Zurück ins Leben: Die Wissenschaft vom Sterben

Autor: Robin Marantz Henig  —  Bilder: Lynn Johnson
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Zusammenfassung: Gardell Martin war 22 Monate alt, als er in einen eiskalten Bach fiel und mehr als eineinhalb Stunden ohne Herzschlag war. Drei Tage später verließ er das Krankenhaus – gesund und munter. Es gibt viele Geschichten, die der von Gardell ähneln. Sie werfen die Frage auf: Wie endgültig ist der Tod? Die moderne Medizin liefert erstaunliche Antworten.

Zuerst fühlte es sich nur an wie der schlimmste Kopfschmerz, den sie je hatte. Karla Pérez – 22 Jahre alt, Mutter einer dreijährigen Tochter und im fünften Monat schwanger – legte sich eine Weile hin und hoffte, es würde vorübergehen. Aber der Schmerz wurde immer stärker. Als sie sich übergeben musste, bat sie ihren jüngeren Bruder, den Notarzt zu rufen.

Es war Sonntag, der 8. Februar 2015, kurz vor Mitternacht. Der Rettungswagen raste mit Pérez von ihrer Wohnung in Waterloo im US-Bundesstaat Nebraska binnen 20 Minuten zur Frauenklinik in der Nachbarstadt Omaha. In der Notaufnahme wurde sie bewusstlos, die Ärzte intubierten sie, damit das Ungeborene weiterhin mit Sauerstoff versorgt wurde. Sie ordneten eine Computertomografie an. Die Bilder zeigten eine schwere Hirnblutung, der Druck im Schädel war massiv erhöht.

Pérez hatte einen Schlaganfall erlitten, doch ihrem Fötus ging es noch gut, sein Herzschlag war stark und regelmäßig. Gegen zwei Uhr morgens bestätigte eine weitere Tomografie die schlimmsten Befürchtungen: Pérez’ Gehirn war so stark geschwollen, dass der Hirnstamm durch eine kleine Öffnung aus der Schädelbasis herausgepresst worden war.

„Den Neurologen war klar, dass es hier keine Rettung mehr geben würde“, sagt Tifany Somer-Shely, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe. Sie hatte Karla Pérez während ihrer ersten Schwangerschaft und auch mit diesem Baby betreut.

Pérez’ Gehirn funktionierte nicht mehr und würde sich auch nie wieder erholen. Mit anderen Worten: Es war tot. Ihren Körper aber konnte man technisch funktionsfähig erhalten, damit er das 22 Wochen alte Ungeborene versorgte, bis es aus eigener Kraft überlebensfähig sein würde. Pérez würde weiter im Grenzbereich zwischen Leben und Tod schweben.

Diese „Todeszone“ ist im Moment Gegenstand heftiger Debatten. Manche Mediziner lehnen mittlerweile das Bild vom Kippschalter ab: „an“ heißt „lebendig“, „aus“ heißt „tot“. Sie bevorzugen die Vorstellung eines Dimmers, der Stufen von Weiß bis Schwarz erzeugt, mit einem Graubereich, in dem der Tod nicht unbedingt endgültig sei. Nicht mal die Grenze zwischen Leben und Tod sei eindeutig. Sie berufen sich auf Menschen, die „tot“ waren und wieder zurückgekehrt sind. Einige von ihnen können beschreiben, was sie „auf der anderen Seite“ sahen.

NG-Video: Unsere Fotografin Lynn Johnson begleitete Phyllis B. Andrews während ihrer letzen Tage


Andere sagen: Ein Organismus, den man wieder reanimieren kann, auch wenn sein Herz längere Zeit stillstand, war eben nicht tot. Der Tod sei „ein Prozess, kein Zeitpunkt“, schreibt der Notfallmediziner Sam Parnia in seinem Buch „Der Tod muss nicht das Ende sein“ (Heyne Verlag). Parnia leitet das Zentrum für Wiederbelebung an der Universität Stony Brook in New York. Selbst wenn das Herz aufhört zu schlagen, sterben die Organe nicht so fort. Sie können noch eine ganze Weile funktionieren.

Für Parnia bedeutet das: „Der Tod ist für eine gewisse Zeitspanne umkehrbar.“ Was aber passiert in dieser Zeit? Biologisch und mit unserem Geist? Können Mediziner diesen Prozess beeinflussen? Kontrollieren? Die Spanne der „Umkehrbarkeit“ verlängern? Einer der Forscher, der sich mit diesen Fragen beschäftigt, ist der Biologe Mark Roth. Er experimentiert am Krebsforschungszentrum in Seattle mit Fadenwürmern (Nematoden), sehr einfachen Organismen, die er chemisch in eine Art Scheintod versetzt. Er verabreicht ihnen Substanzen, die Herzschlag und Stoffwechsel extrem verlangsamen – und schaut, wie lange er die Tierchen ins Leben zurückholen kann.

