Zuckerliebe – Eine bittersüße Geschichte

Autor: Rich Cohen  —  Bilder: Robert Clark
Zuckerliebe

Die süße Droge verführt uns immer mehr. Fettleibigkeit, Diabetes und Bluthochdruck nehmen auch in Deutschland gefährlich zu. Weshalb können wir vom Zucker nicht lassen?

Amerikas Bodensatz

Sie mussten weg. Alle. Der Cola-Automat, der Süßigkeitenautomat, die Friteuse – demontiert und durch die Flure auf den Bürgersteig gezerrt. Dort lagen sie dann mit dem anderen Müll hinter der Kirkpatrick-Schule, die zu dem halben Dutzend Grundschulen von Clarksdale im Bundesstaat Mississippi gehört. Das war vor sieben Jahren. Damals erkannte die Schulverwaltung das Ausmaß ihres Problems. Und handelte.

Die Kleinstadt im Mississippidelta hat eine lange Geschichte. Viele Einwohner stammen von Sklaven ab. Der Ort ist bekannt als die Heimat des Delta-Blues. Seine Baumwollfelder und Ebenen erstrecken sich bis zum Fluss, die viktorianischen Villen stehen noch. Doch die Stadt steht auch für ein gewaltiges amerikanisches Problem: Fettleibigkeit, Diabetes, Bluthochdruck und Herzerkrankungen sind weit verbreitet. Clarksdale ist eine übergewichtige Stadt in einem der übergewichtigsten Landkreise im übergewichtigsten Bundesstaat in der übergewichtigsten Industrienation der Welt. Experten sagen: Das ist das Vermächtnis des Zuckers, der einst die Vorfahren der Clarksdale-Bewohner als Sklaven hierher führte. «Uns wurde klar, dass wir etwas unternehmen mussten», sagt Suzanne Walton, die Rektorin der Kirkpatrick-Schule.

Die meisten Schüler nehmen zwei Mahlzeiten am Tag in ihrer Schule ein. «Die Kinder essen, was man ihnen vorsetzt, und viel zu oft sind das süße und billige Lebensmittel wie Kuchen, Eis und Süßigkeiten», sagt Walton. In ihrer Schule bekommen sie nun Obst statt Süßes. «Es musste sich etwas ändern. Es ging um die Schüler.»

Da ist zum Beispiel Nicholas Scurlock. Vor kurzem kam er in die fünfte Klasse. Mit elf Jahren wiegt er 61 Kilo. «Er hatte große Angst vor dem Sportunterricht», erzählt die Rektorin. «Er hatte Schwierigkeiten beim Laufen und beim Atmen. Natürlich habe ich kein Recht, über ihn zu urteilen», sagt Walton und schlägt sich auf die Schenkel. «Ich bin ja selber eher stämmig.»

Nicholas sitzt in der Schulkantine, neben seiner attraktiven, 38 Jahre alten Mutter Warkeyie Jones. Sie hat ihre Essgewohnheiten verändert – um etwas für sich zu tun und um Nicholas mit gutem Beispiel voranzugehen. «Früher habe ich den ganzen Tag Süßigkeiten genascht. Ich sitze am Schreibtisch. Was soll man sonst machen? Aber ich habe auf Staudensellerie umgestellt», erklärt sie. «Die Leute sagen, ich mache das nur, weil ich einen Freund habe. Aber ich sage: Nein, ich mache das, weil ich gesund leben will.»

Man nehme ein Glas Wasser, fülle es bis zum Rand mit Zucker und lasse es fünf Stunden stehen. Danach sieht man, wie sich die Kristalle am Boden abgesetzt haben. Clarksdale ist der Bodensatz im amerikanischen Zuckerwasser. Hier breitet sich der Zucker im Körper von Kindern wie Nicholas Scurlock aus – die Auswirkung der süßen Dinge in Gestalt eines Jungen.

Die Moschee aus Marzipan

Alles begann auf der Insel Neuguinea. Dort wurde Zuckerrohr erstmals vor etwa 10.000 Jahren angebaut. Die Bewohner aßen es roh. Sie kauten es, bis sie dessen Süße auf der Zunge schmeckten. Zucker war ein Elixier, ein Heilmittel für alle Krankheiten und eine Antwort auf alle Stimmungslagen. In der Mythologie Neuguineas spielt er eine wichtige Rolle. In einer der ältesten Legenden hat ein Mann Sex mit einem Zuckerrohr – und daraus entsteht die Menschheit. Bei religiösen Ritualen nippten die Priester Zuckerwasser aus Kokosnussschalen. Heute ist das Getränk ersetzt: durch Dosen mit Cola.

