Vier Flusspferde liegen bräsig auf einer Sandbank im Mara. Ihre breiten Köpfe sind flussaufwärts gerichtet. Es sieht beinahe so aus, als würden sie nur auf den Beginn des Spektakels warten, das sich etwa 80 Schritt entfernt an einer Furt zwischen den Steilufern anbahnt. Auf unserer Seite des Flusses im Süden Kenias drängen sich seit 20 Minuten einige tausend Gnus, Schädel an Schädel, Horn an Horn. Es ist früh am Morgen, es ist kalt, und der Atemdunst der Tiere leuchtet im Gegenlicht der tief stehenden Sonne. Dann schieben sich aus der Masse brauner Leiber die Zebras nach vorn. Meistens sind sie es, die das Signal zum Aufbruch geben.
Im Wildschutzgebiet Masai Mara ist Mitte September die Savanne weitgehend abgegrast, die großen Herden werden unruhig. Ihr Instinkt befiehlt ihnen, dem Regen hinterherzuziehen, südwärts in die Serengeti und hinab auf die satten Weiden am Ngorongoro-Krater. Dort bringen sie zwischen Dezember und April ihre Jungen zur Welt, ehe sie sich wenige Monate später erneut auf den viele hundert Kilometer langen Rückmarsch nach Kenia machen.
1,2 Millionen Gnus, 200000 Zebras und knapp doppelt so viele Thomsongazellen bilden die Hauptmasse dieses alljährlichen Wanderzugs durch den Osten Afrikas. Bei dem nun hier am Flussübergang die nächste Etappe ansteht. Aber die Zebras zögern. Gegen den Druck der von hinten drängenden Gnus wenden sie sich wieder vom Ufer ab. Traben zurück in die Savanne. An diesem Morgen ist es schon der dritte abgebrochene Anlauf, den Fluss zu überqueren. Nicht heute. Nicht hier. Nicht jetzt.
«Also, wenn ich ein Gnu wäre, würde ich an dieser Furt auch nicht rübergehen», sage ich zu Dereck Joubert, der vor mir im Landrover sitzt. Nicht weil ich glaube, dass die Tiere vor den Kadavern ihrer toten Artgenossen zurückscheuen. Zu Dutzenden sind sie in den vergangenen Tagen beim Versuch, ans andere Ufer zu schwimmen, ertrunken. Nun liegen sie aufgebläht und Verwesungsgeruch verströmend auf den Felsen unterhalb der Böschung. Futter für Geier und Krokodile. Das ist der Zoll, den die Natur für die Erhaltung der Art einbehält. Als Hemmnis habe ich vielmehr die Mauer aus grünem Blech im Verdacht. Diesseits und jenseits des Flusses stehen die Jeeps Motorhaube an Motorhaube, darin Touristen hinter Kameras mit halbmeterlangen Objektiven. Menschliche Flusspferde sozusagen. Aber Joubert beruhigt mich: «Solange wir in den Autos bleiben und genug Platz am Ufer lassen, stören wir die Tiere nicht. Sie nehmen uns nicht als Gefahr wahr.»
Er muss es wissen. Der Mittfünfziger mit dem weißen Vollbart ist einer der besten Kenner der Großtierwelt Afrikas. Der Amerikaner ist wie seine Frau Beverly in Südafrika geboren. Für die National Geographic Society haben beide wesentlich zur wohl aufwendigsten Fernsehproduktion unserer Tage beigetragen: zur Serie „Great Migrations – das große Wunder der Tierwanderungen“, die derzeit in 166 Ländern im NATIONAL GEOGRAPHIC CHANNEL ausgestrahlt wird.
Im Buch und auf DVD
Der Bildband „Das große Wunder der Tierwanderungen“ zeigt in 250 Fotos und Abbildungen faszinierende Episoden der Tiermigration (304 Seiten, 39.95 Euro). Unter www.nationalgeographic.de/shop können Sie den Bildband bestellen. Die DVD-Box zum Thema gibt es für 16,95 Euro, als Blu-ray-Disc für 24,95 Euro im Handel und bei www.nationalgeographic.de/shop.
Bildband-Tipp: Das grosse Wunder der Tierwanderungen
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