Rituale für die letzte Ruhe

Artikel vom 01.01.2010  —  Autor: Peter Hessler  —  Bilder: Ira Block

Die Einwohner des Dorfs „Frühlingstal“ sprechen nur selten von ihren Toten. Und sie erzählen nicht gern von ihren Erinnerungen. „Dieser Ort war immer so arm“, sagen sie, als ich sie nach den alten Zeiten frage, und dann sagen sie gar nichts mehr. Ein paar alte Fotos, einige wenige schriftliche Aufzeichnungen, das ist alles, was ihnen von früher geblieben ist. Die Chinesische Mauer verläuft ganz in der Nähe, aber selbst deren eindrucksvolle Ruinen erwecken bei ihnen kaum Interesse.

Als ich im Jahr 2001 in dem Dorf eine Bleibe miete, um mehr über die Geschichte der Region herauszufinden, muss ich schon bald begreifen, dass sich die Vergangenheit dort allenfalls in flüchtigen Momenten zeigt. Wie die meisten heutigen Chinesen interessieren sich auch die Menschen in „Frühlingstal“ vor allem für die Chancen, die sich ihnen in der Gegenwart bieten: für die steigenden Absatzpreise der lokalen Agrarprodukte und für die Arbeitsplätze, die der Bauboom nur zwei Stunden von dem Dorf entfernt in Peking schafft.

Nur an einem einzigen Tag im Jahr blicken sie zurück, und zwar im April, beim Totenfest Qingming. Der chinesische Name bedeutet so viel wie „Tag der klaren Helligkeit“. Dieser Feiertag wird in China in regional unterschiedlicher Form seit mehr als tausend Jahren begangen. Die Anbetung der Verstorbenen wurde sogar noch früher praktiziert. Schon vor mehr als fünf Jahrtausenden gab es bei den Völkern Nordchinas streng geregelte Grabesriten.

Spuren dieses Totenkults leben noch heute fort. In meinem ersten Jahr in Frühlingstal begleite ich am Qingming-Tag meine Nachbarn auf ihrem rituellen Gang zum Friedhof. Nur Männer dürfen daran teilnehmen. Sie heißen alle Wei. Rund ein Dutzend Mitglieder dieses weitläufigen Clans brechen schon vor dem Morgengrauen auf, um den Berg hinter dem Dorf zum Friedhof hinaufzuwandern. Sie tragen einfache Arbeitskleider und sind mit Schaufeln und Körben bepackt. Sie reden nicht und machen keine Rast.

Der Dorffriedhof liegt oben auf dem Berg, einfache Erdgräber in geraden Reihen, eine für jede Generation. In der vordersten Reihe beginnen die Männer jedes Jahr mit ihrer Arbeit. Dort sind die zuletzt Verstorbenen bestattet, Mütter, Väter, Tanten und Onkel. Die Männer jäten das Unkraut, häufen frische Erde auf die Grabhügel und legen Geschenke nieder: Schnapsflaschen oder Zigarettenpäckchen. Und sie verbrennen Totengeld aus Papier, das im Jenseits ausgegeben werden soll. Die Scheine tragen ein Wasserzeichen der „Himmelsbank“.

Jeder Dorfbewohner kümmert sich besonders um die Gräber der eigenen Angehörigen, Reihe um Reihe, vom Vater zum Großvater zum Urgroßvater. Kaum eine der Grabstätten ist mit einem Namen versehen, und je weiter die Männer in der Zeit zurückgehen, desto weniger sicher sind sie sich, wer da bestattet ist. Zuletzt erledigen sie die verbleibende Arbeit gemeinsam, jeder hilft an jedem Grab, niemand weiß mehr, wer dort ruht. Bis sie die hinterste Reihe erreichen. Dort liegt nur noch ein Grab. Es gehört dem einzigen Vertreter der vierten Generation. „Lao Zu“, sagt einer der Männer, „der Vorfahr.“ Es gibt keinen anderen Namen für den Clanvater. Über die Jahre sind die Details in Vergessenheit geraten.

Als das Ritual schließlich vollendet ist, leuchtet schon die Morgendämmerung hinter den Berggipfeln im Osten. Ein Mann namens Wei Minghe erklärt, jeder Grabhügel stelle ein Haus für den Toten dar. Die lokale Tradition erfordere, dass die Qingming-Zeremonie vor Tagesanbruch beendet sein müsse. „Wenn man die Erde vor Sonnenaufgang auf das Grab schüttet, bedeutet dies, dass die Verstorbenen im Jenseits ein Ziegeldach bekommen“, sagt er. „Wenn man es nicht rechtzeitig schafft, nur ein Strohdach.“

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(NG, Heft 1 / 2010, Seite(n) 112 bis 121)


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