Der Ikarus von Ulm

Autor: Johannes Schweikle
Flugversuch des Albrecht Ludwig Berblinger

Bild: AKG-Images Vergrößern

Der Flugversuch des Albrecht Ludwig Berblinger, dargestellt auf einem Holzstich aus dem Jahr 1811. Der Tüftler baut eine Flugmaschine, stürzt vor der Menschenmenge in die Donau und muss mit dem Boot gerettet werden.

Ist die Adlerbastei hoch genug? Das Boll­werk, Teil der Stadtmauer von Ulm, ragt 13 Me­ter über die Donau. Oben haben Zimmerleute ein sieben Meter hohes Gerüst errichtet. Am 31. Mai 1811 steigt Albrecht Ludwig Berblinger auf das Podest. Er steht nun 20 Meter über dem Fluss, der hier 40 Meter breit ist. Sein Verspre­chen ist unerhört: Er wird ans andere Ufer flie­gen! Abheben wie Ikarus, Held der Antike.

Eine Dreiviertelstunde lang harrt er unent­schlossen auf dem Startpodest aus, wartet auf günstigen Wind. Die Zuschauer recken schon die Hälse, wie bei einer Hinrichtung. Da die Menge ja immer alles ganz genau gesehen hat, heißt es hinterher, Berblinger sei weiß gewesen „wie Backsteinkäs“.

Berblinger hat zwei Flügel auf den Rücken geschnallt. Ein halbstarrer Hängegleiter, selber konstruiert, eigenhändig gebaut. An einem Hü­gel hinter der Stadt sind ihm erste Flüge gelun­gen, Augenzeugen bestätigten das. Dann wagte sich der Pionier an die Öffentlichkeit. Am 24. April 1811 erschien im Schwäbischen Merkur seine Anzeige: «Nach einer unsäglichen Mühe in der Zeit mehrerer Monate, mit Aufopferung einer sehr beträchtlichen Geldsumme und mit Anwendung eines rastlosen Studiums der Mechanik, hat der Unterzeichnete es dahin ge­bracht, eine Flugmaschine zu erfinden, mit der er in einigen Tagen hier in Ulm seinen ersten Versuch machen wird.»

Die Besucher warten dicht gedrängt. Nur König Friedrich I. Wilhelm Karl von Württem­berg, auf Staatsbesuch in Ulm, ist schon wieder abgereist. Er will sein rückständiges Land mit aller Macht in die neue Zeit führen, und Berb­linger sollte ihn mit einem Flug über die Donau begeistern. Doch Majestät hat andere Termine.

Es ist ein kühnes Projekt. Die Industrielle Re­volution hat gerade erst begonnen, die Eisen­bahn ist noch nicht erfunden, auch das Fahrrad nicht. Und nun will ausgerechnet ein einfacher Handwerker den uralten Traum vom Fliegen verwirklichen.

Berblinger, 1770 in Ulm geboren, ist ein er­folgreicher Schneidermeister, beschäftigt vier Gesellen. Doch seine Leidenschaft gilt der Me­chanik. Rastlos tüftelt er, erfindet unter ande­rem eine Beinprothese mit beweglichem Gelenk, womit er seiner Zeit weit voraus ist. Und er will fliegen. Nicht flattern wie ein Fink, sondern schweben wie ein Schwan.

Ein Hasardeur ist er nicht. Seine Flugdemonstration plante er sorgfältig. Er weiß, dass er einen Meter an Höhe verliert, um zwei Meter weit zu fliegen. Deshalb lässt er das Podest auf die Adlerbastei bauen. Aus 20 Meter Höhe, so hat er berechnet, müsste er den Flug über den doppelt so breiten Fluss schaffen.

Doch der ehrgeizige Versuch endet in der größten anzunehmenden Blamage. Vor aller Augen stürzt der Schneider von Ulm nach we­nigen Metern in die Donau. Der Utopist wird zur Spottfigur, ein Reim macht Geschichte: Der Schneider bleibe bei der Nadel / Der Schus­ter bleib den Leisten treu / So lebt ein jeder ohne Tadel / Und bleibt von Schimpf und Vorwurf frei.

Berblinger überlebt den Absturz. Aber sei­ne bürgerliche Existenz ist ruiniert. In seinem Handwerk kommt er nicht mehr auf die Füße. Am 28. Januar 1829 stirbt er „an Abzehrung“ und findet die letzte Ruhe in einem Armengrab.

Erst spät wird er rehabilitiert. 1952 erscheint in der Schweizer Zeitschrift für Luftfahrttechnik ein Aufsatz von Otto Schwarz über die ther­mischen Verhältnisse an der Adlerbastei. Dort herrsche stetiger Abwind. Der Schneider war also an einem denkbar schlechten Ort gestartet.

175 Jahre nach Berblingers Absturz organi­siert die Stadt Ulm 1986 einen Flugwettbewerb zu Ehren des Pioniers. Die Fluggeräte müssen möglichst originalgetreu gebaut sein, moder­nes Material ist erlaubt: Kohle-und Glasfasern, Aluminium. Von der Adlerbastei sollen die Flieger das andere Ufer erreichen. 29 fallen in die Donau, nur Holger Rochelt schafft es über den Fluss und gewinnt die 50000 Mark Preisgeld. Doch auch sein Flug endet schmerzhaft. Bei der Landung kugelt sich der Pilot einen Arm aus.


(NG, Heft 10 / 2011, Seite(n) 138 bis 139)


Extras

Buch-Tipp: Fallwind - Vom Absturz des Albrecht Ludwig Berblinger
Am 31. Mai 1811 stürzte der »Schneider von Ulm« in die Donau. Zum 200. Jahrestag macht sich der Hamburger Autor Johannes Schweikle an seine Ehrenrettung. Mit dem Roman "Fallwind" unternimmt er die literarische Verteidigung des verkannten Flugpioniers. mehr...

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