Shanghais große Ziele

Artikel vom 09.02.2010  —  Autor: Brook Larmer  —  Bilder: Fritz Hoffmann
Frage des Monats
Was strebt Shanghai für das 21. Jahrhundert an?
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Und nun kommt die Expo 2010. Mit diesem Auftritt will die Stadt Shanghai ihre globalen Geschäfte ankurbeln. Ein Glücksspiel. Dennoch hat sie angeblich rund 31 Milliarden Euro dafür springen lassen – mehr als Peking für die Olympischen Spiele 2008. Der Großteil der Investitionen ist in die Infrastruktur geflossen, unter anderem in den Bau zweier neuer Flughafenterminals und in die Erweiterung der U-Bahn. Aber werden mitten in der weltweiten Wirtschaftskrise die erwarteten 70 Millionen Besucher auch kommen?

Shanghai möchte nicht nur die Rivalen Peking und Hongkong in den Schatten stellen, sondern strebt nach noch Höherem: Welthauptstadt des 21. Jahrhunderts zu werden. "Wenn es eine Stadt gibt, die das schaffen kann, dann ist es Shanghai", sagt Chen Xiangming, Professor an der dortigen Fudan-Universität. "Aber die Stadt zeigt ihre wahre Größe nicht, indem sie immer höhere Gebäude auftürmt. Viel wichtiger ist eine andere Frage: Wie kann es Shanghai gelingen, jenes Gemeinschaftsgefühl wieder aufzubauen, das dabei verloren geht, wenn mehr und mehr alte Viertel den Hochhäusern weichen müssen?"

Jin Qijing tut so, als würde sie die Ratte nicht sehen, die über ein Leitungsrohr in ihrem Zimmer huscht. Das Abendessen steht schon auf dem Tisch, eine süßliche Speise aus geschmortem Schweinefleisch, hongshaorou, ein Lieblingsgericht der Shanghaier. Und die 91 Jahre alte Dame mit der vornehmen Frisur möchte keinem den Appetit verderben. Niemand muss Jin daran erinnern, dass sich die Bedingungen in ihrem traditionellen Stadtteil, lilong genannt, zum Schlechten verändert haben, seit sie als Teenager im Jahr 1937 hierher zog. Ihr Viertel – der chinesische Begriff dafür setzt sich zusammen aus den Wörtern li, Nachbarn, und long, Gasse – ist eines von Tausenden in Shanghai, in denen sich architektonisch leicht abgewandelte Hofhäuser eng aneinanderreihen. In Jins Jugend machte es seinem Namen alle Ehre: Baoxing Cun, „Dorf des Wohlstands“. Damals lebte nur eine Familie in jedem Haus, oft mit einem Gefolge von Bediensteten und Rikschakulis. Heute drängen sich acht Familien in Jins zweigeschossigem Gebäude, eine pro Raum. Als Küche dient Jin ihr baufälliger Balkon, auf dem ein alter Herd steht. Es gibt keine sanitären Anlagen. Dennoch lehnte sie es ab, als ihr Enkel sie und ihren Mann überreden wollte, in ein modernes Apartment am Stadtrand zu ziehen. "Wo sonst", fragt Jin, "könnte ich wohl so ein Gemeinschaftsgefühl finden wie hier?"


(NG, Heft 3 / 2010, Seite(n) 108-125)


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