Wittenberg - Das protestantische Rom

Autor: Karl-Heinz Göttert  —  Bilder: Samson Goetze
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Er soll kurz geschwankt, sein Bruder ihm gut zugeredet haben. Dann aber fasste er sich und rückte nicht mehr ab von seiner Position. Auch nicht, als ihn Kaiser und Papst unter Druck setzten. Nein, die Rede ist nicht von Luther, sondern von Kurfürst Friedrich dem Weisen. Aber es ging um Luther.

Augsburg im Oktober 1518: Hier hatte gerade der letzte Reichstag von Kaiser Maximilian stattgefunden. In seiner Lieblingsstadt wollte er mit den Kurfürsten und allen, die im Reich mitzureden hatten, die anstehenden Fragen klären. Zur wichtigsten gehörte die Regelung seiner Nachfolge. Obwohl sein Sohn gestorben war, wollte Maximilian die Kaiserwürde weiterhin der habsburgischen Dynastie vorbehalten, sie sozusagen erblich machen. Diesen Wunsch schlugen ihm die Fürsten ab. Und sie weigerten sich auch, ihn bei seinen Kreuzzugsplänen zu unterstützen. So zog der alte und kranke Kaiser enttäuscht von dannen. Aber wie im klassischen Theater folgte auf die Tragödie eine Art Satyrspiel. Das Drama sollte erst beginnen.

Da war ja diese Sache mit Luther gewesen. Der hatte 1517 merkwürdige Thesen gegen den Ablasshandel verbreitet, die überall aufgenommen wurden, weil sie gut in die ewigen Klagen gegen Rom und die Kurie passten. Auch der Papst war hellhörig geworden und wollte die Sache unterbinden. Luther sollte nach Rom ausgeliefert werden, um ihm den Ketzerprozess zu machen. Jeder wusste, was das bedeutete: Tod auf dem Campo de’ Fiori, dem Blumenmarkt, auf dem für solche Fälle der Scheiterhaufen bereitstand. Aber es kam nicht so weit. Denn Kurfürst Friedrich, Luthers Landesherr, setzte statt der Auslieferung eine Aussprache an Ort und Stelle durch. Der päpstliche Legat beim Reichstag, Kardinal Cajetan, war noch nicht abgereist und sollte Luther befragen, dieser sich rechtfertigen dürfen.

So geschah es. An drei Tagen ging Luther ins Fuggerhaus zu Cajetan. Dann brach dieser das Verhör ab und verlangte nur noch: Luther sollte abschwören, seine Thesen gegen den Ablass widerrufen. Hätte sich Luther dieser Forderung verweigert, wäre er jedoch unweigerlich inhaftiert worden und doch auf dem Campo de’ Fiori gelandet. Also überstieg er in der Nacht die Augsburger Stadtmauer und kehrte nach Wittenberg zurück. Dort bot er Friedrich dem Weisen an, sein Reich zu verlassen, um die Folgen abzuwenden, die auch dem Kurfürstentum drohten, wenn es einen Ketzer schützte. Aber Friedrich blieb standfest: Weder wollte er Luthers Angebot annehmen noch auf die Forderungen des Papstes eingehen. Er wollte Luther lassen, wo er war: an der Universität, in Wittenberg. Es war diese Entscheidung, die die „Sache Luther“ zur Weltgeschichte machte.

Man muss einmal die Ausgangslage bedenken. Wittenberg stand auf gegen Rom, man kann auch sagen: ein Provinznest gegen eine Weltmacht. Wer damals beide Städte kannte, wird sich die Augen gerieben haben. Rom war gerade aus dem langen Dornröschenschlaf erwacht, den es seit den antiken Glanzzeiten gehalten hatte, überall entstanden neue Paläste und Prachtstraßen. Im Vatikan war die Sixtinische Kapelle vollendet worden, der Petersdom im Bau. Wittenberg dagegen bestand aus einem eher dürftigen Schloss, einer unfertigen Universität und Handwerkerhäusern, zwischen denen die Schweine umherliefen. Ein Witz aus der Sicht des päpstlichen Legaten. Ein Witz eigentlich aus der Sicht eines jeden Geschichtskenners. Und dann das: Wittenberg wird zu einem protestantischen Rom. Ein wirtschaftlich, politisch, kulturell völlig unbedeutender Ort ist plötzlich in aller Munde. Wie konnte das geschehen?

Die ganze Geschichte sowie die begleitende Graphic Novel lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von NATIONAL GEOGRAPHIC Deutschland.


(NG, Heft 12 / 2016, Seite(n) 90 bis 112)
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