Wiedergeburt einer Insel

Artikel vom 19.03.2010  —  Autor: Kenneth Brower  —  Bilder: Paul Nicklen
Frage des Monats
Wie viele Tiere umfasst die größte Königspinguinkolonie Südgeorgiens?
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Den Inselstrand ziert eine wandelnde weiße Wand. Dicht gedrängt stehen hier die Königspinguine Spalier und begrüßen mit ihrem hellen Brustgefieder jedes kleine Boot, das sich der St. Andrews Bay nähert. Früher war diese Mauer noch 20 Meter hoch und aus Eis – die Abbruchkante des Cook-Gletschers. Aber seit 30 Jahren sind die Schneeschichten dieser Bucht auf dem Rückzug, und auch die Pinguine können ihre Lücke nicht mehr füllen.

Am höchsten Punkt des Strandes öffnet sich ein imposanter Blick nach Süden: eine Versammlung von Pinguinen, so weit das Auge reicht. Eine Brutkolonie von 150000 Paaren, die größte Königspinguinkolonie Südgeorgiens. Die Vögel stehen Schulter an Schulter, außer an jenen Stellen, an denen sich die Gletscherflüsse ihre Kanäle durch die Kolonie gebahnt haben. Unter die Pinguine mischen sich Hunderte Seebären, vorwiegend Jungtiere, die sich balgen oder schlafen. Auch Seeelefanten kommen nach Südgeorgien; besonders groß ist der Ansturm im Oktober, auf dem Höhepunkt der Gebärsaison. Die Bestände der Seeelefanten wie die der Seebären haben sich auf spektakuläre Weise erholt. Anfang des 20. Jahrhunderts, nachdem man sie hundert Jahre lang gejagt hatte, gab es nur noch eine Restpopulati on der Südlichen Seebären. Heute sind es wieder einige Millionen, und die meisten von ihnen paaren sich auf Südgeorgien. Der Bestand der Seeelefanten, die jedes Jahr auf der Insel ihre Jungen groß ziehen, wird auf mehrere hunderttausend beziffert.

Auch die Anzahl der Königspinguine auf Südgeorgien schießt in die Höhe. Im Jahr 1925 wurden in der St. Andrews Bay nur noch 1100 Exemplare gezählt; seither ist die Kolonie auf 300000 Tiere angewachsen. In einer solch riesigen Ansammlung würden Pinguine normalerweise mit ihren Streitigkeiten einen ohrenbetäubenden Lärm verursachen, aber als ich die Bucht besuche, verhalten sich die nistenden Vögel recht friedlich. Großes Getöse gibt es in der St. Andrews Bay nicht. Der stärkste Sinneseindruck ist visueller Natur: ein ungeheures Schauspiel mit vielen Tieren. Der Boden der Kolonie scheint an manchen Stellen vorwiegend aus dem weißen Brustgefieder der Pinguine zu bestehen. Jede Windböe fegt eine Wolke loser Federn in Richtung Meer. Aus der Ferne sieht es aus, als würde die Luft über der ganzen Bucht vor Hitze flimmern.

Der Anblick rührt mich fast zu Tränen. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Umweltschutz geradezu eine Religion war; hier, in dieser Brutkolonie, ist das Leben in all seiner Fülle für einen Menschen meiner Glaubensrichtung genau so, wie es sein sollte.


(NG, Heft 4 / 2010, Seite(n) 60-81)


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