Ungebändigt - Amerikas wilde, schöne Flüsse

Autor: Joel K. Bourne jr.  —  Bilder: Michael Melford

Erst im zweiten Anlauf gelingt unserem Piloten der Anflug durch den dichten Nebel, der in den Tälern Idahos hängt. Die endlosen, mit Weißstämmigen Kiefern bewachsenen Bergkämme bilden eine Barriere gegen die moderne Welt. Sie schützen ein Gewässer – keinen trägen Fluss, sondern wilde, ungebändigte Natur. Der Mittlere Quellarm des Salmon plätschert und purzelt und planscht nahezu 170 Kilometer weit durch das größte zusammenhängende Wildnisgebiet, das sich in den USA außerhalb von Alaska erstreckt, durch die 950000 Hektar der Frank Church River of No Return Wilderness.

Ich bin mit meinem Sohn Sam hierhergekom­men, auf der Suche nach einem Abenteuer, nach Natur – und auf den Spuren eines gut 40 Jahre alten Gesetzes, das diese Natur schützt. Heute gilt der Mittlere Quellarm des Salmon River als eines der aufregendsten Wildwasser in Amerika . Dabei sah seine Zukunft – und die von mehre­ren hundert Flüssen in den USA – vor 60 Jahren noch ganz anders aus. Den größten Teil des 20. Jahrhunderts schien die Regierung fest ent­schlossen, praktisch jeden wichtigen Fluss auf­zustauen, um das Wasser zur Stromgewinnung und zur Bewässerung zu nutzen, als Schifffahrts­weg, als Trinkwasserreservoir oder zur Überflutungskontrolle. Im wasserarmen Westen sollte zeitweise sogar aus dem Grand Canyon ein Stau­see gemacht werden. Am Mittleren Quellarm des Salmon prüften Ingenieure der Armee gleich fünf mögliche Standorte für Talsperren. Nur der energische Einsatz zweier Brüder stoppte die Betonflut, die den Fluss in eine Kette künstlicher Seen verwandelt hätte.

Der heute 95-jährige John Craighead ist einer der Brüder, und er ist eine Legende. Auf dem Weg nach Idaho haben wir ihn in Missoula, Montana, besucht. Zusammen mit seinem verstorbenen Zwillingsbruder Frank veröffent­lichte John Verhaltensstudien der Grizzlybären im Yellowstone-Nationalpark und brachte wich­tige Maßnahmen zum Artenschutz auf den Weg. Doch «besonders stolz» ist er auf das „Gesetz zum Schutz wilder und landschaftlich reizvoller Flüsse“: auf den „Wild and Scenic Rivers Act“.

Ein maßgeblicher Politiker hinter diesem Gesetz war der Senator Frank Church, nach dem heute die Frank Church River of No Return Wilderness benannt ist. Aber ein großer Teil des Gesetzestextes, den Präsident Lyndon B. Johnson 1968 unterzeichnete, stammt aus der Feder der Craighead-Brüder. Ursprünglich be­wahrte er acht Flüsse vor dem Bau von Stau­dämmen und anderen Formen der Erschlie­ßung. Heute umfasst die Liste mehr als 200 Flüsse in 39 Bundesstaaten der USA und sogar in Puerto Rico.

Craigheads Gedächtnis ist nicht mehr das beste, aber wenn man ihn fragt, welcher Fluss ihn am meisten beeindruckt hat, kommt die Antwort schnell und klar: der Mittlere Quellarm des Salmon. Als wir uns schließlich dorthin ver­abschieden, schenkt er Sam ein Dutzend speziell gebundener Fliegen in Spinnenform – Köder für die Cutthroat-Forelle, die im Mittleren Quellarm heimisch ist.

Nach unserer Landung dauert es bis zum Mit­tag, ehe die 20-köpfige Gruppe vollzählig ist. Wir versammeln uns am rauschenden Fluss und hören der Archäologin Diana Yupe zu, die von ihrem Volk erzählt, den Shoshone-Bannock-Indianern. Jahrtausende lebten sie entlang dem Fluss – bis die US-Kavallerie sie vertrieb. Yupe bittet uns, die alten Lagerplätze respektvoll zu behandeln, die es auf fast jeder Flussterrasse gibt. Genauso wie die zahlreichen Piktogramme an den Canyonwänden, darunter rote Abdrücke von Kinderhänden. Zum Abschied gibt sie uns einen Segensspruch der Shoshonen mit auf den Weg: für eine gefahrlose Fahrt auf dem Fluss und eine sichere Reise durchs Leben.

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(NG, Heft 1 / 2012, Seite(n) 126 bis 145)


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