Wie der Tee nach Tibet kam

Autor: Mark Jenkins  —  Bilder: Michael Yamashita

Hoch in den Bergen im Westen der Provinz Sichuan schlage ich mich durch das Bambusdickicht. Ich bin auf der Suche nach einer uralten Handelsroute. Die legendäre Teestraße war noch vor 60 Jahren, als man sich in Asien meist zu Fuß und zu Pferd fortbewegte, die wichtigste Verbindung zwischen China und Tibet. Ein paar Tage zuvor hatte ich einen Mann getroffen, der einst auf diesem Pfad unmenschlich schwere Teeballen auf dem Rücken transportierte. Er hatte mir gesagt, dass wohl die Zeit, das Wetter und wuchernde Pflanzen die Straße verschwinden ließen. Unermüdlich bahne ich mir mit meinem Buschmesser einen Weg. Plötzlich öffnet sich vor mir ein mit Feldsteinen gepflasterter Steig hinauf in den Wald.

Der Pfad ist etwa einen Meter breit und mit Moos bedeckt. Manche Steine sind voller Löcher. Die Vertiefungen stammen von den Metallspitzen der Stöcke, die den Trägern viele Hunderte von Jahren als Stützen dienten. Der Steinpfad erstreckt sich über nur 15 Meter, steigt ein paar zerbrochene Stufen aufwärts und verschwindet wieder. Monsungüsse haben ihn im Laufe der Jahre fortgespült.

Ich bahne mir weiter meinen Weg und betrete einen schmalen Durchgang, dessen Seitenwände so steil und glitschig sind, dass ich mich an Bäumen festhalten muss, um nicht in den mit Felsbrocken übersäten Bach tief unter mir zu stürzen. Ich hoffe, dass ich irgendwann den Ma’an Shan überqueren kann, einen hohen Pass zwischen Ya’an und Kangding. Am Abend schlage ich mein Lager hoch oberhalb des Bachs auf. Am folgenden Tag arbeite ich mich 500 Meter weiter vor, bis eine undurchdringliche Dschungelwand mir endgültig den Weg versperrt. Ich muss mir eingestehen, dass der Pfad zumindest hier für immer verschwunden ist.

Tatsächlich existiert sogar ein Großteil der ursprünglichen Route nicht mehr. China stürzt sich ohne Rücksicht auf Verluste in die Gegenwart und schüttet seine Vergangenheit so schnell wie möglich zu. Bevor die Teestraße planiert oder völlig ausgelöscht wird, will ich herausfinden, was von diesem einst berühmten, heute so gut wie vergessenen Pfad noch geblieben ist.

Unsere Reisetipps: Auf den Spuren der Teestraße

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(NG, Heft 8 / 2010)


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