Strahlend wie ein Solitär aus Eis und Fels ragt Südgeorgien aus dem Meer, eine 180 Kilometer lange Sichel aus Antarktisgipfeln und Gletschern. Vom Wasser aus bietet die Insel ein verblüffendes Bild, als erhöbe sich gerade der Himalaja aus der Sintflut. Dieser britische Außenposten im Polargebiet – halb Schnee, halb Tundra – ist voller Widersprüche. Die Insel hat ihre Launen. Sie wirkt hell und im nächsten Moment wieder düster. Erst wirft sie Graupelschauer, dann heitert sie sich wieder auf. Wenige Regionen der Erde haben so gegensätzliche Gesichter.
Südgeorgiens erstes Paradox: Wie Besucher die Insel erleben, hängt ganz davon ab, von welcher Seite sie anreisen. Wer von Norden kommt, empfindet sie als abweisend und kalt. Aber wer sich ihr aus dem antarktischen Süden nähert, trifft auf eine fast tropische Vielfalt. Vor rund hundert Jahren wurde die „Endurance“, das Schiff des Entdeckers Ernest Shackleton , vom Packeis der Antarktis zerquetscht, und er musste seine Männer am Leben erhalten. Fast 16 Monate lang waren sie auf den Eisschollen gefangen. Schließlich entkam Shackleton mit fünf Kameraden in einem Rettungsboot. Sie überquerten 1300 Kilometer aufgewühlte See, bis sie endlich die Walstation auf Südgeorgien erreichten. Den Schiffbrüchigen muss die verschneite Insel erschienen sein wie das Paradies.
Im Februar 2009 bin ich mit dem Fotografen Paul Nicklen auf Shackletons Spuren: Von der Antarktischen Halbinsel aus an der Küste der Süd-Shetland-Inseln entlang und nach Nordosten in Richtung Südgeorgien. Shackletons Rettungsboot, die „James Caird“, war gerade mal sieben Meter lang. Unser Schiff, die „National Geographic Explorer“, misst 112 Meter. Während Shackletons Nussschale von einem großen Sturm und Unwettern heimgesucht wurde, erfreuen wir uns recht guten Wetters. Ich fühle mich schon fast ein wenig um die wahre Antarktiserfahrung betrogen. Aber als Südgeorgien in Sicht kommt, empfängt uns die Insel mit Windgeschwindigkeiten von 180 Kilometern pro Stunde – Orkan!
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