch gekommen ist. Sie sitzt zwischen den Kindern der Tesfays auf einem Hocker, hellhäutig und hochgewachsen.

Für Ghenet ist sie einfach nur eine ausländische Fotografin, die Bilder von ihrer Familie machen will. Für die meisten anderen Menschen ist sie eine der wichtigsten Sportlerinnen der Gegenwart. Stefanie Graf, siebenmalige Wimbledon-Siegerin, Gewinnerin von 22 Grand-Slam-Turnieren, hat sich nach Beendigung ihrer Tenniskarriere weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Nur zur Unterstützung ihrer Stiftung „Children for Tomorrow“ sucht sie noch das Rampenlicht. Die zweifache Mutter nutzt ihren Namen, sammelt Spenden in Millionenhöhe, um Therapieeinrichtungen für traumatisierte Kinder aufzubauen. Was 1998 mit Hilfsangeboten für Flüchtlingskinder in Hamburg-Eppendorf begann, ist mittlerweile ein Netzwerk aus Therapieeinrichtungen in sechs Ländern. Die Stiftung hilft in den Townships von Südafrika, im Kosovo und in Uganda. In Mosambik fördert sie die Ausbildung von Kinder- und Jugendpsychotherapeuten.

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(NG, Heft 1 / 2010, Seite(n) 122 - 138)

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