Ein Meer von Bergen

Autor: Ulrich Ladurner  —  Bilder: Georg Tappeiner
Frage des Monats
Wann erforschte der französische Wissenschaftler – und Namensgeber – Déodat de Dolomieu die Dolomiten?
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Die Dolomiten regten die Phantasie aller Menschen an, gleichviel, ob es sich um Bauern handelte, die im Schatten ihrer Türme lebten und nachts, wenn der Wind draußen um die Felsen und durch die Wälder brauste, den Atem eines Drachen am Werke wähnten, oder um Künstler, die kamen, um die schroffe, kühne Schönheit zu bewundern. Diese Berge ließen niemanden gleichgültig. Auf Generationen von Künstlern wirkten sie wie eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Goethe beschrieb sie mit staunenden Worten auf seiner italienischen Reise im Jahr 1786, Ernest Hemingway weilte oft in Cortina, Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, feierte in den Dolomiten seine Silberhochzeit, Arthur Schnitzler siedelte die Monolognovelle „Fräulein Else“ in San Martino di Castrozza an, wo „die Luft ist wie Champagner“. Die Dolomiten, ein Kunstwerk der Natur, fanden so ein Echo in den Werken der Menschen, in Wissenschaft und Literatur, in Büchern, Gemälden und Fotografien.

Wollte man einen Zeitpunkt benennen, an dem diese Berge aus dem Dunkel menschlichen Unwissens auftauchten – wie Äonen zuvor aus den Tiefen der Tethys –, dann ist es das Jahr 1789. Damals kam ein französischer Wissenschaftler namens Déodat de Dolomieu in die Alpen. Im Jahr der Französischen Revolution, jener epochalen Zäsur, die nun das Individuum ins Zentrum aller Dinge stellte. Der Mensch sollte sich frei entfalten, sich die Welt unvoreingenommen und neu aneignen können.

Dolomieu war ein Kind dieser Zeit, ein unermüdlicher Forscher und Abenteurer. „Meine Phantasie bedurfte weiter Räume“, beschreibt er seinen Forscherdrang: „Jedes Jahr eilte ich zu einer Bergkette, stieg auf ihre Gipfel, um jene tiefen Eindrücke zu empfinden, die aus der Betrachtung des weiten Horizonts entstehen. Da oben dachte ich nach über die Entstehung der Erdkugel, die Umwälzungen, die sie erfahren hat, die Vorgänge, die ihre Formen verändert und den heutigen Zustand bewirkt haben ... Wie ich so nach und nach höher stieg und meinen Gedanken immer weiteren Raum gab, verstärkte sich auch mein Weltbild: Mein Horizont stieß auf immer weniger Grenzen.“

Im Sommer 1789 wanderte Dolomieu kreuz und quer durch Tirol. Dabei fiel ihm immer wieder ein helles Gestein auf, das er fälschlicherweise für Kalkstein hielt. Er machte chemische Versuche, unter anderem begoss er es mit Säure, um es aufzuschäumen. Doch die Aufschäumung war äußerst gering, und als er die Steine gegeneinanderschlug, phosphoreszierten sie. Dolomieus Beobachtungen wurden im renommierten Journal de Physique veröffentlicht und erregten die Aufmerksamkeit nicht nur der wissenschaftlichen Gemeinde, sondern auch vieler Amateure der Mineralienforschung. Ihm zu Ehren erhielt das neu bestimmte Gestein 1792 offiziell den Namen Dolomit, später auch das daraus zusammengesetzte Gestein. Damit hatte Dolomieu die Bleichen Berge für die Wissenschaft entdeckt – und sozusagen für alle Welt. 


(NG, Heft 3 / 2010)


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