Jeder Vogel ein König

Artikel vom 01.01.2010  —  Autor: Tom O’Neill  —  Bilder: Stefano Unterthiner

Erst hört man nur den Lärm: Königspinguine, die schreien, kämpfen, balzen. Dann durchdringt ein stechender Gestank die Luft. Nach Fisch . Und nach dem Ammoniak in den Exkrementen der Vögel . Aber dieser Angriff auf Ohren und Nase ist nur ein Vorgeschmack auf das, was dem Auge geboten wird. Als der Fotograf Stefano Unterthiner auf der Île de la Possession - einem windumtosten Eiland in der Crozet-Inselgruppe rund 2250 Kilometer nördlich der Antarktis - auf einen Bergrücken klettert, liegt plötzlich ein Tal voller Pinguine vor ihm: Zehntausende haben sich dort versammelt. Wie zu einer Massendemonstration.

Wenn auf der südlichen Erdhalbkugel der Sommer beginnt, brüten die Königspinguine. Die Meerestiere, die im Wasser so schnell und beweglich sind, tappen schwerfällig an Land. Dann beginnt das Spektakel: In einer gigantischen Schar wechseln alle im gleichen Zeitraum das Gefieder, paaren sich und bringen ihre Jungen zur Welt. Wie es dem Namen entspricht, machen die Königspinguine am Hof der Seevögel eine noble Figur. Mit einer Körpergröße von bis zu einem Meter und einem Gewicht von durchschnittlich 13 Kilo sind sie - nach den Kaiserpinguinen - die Zweitgrößten ihrer Spezies. Nicht zuletzt gehören sie mit ihren leuchtend orangefarbenen Flecken an Kopf, Schnabel und Hals sowie an der oberen Brusthälfte auch zu den prächtigsten Pinguinarten.

Auf der Île de la Possession brüten die Königspinguine in sechs Kolonien; die größte umfasst 36 Hektar. Französische Wissenschaftler haben diesem felsübersäten Tal den Spitznamen Jardin Japonais gegeben. Anders als in einem „Japanischen Garten“ würde hier aber niemand Ruhe zum Meditieren finden: In der Kolonie herrscht ständig ein endloses Getöse, weil jeder Vogel ein Revier verteidigt, das noch nicht einmal so groß ist wie ein Kanaldeckel.

Auf diesem beengten Raum brüten Männchen und Weibchen abwechselnd. Ein Nest bauen die Königspinguine nicht. Sie balancieren das Ei auf den Füßen und decken es mit einer lockeren Hautfalte ab. Auf diese Weise wärmen sie später auch das frisch geschlüpfte Junge, bis sein Gefieder so dicht ist, dass es Wind und Regen trotzen kann. Während der Brut und der Aufzucht hacken die Pinguine nach allen Eindringlingen, die sich nähern; dazu gehören Meeresvögel wie Röhrennasen oder Raubmöwen, die an den Eiern und Jungen Geschmack finden. Nach wissenschaftlichen Berechnungen wendet ein Pinguin täglich etwa vier Stunden und 2000 Schnabelhiebe auf, um unerwünschte Gäste abzuwehren.
„Obwohl es so beengt zugeht, hat man nicht den Eindruck, dass Chaos herrscht“, erzählt Stefano Unterthiner. „Die Pinguine sind gut organisiert, fast wie eine militärische Formation. Jeder bewacht seinen Grund und Boden.“

Königspinguinkolonien gibt es auf sieben Inseln und Inselgruppen im Süden des Indischen und des Atlantischen Ozeans . Ihr Bestand ist mit rund 2,2 Millionen Brutpaaren in guter Verfassung. Eine Studie mahnt jedoch zur Vorsicht: Auf den Crozetinseln, wo etwa die Hälfte aller Königspinguine brüten, führt die Erwärmung des Meeres zu einem verringerten Nahrungsangebot; der Klimawandel könnte langfristig auch diese Tiere in Bedrängnis bringen. Bisher jedoch zeugen Lärm, Gestank und Schnabelhiebe von der Pracht und der Lebendigkeit der Königspinguine.

Lesen Sie den kompletten Artikel in der Ausgabe 01/2010 von NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND.


(NG, Heft 1 / 2010, Seite(n) 58 bis 69)


Extras

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Drei faszinierende Dokumentationen in einem DVD-Set: "Abenteuer Arktis - Leben am Polarmeer", "Der König der Arktis - Im Reich der Eisbären" und "Die Wanderung der Pinguine". mehr...

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