Ein Wald aus Stein

Autor: Neil Shea  —  Bilder: Stephen Alvarez
Frage des Monats
Am Boden der Tsingy im Osten Madagaskars jagt die Fossa ihre Beute. Dabei handelt es sich um...
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Am vielfältigsten ist das Leben ganz unten, am feuchten Boden der Kluftkarren, wo sich Wasser und Erdreich sammeln. Zwischen Orchideen und gigantischen Laubbäumen zeigt sich ein buntes Bestiarium: riesige Schnecken, faustgroße grillenähnliche Insekten, Riesenchamäleons, smaragdgrüne Madagaskar-Boas und Rote Waldratten. Hier jagt auch die Fossa, ein Raubtier aus der Familie der Schleichkatzen, nach unvorsichtigen Lemuren. Die Fossa ist ein drahtiges Säugetier mit dünnem Fell und einziehbaren Krallen. Unter der Erde schließlich leben in Höhlen und Wasserläufen Fische, Krebse, Insekten und anderes Getier. Manche Arten kommen nie ans Licht.

Dieses Biotop ist wie eine Festung, die ihre Bewohner mit unzugänglichen Felswällen schützt, während rundherum in Madagaskar andere Ökosysteme zerstört werden. Wenn es ein perfektes Schutzgebiet gibt, sagen Biologen, dann sieht es so aus. In seiner Abgeschiedenheit entwickeln sich Tiere und Pflanzen eigenständig weiter. Viele Arten, die hier leben, zeigen große Unterschiede selbst zu nahen Verwandten auf dem afrikanischen Festland.
Die bekanntesten Geschöpfe der Insel sind sicher die Lemuren. Ihre Ahnen stammen aus Afrika, starben dort jedoch aus und überließen den Kontinent anderen Primaten, aus denen schließlich die Menschenaffen hervorgingen. Lemuren leben heute nur noch auf Madagaskar, und das in vielen Erscheinungsformen. Die größte Art, mittlerweile ausgestorben, war so groß wie Gorillas. Am anderen Ende des Spektrums steht der winzige, handtellergroße Mausmaki, der kleinste Primat der Erde.

Die Tsingy sind ein Relikt aus einem anderen Zeitalter. Die Felswände schützen den Wald im Nationalpark, der sich inzwischen deutlich vom Rest der Insel unterscheidet, von der Palmensavanne im Osten genauso wie von den Küsten im Westen. Doch auch auf Madagaskar bleibt die Zeit nicht stehen.
Vor etwa 2300 Jahren besiedelten die ersten Menschen diese Insel. Seither haben sie 90 Prozent der ursprünglichen Lebensräume zerstört, durch Holzgewinnung, Brandrodung und Weidewirtschaft. Viele der einst hier lebenden Arten sind ausgestorben. Nur noch im Gebiet der Tsingy hält sich der menschliche Einfluss in Grenzen. Im Westen umringen die Felsen einen großen Teil des Waldes wie eine Barriere. Sie verhindern den Bau von Straßen und Dörfern und halten das Vieh fern, das anderswo mit seinen Hufen und einem großen Futterbedarf die Refugien von Wildtieren bedroht. Außerdem dienen die Tsingy als Feuerwall gegen natürliche und absichtlich gelegte Brände.


(NG, Heft 2 / 2010)


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