Wildnis: Vier Expeditionen mitten in Deutschland

Autor: Marcus Jauer  —  Bilder: Sergio Pitamitz/National Geographic/Getty Images
Into the Wild: Vier Expeditionen mitten in Deutschland

Zusammenfassung: Deutschland ist ein dicht besiedeltes, hoch industriertes Land. Der Mensch muss heute kaum mehr vor der Wildnis geschützt werden – die Wildnis vor dem Menschen umso mehr.

NATIONALPARKS IM WATTENMEER

Neues Land in Sicht!

Als ich ein Junge war, wollte ich wenigstens einmal dorthin, wo nie zuvor ein Mensch gewesen war. Die Welt ist groß, wenn man klein ist, und der Traum, etwas zu entdecken, schien sich schon in dem Wäldchen hinter unserem Dorf erfüllen zu können – bis ich die Bretterbude sah, die jemand dort gebaut hatte. Offenbar musste ich erst erwachsen werden, um meinem Kindertraum endlich näher zu kommen.

Gegen Mittag brechen der Zoologe Martin Stock und ich ins Wattenmeer auf – barfuß. Er geht mit seinem rauschenden Bart und einem GPS-Gerät voran, ich hinterher. Wir haben sechs Stunden, bevor die Flut zurückkehrt und uns den Rückweg abschneidet. Wir durchqueren die Priele, in denen noch das Wasser abläuft, versinken knöcheltief im schwarzgrauen Schlick und nähern uns einem schmalen Streifen Grün am Horizont – Norderoogsand.

Vor etwa zehn Jahren stellten Vogelkundler fest, dass auf einer Sandbank ein paar Kilometer vor Hallig Hooge, in der am besten geschützten Zone des Nationalparks , eine neue Insel auftaucht. Mitten aus dem Meer wuchs ein neues Stück Land. Nur ein paar Menschen haben es bisher überhaupt betreten.

„Ich überlasse dir den ersten Schritt“, sagt Martin Stock mit einer gewissen Feierlichkeit und bleibt zurück.

Ich betrete jetzt also Norderoogsand. Der Strand ist weiß und von Muscheln übersät. Dahinter beginnt ein dicht mit Gras bewachsenes Dünenfeld, aus dem jetzt kreischend Möwen aufsteigen. Sie sind den Anblick eines Menschen hier genauso wenig gewohnt wie die Seehunde, die uns aus der Ferne zusehen und dennoch sicherheitshalber ins Wasser gleiten. Ihre Artgenossen auf den Seehundbänken nahe der Küste lassen die Touristenkutter bis auf zwanzig Meter an sich heran. Hier draußen aber ist der Mensch ein seltenes Tier.

Gibt es noch Wildnis in Deutschland? Gibt es sie wieder? Ist Wildnis überhaupt möglich in einem so dicht besiedelten, hochindustrialisierten Land? Unter welchen Umständen entsteht sie, überlebt sie? Und was erzählt uns das über uns Menschen, die wir glauben, nicht mehr Teil der Wildnis zu sein? Das sind die Fragen, denen ich nachgehen will. Einmal quer durch das Land. Von Nord nach Süd. Vom Wattenmeer bis zu den Alpen.

„Unglaublich“, sagt Martin Stock, „was sich inzwischen alles getan hat.“

Er steht auf einer Düne, von der aus er die Insel überblicken kann. Sie ist im Moment etwa 200 Meter breit und 700 Meter lang. Ein dunkelgrüner Teppich, der zum Meer hin ausfranst. Als Martin Stock zum ersten Mal hier war, gab es nicht mehr als ein paar Grasbüschel auf dem Sand, regelmäßig vom Meer überspült. Alle dachten, sie würden sich nicht lange halten.

Vielleicht hat es mit einem Stück Holz angefangen, das auf der Sandbank angeschwemmt worden war. Vielleicht war es auch nur eine große Muschelschale. Sicher ist: Irgendetwas fing das erste Häufchen Sand und schützte es vor Wasser und Wind. Es kamen die Möwen, brachten im Kot den Samen von Pflanzen mit, und die Wurzeln dieser ersten Pflanzen hielten noch mehr Sand. Die Insel wuchs und blieb bestehen, trotz Sturmfluten, trotz Gezeiten.

