Ueli Steck: Der Gipfelstürmer

Autor: Ueli Steck  —  Bilder: Ueli Steck

Triumph und Katastrophe trennt am Berg oft nur ein Augenblick. Besonders auf den Achttausendern. Mein Stil ist die Schnelligkeit: das Speed-Klettern. In den Jahren 2008 und 2009 habe ich die drei großen Nordwände der Alpen – Matterhorn, Eiger und Grandes Jorasses - in Rekordzeit bezwungen: Insgesamt sieben Stunden und vier Minuten. Entscheidend für mich war die Schnelligkeit, mit der ich mich ohne Haken und Fixseile in teils unbekanntem Fels bewegen konnte. Ich wusste, dass es mir auf den Achttausendern zugute kommen würde, extreme Gefahrenzonen rasch zu durchklettern. Würde mich dies vor Unfällen verschonen wie 2007, als ich eine neue Route an der Südwand des Annapurna im Alleingang versuchte; als ein Stein meinen Helm durchschlug und ich 300 Meter in die Tiefe stürzte, aber überlebte? Würde es mich vor Schaden bewahren wie am Makalu (8485 Meter), wo ich vor wenigen Jahren bei extremer Kälte fast meine Zehen einbüßte?

Solche Erlebnisse steckst du nicht einfach weg. Sie bleiben gespeichert, prägen dich. Sie beeinflussen künftige Entscheidungen, lassen dich vorsichtiger werden. Aber sie sind wichtig. Du lernst dich besser kennen. Nur solche Grenzerfahrungen bringen dich weiter.

Diese Expedition soll mich innerhalb weniger Wochen auf drei Achttausender im Himalaja führen: auf den Shisha Pangma (8027 Meter) und seine 2000 Meter hohe Südwand, auf den Cho Oyu (8201 Meter) und den Mount Everest (8850 Meter), den höchsten Gipfel der Welt.

Ich habe mir Zeit für die Vorbereitung genommen und mit dem Sportpsychologen Jörg Wetzel viel über das Scheitern gesprochen. Du musst bereit sein, es zu akzeptieren und damit umzugehen. An den Achttausendern musst du „Wenn-dann-Pläne“ haben, die du auch unter härtesten Bedingungen abrufen und umsetzen kannst. Und du musst Ziele definieren.

Mein Minimalziel: einen der drei Gipfel zu erreichen. Optimalziel: die technisch anspruchsvolle Südwand des Shisha Pangma zu klettern. Glücksziel: alle Gipfel zu besteigen.

Im Jahr 1982 wurde die Shisha-Pangma-Südwand durch eine britische Expedition erstmals begangen. Ich will zusammen mit dem kanadischen Bergsteiger Don Bowie, einem gelassenen Typ von 1,90 Meter Größe, eine noch nie bestiegene Route klettern. Sie soll vor allem durch Fels führen und wird modernes Mixed-Klettern erfordern: eine schwierige Form des Aufstiegs, bei der die Eisausrüstung – Pickel und Steigeisen – auch im Fels zum Einsatz kommen.

Meine Frau Nicole ist froh, dass ich mit einem Kletterpartner unterwegs sein werde. So können wir uns gegenseitig sichern. Wenn ich allein klettere, sichere ich mich nicht so oft, um keine Zeit zu verlieren. Allein bin ich aber auch wachsamer, gehe defensiver vor und konzentriere mich noch mehr auf den Berg.

Mitte April erreichen wir das Basislager des Shisha Pangma. Während des zweitägigen Anmarsches hat es ständig geschneit. Am nächsten Tag starten wir gemeinsam mit unserem Fotografen und Kameramann Rob Frost zum Fuß der Südwand, die das Basislager überragt. Das ist immer ein spezieller Moment. Ich habe die Wand stundenlang auf Bildern betrachtet, nun ist sie vor mir. Ich komme mir klein vor.

Don macht kaum Fortschritte beim Akklimatisieren, leidet unter Kopfschmerzen. Wir beschließen, ein vorgeschobenes Basislager (Advanced Base Camp, ABC) einzurichten. Die Prognose ist gut, zwei Tage bestes Wetter. Ich freue mich auf die Südwand, doch Don geht es immer schlechter. Der letzte schöne Tag, bevor ein Sturm aufziehen wird. Vielleicht die einzige Chance, den Gipfel zu erreichen. Don spürt meine Unruhe: «Geh dir doch morgen mal die Wand anschauen», schlägt er vor.

Ich stehe vor der Entscheidung: Soll ich den Shisha Pangma solo versuchen? Um 22.30 Uhr breche ich vom Lager auf. Zweieinhalb Stunden später ragt im Vollmondlicht bedrohlich ein Bergschrund vor mir auf: eine Spalte zwischen dem fließenden Eis des Gletschers und nicht fließendem Eis. Ich klettere eine Rinne hinauf. Darüber 2000 Meter Fels. Die Schneeauflage ist perfekt. Das habe ich noch nie zuvor an einem hohen Berg erlebt. Der Firn ist so hart, dass meine Steigeisen und Eisgeräte leicht eindringen und dennoch genügend Halt bieten.

NATIONAL GEOGRAPHIC hat den Aufstieg exklusiv begleitet. Lesen Sie hier die einzelnen Stationsmeldungen seiner Expedition.

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(NG, Heft 11 / 2011, Seite(n) 72 bis 87)


Extras

DVD-Tipp: SPEED - Der schnellste Mann am Berg
Ueli Steck hat die Grenzen des Kletterns verschoben. Kaum ein Alpinist ist an den großen Eis- und Felswänden der Welt so dynamisch und risikobereit unterwegs wie der sympathische junge Ausnahmebergsteiger aus dem Schweizer Emmental. Das Porträt eines außergewöhnlichen Menschen und eine Reise zu den schönsten Felsen der Welt. Die DVD basiert auf dem gleichnamigen Taschenbuch-Bestseller und enthält als besonderen Bonus ein Booklet mit Auszügen aus dem Buch, eine Bildergalerie mit Fotos von Robert Bösch und ein Making-of. mehr...

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