Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Als in der Nachkriegszeit in Deutschland sehr schnell sehr viel Wohnraum geschaffen werden musste, hielt man sich an große Utopien: Inspiriert von Ebenezer Howards Gartenstadt-Idee und von klaren, großen, hohen Wohnkomplexen, wie sie der Architekt Le Corbusier entworfen hatte, plante man die Zukunft der Stadt vor ihren Toren – mit Hochhaus-Wohnsiedlungen auf der grünen Wiese. Trabantenstädte wie Köln-Chorweiler oder München-Neuperlach, in denen manchmal mehr als 50000 Menschen leben konnten, galten damals als zukunftsweisende Lösung. Heute sind sie veraltet.
«Wir haben im 20. Jahrhundert die Erfahrung gemacht, dass sich nicht alles bewährt, was auf dem Plan gut aussieht», sagt Jörn Walter, Oberbaudirektor der Stadt Hamburg. Seine Aufgabe ist es, die Stadt von morgen zu planen. Wer wie er heute versucht, 20 oder 30 Jahre in die Zukunft zu blicken, wird feststellen: Die Zeit der großen Utopien ist vorbei. Großstädte in Deutschland entwerfen ihre Zukunft kleinteilig.
Hamburg ist ein gutes Beispiel. Die zweitgrößte deutsche Stadt wird sich in den nächsten Jahren mit einigen Problemen auseinandersetzen müssen, die für große Städte typisch sind: Wachstum, Klimawandel, alternde Gesellschaft. Für diese Probleme suchen Stadtplaner aber nicht eine, möglichst große Lösung – sondern kleine und so viele, wie eben nötig sind. Im Vergleich zu den Megastädten, die in Asien, Afrika oder Lateinamerika wachsen, ist der Maßstab, in dem in Europa gedacht werden muss, allerdings auch überschaubar.
Die Bevölkerung der Bundesrepublik wird bis 2050 vermutlich um zehn bis 15 Prozent schrumpfen. Dennoch werden Großstädte weiterwachsen, aber in bescheidenem Maße. Hamburg etwa hat derzeit 1,78 Millionen Einwohner, und Jörn Walter rechnet nicht damit, dass die Zwei-Millionen-Marke jemals erreicht wird. Die Stadt wächst langsam, derzeit um etwa 5000 Menschen pro Jahr. Das ist im Verhältnis nicht viel, nur haben Stadtplaner lange nicht damit gerechnet, dass die deutschen Großstädte überhaupt noch einmal wachsen würden, weil die Menschen bis vor wenigen Jahren aus den Städten ins Umland zogen. Jetzt strömen sie zurück, und im Falle von Hamburg kommen sie in eine Stadt, die zu eng geworden ist. Es fehlen Wohnungen, und die Preise sind kräftig angezogen. In anderen deutschen Großstädten verläuft die Entwicklung ähnlich, egal ob in Frankfurt, Köln oder München.
Die Stadt muss also wachsen. Hamburg hat sich erst vor kurzem ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: 6000 neue Wohnungen sollen pro Jahr gebaut werden. Allerdings soll sich die Stadt dabei nicht mehr über ihre jetzigen Grenzen hinaus ausdehnen. «Der Flächenverbrauch hierzulande kann nicht so weitergehen», sagt Walter. Die Landschaftsflächen, die allein in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland verbaut wurden, sind zusammen etwa so groß wie Köln. Wie andere Großstädte soll Hamburg deswegen nach innen wachsen – und sich verdichten.
Jede Stadt hat Gebiete, die heute ihrem ursprünglichen Zweck enthoben sind. In Hamburg-Altona zum Beispiel klafft eine 75 Hektar große Lücke zwischen den Häusern. Früher koppelte die Bahn hier Güterzüge, inzwischen liegt ein großer Teil des Geländes brach. Da die Bahn plant, den Bahnhof Altona ganz zu schließen und durch einen neuen Bahnhof weiter im Norden zu ersetzen, könnten hier – mitten in der Stadt – in den nächsten 15 Jahren bis zu 6000 Wohnungen entstehen.
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