Langsam verbreitete sich der Zucker von Insel zu Insel, um 1000 v. Chr. erreichte er das asiatische Festland. Etwa um das Jahr 500 wurde er in Indien zu Puder verarbeitet und als Heilmittel gegen Kopfschmerzen, Magenkrämpfe und Impotenz verabreicht. Die Zuckerherstellung blieb lange eine Geheimwissenschaft, weitergegeben vom Meister an den Lehrling. Um 600 erreichte die Kunst Persien, wo die Herrscher ihre Gäste gern mit Süßem bewirteten. Als arabische Truppen die Region eroberten, nahmen sie das Wissen um die Zuckerzubereitung mit. Es war, als würde man Farbe auf einen Ventilator schleudern: Erst gab es den Zucker hier, dann da – und plötzlich überall dort, wo man Allah verehrte.

«Wohin sie kamen, brachten die Araber Zucker als Produkt und als Produktionstechnologie mit», schreibt Sidney Mintz in ihrem Buch „Die süße Macht“ – «der Zucker folgte dem Koran.»

Die muslimischen Kalifen gaben mächtig mit dem Zucker an. Marzipan war groß in Mode. Gemahlene Mandeln und Zucker wurden zu faszinierenden Genüssen geformt, die den Staatsreichtum demonstrierten. Im 15. Jahrhundert beschrieb ein Autor die von einem Kalifen in Auftrag gegebene komplette Moschee aus Marzipan. Bewundert, zum Gebet benutzt, von den Armen aufgegessen. Die Araber verbesserten das Zuckerraffinieren und machten eine Industrie daraus. Die Arbeit war höllisch schwer: die Hitze auf den Feldern, das Schneiden des Rohrs, der Rauch aus den Einkochräumen, das Mahlen der Mühlsteine. Viele Plantagenarbeiter leisteten Frondienste, zum Beispiel Osteuropäer, gefangen genommen, als muslimische und christliche Armeen aufeinandertrafen.

Als erste Europäer kamen vermutlich britische und französische Kreuzzügler mit dem Zucker in Kontakt. Sie zogen aus, um das Heilige Land von den Ungläubigen zu befreien, und kehrten mit Erinnerungen an den Zucker zurück. In gemäßigtem Klima ist Zuckerrohr nicht besonders ertragreich. Es gedeiht am besten in tropischen, regenreichen Gebieten. Der erste europäische Markt basierte daher auf sporadischen muslimischen Handelslieferungen. Den Zucker, der so in den Westen gelangte, konnte sich nur die Aristokratie leisten. Doch die Expansion des Osmanischen Reichs im 15. Jahr­hundert erschwerte den Handel mit dem Osten. Die westlichen Eliten hatten nur wenige Möglichkeiten: Handel mit den kleinen südeuropäischen Zuckerherstellern, Sieg über die Türken – oder Erschließung neuer Zuckerquellen.

In der Schule nennt man die Suche nach Ländern und Inseln, bei der Europäer um die ganze Welt reisten, das Zeitalter der Entdeckung. Tatsächlich war es auch die Jagd auf Ackerland für Zuckerrohr. 1425 schickte der portugiesische Entdeckerpionier Heinrich der Seefahrer Zuckerrohr mit einer frühen Gruppe von Kolonialsiedlern nach Madeira. Die Pflanze verbreitete sich bald auf den anderen neu entdeckten Atlantikinseln wie den Kapverden und den Kanaren. Als Kolumbus 1493 auf seine zweite Reise in die Neue Welt ging, hatte er ebenfalls Zuckerrohrschösslinge an Bord. So begann das Zeitalter des Zuckers, der Karibikinseln und Sklavenplan­ tagen. Es führte zu großen verräucherten Raffinerien am Rand von gläsernen Städten, zu Massenkonsum, dicken Kindern und fetten Eltern.

