Prinzip Skepsis

Autor: Ines Bellinger  —  Bilder: Karl-Josef Hildenbrand/Picture-Alliance/DPA
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Bild oben: Ein Wünschelrutengänger sucht ein Weizenfeld im bayerischen Raisting ab. Nachdem Ballonfahrer dort 2013 einen Kreis im Kornfeld entdeckt hatten, pilgerten Esoteriker scharenweise nach Oberbayern, um das Geheimnis dahinter zu lüften. Die Antennen der nahe gelegenen Erdfunkstation machten das Ambiente noch attraktiver für Anhänger von Feinstoff-, Energiefeld- und Alien-Theorien.

Martin Mahner erforscht die Motive von Esoterikern und Wissenschaftsgegnern. Das Irrationale ist menschlich, sagt er.

NATIONAL GEOGRAPHIC: Herr Mahner, als Wissenschaftstheoretiker setzen Sie auf den Zweifel als Prinzip des Denkens. Doch Menschen, die an der modernen Wissenschaft zweifeln, sind Ihnen suspekt. Warum?

Martin Mahner: Es gibt einen Unterschied zwischen Skeptizismus und Leugnung. Ein Skeptiker hinterfragt zwar auch die Wissenschaft, aber er argumentiert auf der Grundlage irgendeines Wissens. Evolutionsgegner und Zweifler am Klimawandel würde ich hingegen eher Leugner nennen. Denn solche Leute lehnen belegte wissenschaftliche Erkenntnisse aus rein ideologischen Gründen ab. Mit einem Skeptizismus, der mit guten Gründen arbeitet, hat das oft nichts zu tun.

Wie erklären Sie sich, dass Menschen an Evolution oder Klimawandel zweifeln?
Es gibt dazu keine vollständige psychologische Erklärung. Aber klar ist: Bei uns Menschen drängt das, was wir subjektiv in unserer Alltagswelt erfahren, alles andere in den Hintergrund. Der Mensch kann seine Intuition nur schwer ausschalten, und Wissenschaft ist oft kontraintuitiv. Es gibt eine Debatte in der Wissenschaftstheorie: Ist Wissenschaft nur verlängerter Common Sense, also erweiterter gesunder Menschenverstand, oder ist wissenschaftliches Denken ein für den Menschen unnatürliches Denken? Ich sage, es ist eher unnatürlich. Teilweise kommen noch religiöse und ideologische Einflüsse hinzu wie bei den Kreationisten, die in den USA weitverbreitet sind. Bei denen verhindert wohl frühkindliche Indoktrination die klare Sicht.

In Amerika glaubt weniger als die Hälfte der Menschen, dass die Verbrennung fossiler Brennstoffe die Hauptursache für die Erderwärmung ist. Bei uns scheint die Akzeptanz dafür sehr viel höher zu sein. Wie kommt es zu solchen Unterschieden?
Das liegt vor allem an den jeweiligen ideologischen Einflüssen. In Amerika herrscht bis heute eine individualistisch-libertäre Gesellschaftstheorie vor. Man möchte möglichst ohne staatliche Einflüsse leben und wirtschaften. Auch gibt es eine finanzkräftige Lobby, die Klimaleugnung propagiert. In Deutschland haben wir eine wesentlich staatsfreundlichere und sozialere Einstellung, die gern auch mal der altruistischen Weltverbesserung zuneigt.

Wo hegen Deutsche die größten Zweifel?
Bei uns wird die Gentechnik-Debatte relativ irrational geführt. Aus wissenschaftlicher Sicht kann man gentechnisch veränderte Nahrungsmittel problemlos essen. Man kann sich zwar darüber unterhalten, dass durch Patentierungen Bauern in Abhängigkeit von Konzernen geraten. Doch das ist eine politisch-ökonomische Frage und keine biologisch-medizinische. Diese beiden Aspekte werden in der öffentlichen Diskussion aber leider kaum getrennt. Erschreckend ist bei uns auch die Haltung zur Alternativmedizin. Deutschland hat in ganz Europa die höchste Zustimmungsrate in diesem Bereich, vor allem zur Homöopathie, obwohl deren Unwirksamkeit gut belegt ist. Auch die Zahl der Impfgegner ist bei uns höher als in anderen Ländern.