Roths Fernziel ist es, menschliche Patienten nach einem Herzinfarkt in diesen künstlichen Winterschlaf zu versetzen, bis sie die medizinische Krise überwunden haben, die sie an den Rand des Todes geführt hat. Der Chirurg Sam Tisherman geht in Baltimore und Pittsburgh einen anderen Weg. Er lässt bei Opfern von Schuss- und Stichverletzungen die Körpertemperatur stark herabsetzen, um den Blutfluss zu verlangsamen, bis Ärzte die Wunden schließen können. Die Unterkühlung soll hier bewirken, was Roth mit chemischen Mitteln versucht: Patienten vorübergehend abzuschalten – Tisherman sagt: „zu töten“ –, um ihr Leben zu retten.

In Arizona bewahren Kryonik-Experten schon mehr als 130 tote Kunden in tiefgefrorenem Zustand auf. Kryos ist griechisch und heißt „Eis“. Mit der Kryotechnik wird ein Organismus üblicherweise bei minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff aufbewahrt – in der Hoffnung, ihn irgendwann, vielleicht erst in Hunderten von Jahren, aufzutauen und wiederzubeleben. Dann, wenn die Medizin so weit fortgeschritten ist, dass man die Menschen von dem heilen kann, was sie umgebracht hat.

Einen anderen Ansatz verfolgt Hirnforscher Richard Davidson. Er untersucht in Indien buddhistische Mönche, die sich in einem tukdam genannten Zustand befinden, in dem biologische Signale des Lebens erloschen sind, der Körper jedoch eine Woche oder länger frisch und intakt erscheint. Davidson will herausfinden, ob bei diesen toten (?) Mönchen irgendeine Art von Gehirntätigkeit festzustellen ist. Vielleicht, so ist seine Hoffnung, erfährt er auf diese Weise etwas darüber, was mit dem Bewusstsein geschieht, wenn der Kreislauf stillsteht

Sam Parnia in New York verkündet derweil die frohe Botschaft des „Zurück ins Leben“. Er sagt, die Möglichkeiten der Reanimation seien noch längst nicht ausgeschöpft. Wenn die Körpertemperatur gesenkt sei, die Herzdruckmassage optimal praktiziert und Sauerstoff vorsichtig wieder zugeführt werde, um Schädigungen des Gewebes zu vermeiden, könnten Patienten ohne Herzschlag noch nach Stunden von den Toten zurückgeholt werden, sogar ohne gesundheitliche Folgeschäden. In diesem Zusammenhang untersucht er einen weiteren Aspekt des Seins zwischen Leben und Tod: Viele Menschen mit Herzstillstand erzählen später, dass sie an der Schwelle des Todes ihren Körper zeitweise verlassen hätten. Was sagen diese Empfindungen über die Natur des Grenzbereichs und über den Tod selbst aus?

Eine maßgebliche Rolle spielt der Sauerstoff, sagt Mark Roth in Seattle: „Ohne Sauerstoff kein Leben.“ Das gilt als wissenschaftlicher Lehrsatz seit dem späten 18. Jahrhundert, als das chemische Element entdeckt wurde. Neu ist aber: Auch der Entzug von Sauerstoff kann wichtig sein für das (Über-)Leben. „Richtig ist: Wenn ein Lebewesen zu wenig Sauerstoff bekommt, stirbt es“, sagt Roth. „Senkt man jedoch die Sauerstoffzufuhr weiter, wird es wieder lebendig. Es befindet sich dann in einer Art Schwebezustand.“

Er hat das bei seinen Experimenten mit Fadenwürmern gezeigt. Die Luft, die wir atmen, enthält knapp 21 Prozent Sauerstoff. Fadenwürmer können auch in Luft mit nur 0,5 Prozent Sauerstoff überleben, senkt man den Gehalt auf 0,1 Prozent, sterben sie. Reduziert man den Sauerstoffgehalt daraufhin aber sehr rasch und sehr stark auf 0,001 Prozent oder weniger, gehen die Würmer in ein Stadium über, in dem sie weder lebendig noch tot sind, aus dem sie aber wiederbelebt werden können. Es ist ein Zustand, in dem sie weniger Sauerstoff benötigen, eine Art Winterschlaf. Roth vergleicht diese unter geringster Sauerstoffzufuhr zeitweise „abgeschalteten“ Organismen mit einem Gasherd, bei dem nur die Zündflamme brennt.

Bei seinen Labortieren versucht Roth den „Zündflammen“-Zustand herbeizuführen, indem er ihnen beispielsweise Iodidverbindungen injiziert, die den Sauerstoffbedarf stark vermindern. Bald will er das auch an Menschen testen. Sein Ziel ist es, die Schäden, die nach der Behandlung von Herzinfarkten auftreten können, möglichst klein zu halten.

Es kommt zum Beispiel vor, dass die nach einem Infarkt zeitweise nicht durchbluteten und dadurch nicht mit Sauerstoff versorgten Gefäße und Gewebe es nicht verkraften, wenn sie plötzlich wieder von frischem, sauerstoffreichem Blut geflutet werden. Ein Iodid, das den sauerstoffabhängigen Stoffwechsel verlangsamt, sodass ein Mensch zeitweise weder tot noch lebendig ist, könnte dieses Risiko möglicherweise verkleinern, glaubt Roth.

Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter. Erfahren Sie außerdem mehr auf unserer Themenseite Medizin .

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(NG, Heft 6 / 2016, Seite(n) 38 bis 59)
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