Wie ticken Teenager?

Autor: David Dobbs  —  Bilder: Kitra Cahana

Eigentlich ist es allen Eltern ja klar, dass Teenager oft riskante Dinge tun. Trotzdem sind sie schockiert, wenn sie zum ersten Mal von ihren eigenen Kin­dern damit konfrontiert werden. Eines Morgens im Mai ruft mich mein ältester Sohn an. Der Junge, damals 17, sagt, er habe gerade ein paar Stunden auf der Polizeiwache verbracht. Er sei wohl «ein bisschen schnell gefahren». Was be­deutet, frage ich, «ein bisschen schnell»? Es stellt sich heraus, dass dieses Produkt meiner Gene und liebevoller Pflege, der Kind-Mann, den ich gewickelt, gehätschelt und dann an die Schwelle zum Mannsein gezogen und geschoben habe, mit Tempo 182 über den Highway gerast ist, beinahe doppelt so schnell wie erlaubt. «Das ist aber etwas mehr als ‹ein bisschen schnell›», sage ich.

Er gibt mir recht. Er klingt sogar zerknirscht. Er widerspricht nicht, als ich ihm sage, er müsse die Strafe zahlen. Er nimmt es hin, als ich ihn darauf hinweise, dass er tot sein könne, wenn bei dieser Geschwindigkeit irgendetwas passiert – ein Hund auf der Straße, ein geplatzter Reifen, ein Niesanfall. Er räumt sogar ein, der Polizist habe ihn zu Recht angehalten, denn, ausdrückt: «Wir können ja nicht alle mit 182 Sachen durch die Gegend brettern.»

In einem Punkt allerdings widerspricht er. Es passt ihm nicht, dass man ihm, neben anderen Punkten, „unbesonnenes Fahren“ unterstellt. Das ist meine Chance, meinem Ärger Luft zu machen und ihn anzubrüllen: «Also hör mal, wie würdest du das denn nennen?»

Darauf er ganz ruhig: «Das stimmt so einfach nicht. ‹Unbesonnen› klingt, als ob ich nicht auf­gepasst hätte. Aber so war es nicht. Ich hab be­wusst darauf geachtet, dass die Autobahn an dieser Stelle leer und trocken war. Es war hell, die Sicht war gut. Ich habe nicht einfach spontan aufs Gas gedrückt und los. Ich bin gefahren. Vielleicht geht’s dir besser, wenn du weißt: Ich war wirklich voll konzentriert.» Nein, damals ging es mir dadurch nicht bes­ser. Und es ärgerte mich, weil ich nicht verstand, warum. Heute weiß ich es.

Die abenteuerliche Raserei meines Sohnes führt zwangsweise zu ganz bestimmten Fragen. Fachleute, die über eine Gruppe von Menschen sich solche Fragen schon lange: «Was ging in deren Kopf vor? Was erklärt dieses Verhalten?» Aber auch in dieser Form der Fragen steckt schon die Verurteilung: «Normal ist das nicht.»

Einst wurden dunkle Mächte dafür verant­wortlich gemacht, geheimnisvolle Kräfte, die nur auf Teenager wirken würden. Der griechische Naturwissenschaftler und Philosoph Aristoteles schrieb vor etwa 2300 Jahren: «Die Jugend ist beschwipst von der Natur wie Männer vom Wein.» Ein Hirte in William Shakespeares „Win­termärchen“ wünscht, «es gäbe gar kein Alter zwischen zehn und 23, oder die jungen Leute verschliefen die ganze Zeit; denn dazwischen ist nichts, als den Dirnen Kinder schaffen, die Alten ärgern, stehlen und balgen» – eine Klage, die so ähnlich auch aus den meisten wissenschaftlichen Studien herauszuhören ist.

Die Rede ist von der Phase der Adoleszenz, jenen Jahren der Entwicklung eines Menschen zwischen der Pubertät, der Geschlechtsreife und dem vollen Erwachsensein. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert deutete der amerikanische Psychologe G. Stanley Hall diese Phase des „Sturm und Drang“ als Wiederholung einer frü­heren, weniger zivilisierten Stufe der menschlichen Entwicklung. Für den Analytiker Sig­mund Freud war die Adoleszenz, was sonst, ein Ausdruck psychosexueller Konflikte.

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(NG, Heft 10 / 2011, Seite(n) 72 bis 95)


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