Was sind die Ursachen dafür?
In der Alternativmedizin kommen viele Gründe zusammen. Erfolgreiche Medizin be­steht zu einem guten Teil aus Zuwendung und Placeboeffekt. In unserem Gesundheits­system wird Zuwendung aber nicht bezahlt. Dass die Leute dann lieber zu alternativen Heilern gehen, weil sie dort mehr Aufmerk­samkeit erfahren, ist verständlich. Dass die angebotenen Heilverfahren objektiv wirkungs­los sind, wird dabei übersehen. Subjektiv fühlt man sich ja besser. Außerdem wissen die wenigsten, wie man Heilverfahren auf Wirksamkeit testet und dass subjektive Besse­rung noch keine tatsächliche Wirksamkeit bedeutet. Zu guter Letzt ist die Alternativ­medizin­-Lobby so stark, dass sie sich auch politischer Unterstützung erfreut. Sonst müssten wir mit unseren Versicherungsbeiträ­gen keine Hokuspokus­-Medizin bezahlen.

Sind Menschen, die Wissenschaft negieren, weniger gebildet?
Ganz und gar nicht. Es sind oft die Gebildete­ren, die Probleme mit der Wissenschaft haben. Sie sind allgemein skeptischer, weil sie gelernt haben, Dinge zu hinterfragen. Das ist an sich begrüßenswert, kann aber auch ausarten. Zwar nimmt der Glaube an esoterische oder para­wissenschaftliche Bereiche wie Astrologie und Wünschelrutengehen mit höherer Bildung ab, dafür gibt es aber Bereiche, bei denen es um­ gekehrt ist, wie beim Glauben an die Alternativ­medizin – was ja einer Skepsis gegenüber der wissenschaftlichen Medizin gleichkommt. Es gibt also so etwas wie einen Bildungsaberglau­ben: Man hat eine gewisse kritische Fähigkeit, interessiert sich für mehr Themen, hat aber nicht die wissenschaftliche Ausbildung, um das tatsächlich fachlich beurteilen zu können.

Trägt die Wissenschaft eine Mitschuld da­ ran, dass die Skepsis ihr gegenüber wächst?
Leider gibt es tatsächlich unglückliche Ten­denzen im Wissenschaftsbetrieb, die zu Verdrossenheit und Misstrauen führen. Die Abhängigkeit von Drittmitteln zum Beispiel nährt den Verdacht, dass Forschung im Sinne des Auftraggebers gemacht wird. Dazu kommt ein ungeheurer Publikationsdruck. Er kann zu der Versuchung führen, Daten zu schönen, und es wird auch zu viel und zu schnell publiziert. Wenn heute eine Studie ver­öffentlicht wird, die sagt, dass Rotwein gut fürs Herz ist, und am nächsten Tag behauptet eine andere genau das Gegenteil, dann wissen die Leute nicht mehr, was sie glauben sollen. Das Ergebnis ist, dass sie auf Forschungsergeb­nisse ablehnend oder gleichgültig reagieren. Es gibt wissenschaftliche Studien – zum Bei­spiel zur Stammzellforschung –, die sich als Fälschungen herausgestellt haben.

Schadet das nicht auch dem Vertrauen?
Eher weniger. Bei der Klientel, mit der wir uns bei der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften be­schäftigen, dominiert ein anderer Kritikpunkt: Die Wissenschaft sei allgemein unvollständig und ungeeignet, um bestimmte Bereiche über­haupt zu erforschen. Ihr entgehe der ganze „feinstoffliche“ und „spirituelle“ Bereich. Hin­zu kommt, dass Wissenschaft keine absolu­ten Wahrheiten verkünden kann, sondern im­mer nur das, was derzeit nach bestem Wissen und Gewissen darzustellen ist. Dieser stän­dige Irrtumsvorbehalt führt bei vielen Leuten ganz intuitiv wieder zu Misstrauen.

