Vorstoß ins Eismeer

Artikel vom 01.01.2004  —  Autor: Jennifer Steinberg Holland  —  Bilder: Paul Nicklen

Rolf Gradinger wird langsam unruhig. In seinem Überlebensanzug lehnt er an der kalten Reling und fährt sich durch den zotteligen Bart. Wieder runter mit der Strickmütze. Ein paar grau melierte Strähnen recken sich gen Himmel. Er blickt über die riesigen, viele Jahre alten Eisschollen des Nordpolarmeers. So nah - und doch unerreichbar. Fünf Tage ist der Meeresökologieprofessor der Universität von Alaska in Fairbanks schon auf Forschungsreise an Bord des Eisbrechers "Louis S. St.-Laurent", eines Schiffs der kanadischen Küstenwache.

Und noch immer hat der deutsche Eisexperte keinen Stiefel auf die gefrorene See gesetzt. Tief unten ächzt der Schiffsrumpf im Kampf gegen das gefrorene Element - drei Meter dick ist es, so dick wie noch nie auf dieser Fahrt. Er wartet darauf, dass der Kapitän das Eis zur Erforschung freigibt. Und er wartet. So geht es Gradinger und den 43 anderen Wissenschaftlern seit Beginn ihrer 24 Tage und 2400 Seemeilen langen Reise. Der Auftrag: die Erforschung des Kanadabeckens, eines 3,6 Kilometer tiefen Bassins im Nordpolarmeer.

Klimakarte des Nordpolarmeeres

Bild: NG Maps Vergrößern

Abgelegen, bitterkalt und den Großteil des Jahres von Eis bedeckt, ist diese Region nur etwas für Wale, Robben und Eisbären. Menschen kommen hier nur zurecht, wenn sie Forscherdrang und das richtige Schiff mitbringen. Und sie bekommen nichts geschenkt. Jeder Halt wird zu einem neuen Geduldspiel: Wann lichtet sich der Nebel? Wann legt sich der Wind? Wann ist eine Untersuchung fertig, damit die nächste anfangen kann? Jede Hand, jeder Winkel an Deck wird gebraucht. Launisches Wetter und technische Probleme steigern die Belastung. Und alle wissen, dass die Zeit nicht reicht. Die Ozeanografen wollen im Becken möglichst viele Daten erheben, auch um seine Verbindung zu den Weltmeeren besser zu verstehen. Die Biologen wollen vom Eis bis zum Meeresboden nach Lebensformen suchen. Niemand weiß, was dort ist. Vielleicht "ein isoliertes Paradies", meint Kathleen Crane, eine Ozeanografin der der US-Behörde für Ozeane und Atmosphäre (NOAA).

In der Tiefe und im puddingartigen Schlamm könnten Relikte verborgen sein, uralte Lebensformen, die anderswo längst ausgestorben sind. Der Mikrozoo der Tiefsee ist bezaubernd: knallrote Copepoden (Ruderfußkrebse), durchsichtige Appendikularien (geschwänzte Manteltiere) in schleimigen Gehäusen, winzige Quallen.

Doch was hinter dem schönen Bild passiert, ist noch weitgehend unbekannt: der chemische Aufbau dieses Ozeans, seine Bewegungen und Zuflüsse, das vergängliche Eis und die Nährstoff-Mikrobrauerei, von der die Copepoden und Polardorsche leben, die ihrerseits die Seehunde ernähren. Ohne die es keine springenden Wale gäbe und keine großen weißen Bären. Das Nordpolarmeer ist ein Frühwarnsystem für den globalen Wandel und birgt gewaltige Erkenntnismöglichkeiten, die noch kaum erschlossen sind. Vielleicht sogar den Schlüssel zur Zukunft unseres Planeten.


(NG, Heft 1 / 2004)
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