„Soweit ich die Geschichte des Wattenmeers kenne, ist so etwas in diesem Bereich noch nie passiert“, sagt Martin Stock, der seit 30 Jahren im Wattenmeer arbeitet.

Auf welche Art und Weise die Pflanzen die Insel erobert haben, lässt sich von den Rändern bis zur Mitte des Eilands gut nachvollziehen. Im Außenbereich, auf den Dünen, wo der Sand immer in Bewegung ist und fast keine Nährstoffe enthält, wachsen die Wegbereiter – Strandhafer, Strandquecke, Salzmiere. Weiter drinnen, in einer Senke, folgt eine Salzwiese, auf der es in den unterschiedlichsten Farben blüht und es auch Schilf gibt, eine Pflanze, die Süßwasser braucht, was heißt, dass der Boden inzwischen so viel Humus enthält, dass er den Regen speichern kann.

Martin Stock kommt jedes Jahr wenigstens einmal hierher, um Norderoogsand zu vermessen und die Pflanzenarten zu zählen. Vor zehn Jahren waren es fünf, heute sind es 70. Es gibt Schmetterlinge, Käfer, Spinnen, Möwen, Gänse, Enten. 380 Vogelpaare brüten hier, sogar ein Wanderfalke ist darunter. Für alle hat das Leben einen Weg gefunden.

„Das ist für mich Schöpfung“, sagt Martin Stock, „im religiösen Sinn.“

Vorsichtig kniet er auf der Salzwiese nieder. Er will mir zeigen, wie ein paar Zentimeter Höhenunterschied auf diesem Boden so verschiedene Bedingungen erzeugen, dass der Bewuchs sich innerhalb von wenigen Schritten vollkommen ändern kann. Aber einmal auf den Knien findet er immer mehr Pflanzen, deren Namen er staunend aufzählt: „Hier der Queller! Und die Salzmiere! Das da ist Milchkraut! Und das hier Vogelfußknöterich!“

Vergangenes Jahr hat er auf der Insel die Gelapptblättrige Melde gefunden, eine Pflanze, die in Schleswig-Holstein seit 1870 nicht mehr nachgewiesen wurde. Er hat die Stelle in sein GPS-Gerät eingegeben, und genau dort wächst die Melde auch in diesem Jahr noch. Dafür findet er an diesem Tag die Strand-Wolfsmilch nicht wieder. Wo sie wuchs, ist jetzt nur noch Sand.

„Es ist ein Werden und Vergehen“, sagt er. „Nichts hat hier draußen auf Dauer Bestand.“

Kurz darauf entdeckt er im Sand die Spuren eines Tieres . Es ist kein Vogel, aber was es ist, weiß er nicht. Er hat diese Spuren noch nicht gesehen. Martin Stock fotografiert den Abdruck und legt eine Muschel daneben für den Größenvergleich. Als wir ein paar Tage darauf noch einmal telefonieren, hat er herausgefunden, dass es eine Wanderratte ist.

„Natürlich, die Räuber ziehen nach“, sagt Martin Stock, der die Gelege der Vögel in Gefahr sieht. „Aber das ist halt die nächste Stufe.“

Auf der kleinen Düneninsel von Norderoogsand wächst eine neue Welt heran und behauptet sich. Obwohl die Sandbank, auf der sie steht, sich jedes Jahr mindestens 17 Meter in Richtung Küste bewegt. Obwohl Sturmfluten einen Teil der Dünen, die schon bis auf dreieinhalb Meter gewachsen waren, wieder abgetragen haben. Sie ist immer noch da. Vielleicht ist dies das Beeindruckendste an Norderoogsand: Diese ungezähmte Kraft, die hinter all dem Leben steht. Am Ende beschreibt sie wohl am besten, was Wildnis eigentlich bedeutet.

Vor einiger Zeit haben Martin Stock und seine Kollegen einen großen Bericht über die Zukunft des Wattenmeers geschrieben. Darin steht, dass der Meeresspiegel aufgrund des Klimawandels bis zum Jahr 2100 um mindestens 80 Zentimeter ansteigen wird. Damit wären drei Viertel des Watts, dieses in der Welt so einzigartigen Ökosystems, dauerhaft überflutet und verloren. Der Mensch muss heute kaum mehr vor der Wildnis geschützt werden - die Wildnis vor dem Menschen umso mehr.

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(NG, Heft 10 / 2016, Seite(n) 53 bis 72)
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