Pflanzen, die von Käfern bestäubt werden, haben meist klebrigen Pollen, der gut an den glatten Käferrücken haftet. Von Bienen oder Fliegen bestäubte Pflanzen haben oft stachelige Pollen, die sich zwischen den Härchen der Insekten festsetzen. Pflanzen, die von größeren Tieren wie Fledermäusen bestäubt werden, produzieren oft – aber nicht immer – größere Pollen. Andere packen den Blütenstaub in Päckchen, die Pollinien, und schicken die Bestäuber damit als Liebesboten fort.
Das heißt aber nicht, das die Luft nun rein wäre. Denn sehr viele Pflanzen verlassen sich immer noch auf den Wind als Bestäuber. In jeder Brise schweben Milliarden Pollenkörner. Ein paar liegen wahrscheinlich gerade auf Ihrer Nase oder im Fell Ihrer Katze. Und weil Pollen so extrem widerstandsfähig sind, bleiben sie dort, wo sie landen, auch lange erhalten, im Boden etwa oder in den Ablagerungen (Sedimenten) am Grund von Seen und Teichen.
Hier bildet der Blütenstaub ein Geschichtsbuch, das die Pflanzen überdauert. Palynologen – das sind Pollenforscher – nehmen Proben aus den einzelnen Sedimentschichten und lesen daran die Entwicklung der Pflanzengesellschaften ab: Viele Graspollen verweisen auf Zeiten, in denen Steppen vorherrschten, Kiefernpollen auf Kiefernwälder und so weiter. Schicht um Schicht lassen sich damit Pflanzenkalender über mehrere tausend Jahre hinweg erstellen. Klimaveränderungen sind in solchen Proben ebenso dokumentiert wie eine Abfolge von Buschbränden oder Überschwemmungen. Sogar das Wirken des Menschen ist in diesem Geschichtsbuch nachvollziehbar.
Seit der Einführung der Landwirtschaft nimmt in vielen Regionen Frühjahr um Frühjahr die Zahl von Baumpollen in Bodenproben ab. Dafür findet man immer mehr Blütenstaub von Getreide und Unkraut. Weil wir das Weltklima verändern, verschwinden in unseren Breiten Arten, die an Kälte angepasst sind. Gleichzeitig nimmt der Pollen von Neuankömmlingen aus wärmeren Regionen zu. Und dank unserer Flüge rund um die Welt gelangt Pollen asiatischer Pflanzen nach Nordamerika, afrikanischer nach Europa und australischer nach China.
Die Geschicke ganzer Kulturen sind im Pollentagebuch verzeichnet. Schauen wir nach Guatemala, in dessen Tiefland einst die Maya lebten. Bis vor etwa 4600 Jahren war hier der Pollen von Waldbäumen am häufigsten. Dann kam nach und nach Maispollen dazu. Vor 2000 Jahren schließlich gab es fast nur noch Pollen von Kulturpflanzen. Doch vor etwa tausend Jahren kehrte sich die Entwicklung um: Mais- und Unkrautpollen verschwanden, Baumpollen nahmen zu. Aus diesen Veränderungen können die Palynologen den Rest ableiten: Die Zivilisation blühte auf und ging wieder unter. Der Dschungel kehrte zurück und überwucherte Äcker und Tempel. Mit ihm kamen die Vögel wieder, die Fledermäuse und die Bienen und schlürften Nektar mit langen Schnäbeln, Zungen und Rüsseln aus tiefen Blütenkelchen.
Wie immer sich die Welt in den kommenden Jahrhunderten verändern wird – die Pollen werden es dokumentieren. Die Pflanzen mögen andere sein, doch das Prinzip ihrer Fortpflanzung hat sich in der Geschichte des Lebens über Jahrmillionen bewährt. Auch in ferner Zukunft werden die Arten so zueinander finden, ganz wie schon im Zeitalter der Dinosaurier, als riesige Libellen durch die Luft schossen, Kopf und Beine bedeckt mit goldenem Staub.
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