Wilde Wasser

Artikel vom 01.09.2006  —  Autor: Neil Shea  —  Bilder: Stephen L. Alvarez

Mit Wildwasser ist nicht zu spaßen. Erst recht nicht, wenn die Stromschnellen in finsteren unterirdischen Kalksteinhöhlen liegen. Dann wird die Erkundung zu einem dramatischen Abenteuer. Tief unter den Regenwäldern von New Britain, einer Insel vor der Küste von Papua-Neuguinea, schießt das Wasser schäumend durch eines der größten und entlegensten Flusshöhlensysteme der Erde. Um dorthin zu gelangen, müssen die Forscher in gewaltige Dolinen hinabsteigen. Diese trichterförmigen Senken entstanden dort, wo lösliches Gestein, verwittert durch den Abfluss von durchschnittlich 5500 Millimeter Niederschlag pro Jahr, einbrach. Aus der Luft sehen sie aus wie Einschlagkrater - als sei vor langer Zeit eine ganze Salve von Meteoriten auf den Waldboden geprasselt. "So ein Krater macht einem Angst", sagt der britische Höhlenforscher David Gill. "Alles, was man sieht, sind enorme Wildwassermassen auf dem Grund eines gefährlichen Lochs."

Gill, von Beruf Elektroingenieur, ist Autodidakt. Er hat sich die Höhlenerkundung in den verlassenen Bleiminen und feuchtkalten Höhlen von Derbyshire in den englischen Midlands beigebracht. Vor 22 Jahren führte er ein Team zur Nare-Doline in den Nakanai Mountains von New Britain, wo er die hinreißende Schönheit von Flusshöhlen kennen lernte. Im Januar 2006 reiste Gill mit elf Gleichgesinnten aus Großbritannien, Frankreich und den Vereinigten Staaten erneut in die Nakanai-Region. Auf einer zweimonatigen Expedition wollten sie eine der größten Dolinen der Insel, eine schüsselförmige Senke von etwa 800 Meter Durchmesser, erkunden, die Gewölbe kartieren und dem Fluss möglichst weit folgen, am besten bis zu seinem Ende. Der Name der Doline: Ora. "Sie liegt sehr weit abseits", sagt Gill. "Das Gelände ist äußerst schwierig und gänzlich unerforscht. Selbst die Einheimischen gehen da nicht hinauf."

Von Port Moresby, der Hauptstadt von Papua-Neuguinea, reisten die Abenteurer per Flugzeug, dann mit dem Schiff nach Matong, einem Küstencamp für Holzfäller. Von dort ging es mit Holzlastern zu einem anderen Lager. Hier enden die Straßen. Ein Hubschrauber brachte die Männer zu einer kleinen Siedlung, in der 100 Stammesangehörige der Kol und zwei Missionarsfamilien aus den Vereinigten Staaten und Australien leben. Zunächst hielten die Dorfbewohner die Fremden für Goldsucher. Einige nahmen sie sogar beiseite und zeigen ihnen stolz gelbe Klumpen, die sie gefunden hatten. "Es war nicht leicht, ihnen klar zu machen, dass es in Kalkstein nun einmal kein Gold gibt", erzählt Dave Nixon, einer der Höhlenforscher. Nach einer Weile gewannen die Einheimischen Zutrauen und waren bereit, als Träger zu arbeiten und die Vorräte zum Basislager zu bringen: drei Stunden hinauf zu einem Bergkamm, von dem man einen Blick über die Ora-Doline hat.

Dann begann es zu regnen. Wochenlang Regen. Der Wald versank im Schlamm. Die Forscher stiegen in die Doline hinab und folgten dem Fluss zunächst in die eine, dann in die andere Richtung. Klammerten sich an das Ufer, während das Wasser vorbeirauschte, laut wie ein Güterzug. Oft waren die Männer gezwungen, den Fluss mit Hilfe von Seilen zu überqueren - eine gefährliche Angelegenheit, bei der zunächst einer der Männer durch das schäumende Wasser schwamm, um für die anderen eine Leine zu befestigen. Meist übernahm Jean-Paul Sounier, Höhlenforscher seit 40 Jahren, diese Aufgabe. Flussaufwärts öffnet sich die Ora-Höhle zu einem gewaltigen, mehr als 30 Meter hohen Gewölbe über einem tiefen türkisfarbenen See. Die flussabwärts gelegene Höhle endet nach einem halben Kilometer in einer mit Steinen gefüllten Grube, in der der Fluss versickert.

In einer Verbindungshöhle, Phantom Pot genannt, krochen die Forscher durch einen engen, gewundenen Gang, der von scharfkantigen Steinen gesäumt ist - eine Tortur, zwei Stunden hin, zwei zurück. Wieder an der Oberfläche, schleppten sich die Männer bergauf zum Lager, manchmal im Regen, manchmal in der Dunkelheit, begleitet von einem Froschkonzert und Myriaden von Insekten. "Wir sind ziemliche Masochisten", sagt Dave Nixon und lacht. "Aber so eine Tour festigt den Charakter."

Die Forscher erkundeten insgesamt fast 13 Kilometer der Flusshöhle. Sie erhoffen sich, dass die Expedition dazu beitragen wird, die Nakanai Mountains in ein künftiges Naturschutzgebiet einzubeziehen.


(NG, Heft 9 / 2006)


Extras
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus