Wenn die Meere sauer werden

Autor: Elizabeth Kolbert  —  Bilder: David Liitschwager

Wie ein Turm erhebt sich das Castello Arago­nese aus dem Tyrrhenischen Meer. Die Festung wurde auf einem kleinen Eiland vor Ischia errichtet und ist von der Hauptinsel aus über eine schmale Steinbrücke zu erreichen. Touris­ten, die hierherkommen, sind neugierig auf das Leben in früheren Zeiten. Sie steigen zu dem Schloss hinauf, in dem mittelalterliche Folterinstrumente ausgestellt sind. Die Wissenschaft­ler, die hier anreisen, interessieren sich dagegen für das Leben in der Zukunft.

Eine Laune der Geologie ermöglicht es ihnen, rund um die kleine Felseninsel schon heute einen Blick auf die Ozeane im Jahr 2050 und später zu werfen. Denn hier perlt Kohlendioxid (CO2) aus unterirdischen Quellen des Meeresbodens. Das Gas löst sich im Wasser und reagiert zu Kohlensäure. Was unsere Sprudelgetränke so erfrischend macht, ist für viele Meerestiere einfach ätzend: «Einen hohen CO2-Gehalt verträgt fast kein Lebewesen», sagt der Meeresbiologe Jason Hall-Spencer von der Uni­versität Plymouth in Großbritannien. Im Meer vor Ischia geschieht von Natur aus in kleinem Maßstab, was die industrielle Welt in den Ozeanen der Welt angestoßen hat: Das Wasser nimmt immer mehr von dem Kohlendioxid auf, das aus unseren Schornsteinen und Auspuffrohren kommt. Die See wird sauer.

Schon seit acht Jahren erforscht Hall-Spencer das Meer rund um Ischia. Er protokolliert die chemischen Eigenschaften des Wassers und be­obachtet Fische, Korallen und Schnecken, die hier leben. Und dass sich manche Arten buch­stäblich aufzulösen beginnen. An einem kalten Wintertag gehe ich mit ihm und Maria Cristina Buia, einer italienischen Zoologin, zum Tau­chen. Wir wollen uns die Auswirkungen der Versauerung ansehen. Etwa 45 Meter vom Strand entfernt werfen wir Anker und lassen uns ins Wasser fallen. Als sich das Meer um uns herum wieder beruhigt hat, sehen wir Kohlendioxidblasen, die wie Perlen aus Quecksilber vom Meeresboden aufsteigen.

Buia hat ein Messer dabei und schabt ein paar Napfschnecken von den Felsen. Die Tiere haben sich auf ihrer Suche nach Nahrung zu weit vor­gewagt. Das Wasser hier ist für sie zu sauer und ätzend. Ihre Gehäuse sind papierdünn, fast transparent. Wir schwimmen weiter. Unter uns wiegt sich Seegras, seine Blätter leuchten nackt und grün herauf. Auch das ist ein Indiz für die Versauerung, denn normalerweise sind die Halme dicht mit anderen Lebewesen besiedelt. Auch Seeigel, sonst an Felsküsten allgegenwärtig, sind nicht zu sehen. Dafür treiben ganze Schwärme nahezu durchsichtiger Quallen vor­über. Hall-Spencer gibt uns Warnzeichen: «Vor­sicht, die brennen!»

Quallen, Seegras und Algen – viel mehr Leben gibt es nicht, wo das CO2 am dichtesten aus dem Meeresboden quillt. Eine Zone im Um­kreis von ein paar hundert Metern ist tödlich für viele Arten. Der Säuregehalt des Wassers ist hier – je nach Strömungslage – zeitweise so hoch, wie er es beim heutigen Trend im Jahr 2100 in den Ozeanen weltweit sein könnte. «Welche Folgen das hat», sagt Hall-Spencer, als wir wieder im Boot sitzen, «können Sie so ähn­lich in einem stark verschmutzten Hafenbecken sehen: Dort überleben nur ein paar sehr wider­standsfähige Arten. Und so wird es überall wer­den, wenn der CO2-Gehalt weiter ansteigt.» Seit Beginn der Industriellen Revolution vor rund 150 Jahren haben die Menschen so viel fossile Brennstoffe – Kohle, Öl, Erdgas – verfeuert und so viele Wälder abgeholzt, dass mehr als 500 Milliarden Tonnen Kohlendioxid freigesetzt wurden. Seit es den Menschen gibt, ist die Koh­lendioxidkonzentration in der Erdatmosphäre niemals höher gewesen als heute.

Über die Folgen für das globale Klima wird seit längerem diskutiert: Erwärmung, Extremwetter, Ausbreitung der Wüsten. Weniger bekannt ist der Einfluss des CO2 auf die Ozeane.

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie auf unserer Übersichtsseite zu "7 Milliarden" .

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(NG, Heft 04 / 2011, Seite(n) 92)

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