Zu Besuch bei Amerikas umstrittenster Sekte

Autor: Scott Anderson  —  Bilder: Stephanie Sinclair
Frage des Monats
Wie hoch ist der Altersdurchschnitt unter den Mitgliedern der amerikanischen Polygamisten-Sekte, der FLDS?
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In den polygamen Familien sorgt jede Frau für ihre Kinder. Darüber hinaus suchen sich die Frauen je nach Vorliebe und Fähigkeiten einen Bereich, in dem sie das Sagen haben. Eine kümmert sich um die Küche, eine andere um den häuslichen Schulunterricht, eine dritte um die Näharbeiten. Diese Arbeitsteilung schafft ein Gefühl schwesterlicher Nähe und scheint zugleich Eifersüchteleien zu mildern. „Für Außenstehende ist es sicher seltsam“, sagt Joyce Broadbent, „aber nach meiner Erfahrung kommen mehrere Ehefrauen eigentlich recht gut miteinander aus. Klar, die eine steht dir vielleicht näher als die andere, gelegentlich geht dir auch mal eine auf die Nerven. Aber das gibt es ja in jeder Familie. Ich jedenfalls habe nie Rivalität oder Eifersucht erlebt.“

Die freundliche 44-Jährige ist Mutter von elf Kindern. Sie hat nicht nur akzeptiert, dass mit ihrer Schwester Marcia eine weitere Frau in die Familie kam, sondern war von der Erweiterung sogar begeistert. „Ich wusste, dass mein Mann ein guter Mensch ist“, sagt Joyce mit einem Lächeln, während Marcia und ihr gemeinsamer Gatte Heber neben ihr sitzen. „Ich wollte, dass meine Schwester die Chance bekommt, genauso viel Freude zu haben wie ich.“
Doch nicht alle FLDS-Frauen sehen so viele gute Seiten an der Vielehe. Dorothy Emma Jessop, Mutter von 13 Kindern und schon über 80, betreibt in Hildale eine Apotheke für Naturheilmittel. Sie klingt sehr viel nachdenklicher. „Ich glaube, dass viele Frauen sich schwer tun“, sagt sie. „Denn es ist nicht so einfach, den Mann, den du liebst, mit anderen Frauen zu teilen. Aber ich bin mir darüber klar geworden, dass dies eine weitere Prüfung ist, vor die der Herr uns stellt. Eifersucht und Stolz sind Sünden, die ich überwinden musste, um eine gottgefällige Frau zu sein.“

Hauptaufgabe der Frau in der FLDS ist die Geburt und Erziehung möglichst vieler Kinder. So soll die „himmlische Familie“ entstehen, die bis in alle Ewigkeit vereint bleibt. Jedes Jahr werden in der Klinik von Hildale ungefähr 400 Kinder geboren, und der Altersdurchschnitt der hier Lebenden - im gesamten Land 36,6 Jahre - ist auf knapp unter 14 Jahre gesunken.


(NG, Heft 2 / 2010)


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