Sklaven für den Zucker

Kolumbus pflanzte das erste Zuckerrohr der Neuen Welt auf Hispaniola. Nicht zufällig war die Insel einige hundert Jahre später Schauplatz einer großen Sklavenrevolte. Nach wenigen Jahrzehnten standen Zuckermühlen auf den Anhöhen von Jamaika und Kuba, wo die Regenwälder gerodet und die Einheimischen durch Krieg und Krankheit ausgerottet oder versklavt worden waren. Die Portugiesen machten aus Brasilien eine der ersten ertragreichen Kolonien. Über 100.000 Sklaven produzierten dort tonnenweise Zucker.

Je mehr Zuckerrohr angebaut wurde, desto weiter sank der Preis. Gleichzeitig stieg die Nachfrage. Betriebswirtschaftler bezeichnen ein solches Phänomen als Erfolgsspirale. Mitte des 17. Jahrhunderts begann der Wandel des Zuckers vom Luxusgut zum Grundnahrungsmittel; erst für die Mittelschicht, dann für die Armen.

Im 18. Jahrhundert war die Liaison von Zucker und Sklaverei komplett. Alle paar Jahre wurde eine neue Insel – Puerto Rico, Trinidad – kolonialisiert, gerodet und bepflanzt. Wo die Einheimischen starben, ersetzten die Plantagenbesitzer sie durch afrikanische Sklaven. Nach Ernte und Verarbeitung wurde der Zucker auf Schiffe geladen und nach London, Amsterdam und Paris transportiert. Dort tauschte man ihn gegen andere Güter, die an die afrikanische Westküste gebracht und gegen weitere Sklaven gewechselt wurden. Dieser „Dreieckshandel“, kostete Millionen Afrikaner das Leben. Bis zum britischen Verbot des Sklavenhandels im Jahr 1807 wurden mehr als elf Millionen Afrikaner in die Neue Welt verschleppt. Mehr als die Hälfte arbeitete auf Zuckerplantagen. Der Historiker und Politiker Eric Williams aus Trinidad schreibt, dass «Sklaverei nicht aus dem Rassismus entstand; vielmehr war Rassismus die Konsequenz aus der Sklaverei». Anders gesagt: Afrikaner wurden nicht versklavt, weil sie als minderwertig angesehen wurden, sondern sie galten als minderwertig, um so die für den Profit des Zuckerhandels notwendige Versklavung zu rechtfertigen.

Die erste britische Zuckerinsel war Barbados. Als ein britischer Kapitän sie am 14. Mai 1625 erreichte, lag sie verlassen. Doch schon bald standen auf der Insel Zuckermühlen, Plantagenvillen und Hütten. Neben Tabak und Baumwolle setzte sich schon bald das Zuckerrohr in der Karibik durch. Nach hundert Jahren waren der Ackerboden ausgelaugt und der Wasserspiegel abgesunken. Viele Plantagenbesitzer hatten da Barbados schon längst verlassen – auf der Suche nach neuen auszubeutenden Inseln. 1720 galt Jamaika als die führende Zuckerinsel.

Für Afrikaner war das Leben auf den Inseln die Hölle. Millionen Menschen starben auf den Feldern, in Zuckerrohrmühlen oder bei Flucht­versuchen. Nach und nach wurde man in Europa auf die Unmoral des Geschäfts aufmerksam.

Reformer predigten die Abschaffung der Sklaverei. Hausfrauen boykottierten von Sklaven geerntetes Zuckerrohr. Doch der Boom ließ sich nicht aufhalten. Zucker war das Erdöl jener Zeit. Je mehr man davon bekam, desto mehr wollte man. Im Jahr 1700 verzehrten die Engländer pro Kopf im Durchschnitt 1,8 Kilo im Jahr. 1800 bereits 8,2 Kilo. 1870 schon 21 Kilo, im Jahr 1900 schließlich 45 Kilo. Innerhalb von 30 Jahren stieg die weltweite Produktion von Rohr­ und Rübenzucker von 2,5 auf etwa zwölf Tonnen pro Jahr. Heute verzehrt jeder Brite etwa 30 Kilo Zucker jährlich. Jeder Deutsche isst im gleichen Zeitraum rund 35 Kilo Zuckerzusatz (etwa 95 Gramm am Tag) – genauso viel wie der Durchschnittsamerikaner.

In diesem Video der University of California erklärt der Wissenschaftler Robert H. Lustig, welche Auswirkungen Zucker auf unsere Gesundheit haben kann:


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(NG, Heft 8 / 2013, Seite(n) 86 bis 103)

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