Wird Wissenschaft zu schlecht kommuni­ziert?
Wer sich informieren will, findet in Deutsch­land genügend gute Quellen. Man muss eher fragen, ob unser Bildungssystem genug zum kritischen Denken anregt, in einem wissen­schaftlichen Sinne. Schüler und Studenten müssten mehr über wissenschaftliche Metho­dik aufgeklärt werden. Leider ist durch die Bologna­-Reform mit Bachelor­ und Master­ Studiengängen das Studium sogar noch mehr verschult worden. Man bimst sich den Lehr­stoff schnell ein, damit man die Prüfungen schafft und imitiert hinterher, was man gelernt hat. Man kann dann vielleicht wissenschaft­lich arbeiten, aber man weiß oft nicht wirklich, wie und warum Wissenschaft funktioniert.

Wie stark finden Parawissenschaften Ein­gang in Bildungs­ und Lehrprogramme?
Über Stiftungsprofessuren, Lobbyarbeit und teilweise politische Unterstützung ver­sucht man, die Universitäten zu infiltrierten. Die Europa­-Universität Viadrina in Frank­furt (Oder) hat zum Beispiel ein „Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaf­ten“ eingerichtet. Das klingt erst mal nicht schlimm, denn man kann Medizin durchaus kulturwissenschaftlich untersuchen. Im Wesentlichen geht es dabei aber schlichtweg um die Propagierung von Alternativmedizin, unterstützt von diversen Fachverbänden. Auch in die Ausbildung von Pharmazeuten ist die Alternativmedizin schon einge­ drungen. Statt zu lernen, warum Homöo­pathie unwirksam ist, müssen sie lernen, homöopathische Präparate herzustellen. An der Uni Kassel gab es auch mal eine Ein­richtung für anthroposophische Landwirt­schaft. Also für Leute, die Kuhhörner ver­graben und meinen, es hätte Einfluss auf die Rüben.

Sie selbst sind hauptberuflich Skeptiker. Was ist Ihre Aufgabe?
Wir verstehen uns als Aufklärer und Verbrau­cherschützer. Die Aufgabe der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Para­wissenschaften ist es, Aberglauben, Esoterik, Pseudowissenschaft und Parawissenschaft auf den Prüfstand zu stellen und die Öffent­ lichkeit darüber zu informieren. Bei uns rufen auch ganz normale Menschen an, die Sachen fragen wie: Jemand hat mir eine Magnet­matratze für 3000 Euro empfohlen. Lohnt sich das? Wirkt die Magnettherapie? Einmal im Jahr machen wir zudem wissenschaftliche Tests für Menschen, die behaupten, sie hätten paranormale Fähigkeiten.

Wer kommt da zu Ihnen?
Wir haben Personen getestet, die behaupten, sie könnten auspendeln, ob Obst biologisch produziert wurde oder konventionell oder ob sich in einem Fläschchen ein Homöopathi­kum befindet oder nur reines Wasser. Einmal hat uns jemand einen kleinen Goldbarren ge­schickt, den wir im Gelände vergraben sollten. Er wollte auf der Karte im Labor die grobe Lage des Goldbarrens mit der Wünschelrute feststellen und im Gelände die Feinortung ma­chen. Er lag ungefähr 20 Kilometer daneben. Sie schreiben ein Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro für denjenigen aus, der den Test besteht.

Wie oft mussten Sie schon zahlen?
Der Preis musste nur einmal ausgeschrieben wer­den, weil ihn bislang niemand abgeräumt hat.

Der Biologe und Wissenschaftsphilosoph Dr. Martin Mahner leitet das Zentrum für Wissenschaft und kritisches Denken bei der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften.


(NG, Heft 3 / 2015, Seite(n) 56 bis 59)

Die Skepsis gegenüber der Wissenschaft nimmt zu, Verschwörungstheorien verbreiten sich immer schneller. Was bewegt vernünftige Menschen dazu, der Vernunft zu misstrauen? mehr...

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