Tiere

Singvögel - Flug in den Tod

In Südeuropa werden Singvögel zu Millionen getötet. Ein Skandal, schreibt der Bestsellerautor Jonathan Franzen. Donnerstag, 9 November

Von Jonathan Franzen

Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen („Die Korrekturen“, „Freiheit“, „Weiter weg“) ist ein leidenschaftlicher Vogelbeobachter und wurde bei dieser Reportage selber Zeuge des Vogelmords.

Auf dem Vogelmarkt der ägyptischen Mittelmeerstadt Marsa Matruh betrachtete ich Käfige, in denen sich wilde Turteltauben und Wachteln drängten. Einer der Händler sah den Ausdruck der Missbilligung auf meinem Gesicht und rief in sarkastischem Ton: «Ihr Amerikaner sorgt euch um die Vögel, aber Bomben auf die Heimat anderer Menschen zu werfen, findet ihr nicht weiter schlimm.»

Ich hätte erwidern können, dass es möglich sei, beides schlimm zu finden. Doch der Vogelhändler hatte etwas Wahres über das Problem des Naturschutzes in einer Welt menschlicher Konflikte gesagt. Er küsste seine Finger, um anzudeuten, wie köstlich die Vögel schmeckten. Ich blickte weiter stirnrunzelnd in die Käfige.

Für einen Besucher ist die Situation im Mittelmeerraum erschreckend: Jedes Jahr werden Hunderte Millionen Singvögel und größere Zugvögel getötet – um sie zu essen, zu Profitzwecken, in Wettkämpfen oder einfach zum Spaß –, und zwar weitgehend wahllos, mit erheblichen Auswirkungen auf Vogelarten, die durch die Zerstörung oder Zersplitterung ihres Habitats ohne­ hin schon stark dezimiert sind.

In den Mittelmeerländern werden Kraniche, Störche und große Raubvögel geschossen, für die Regierungen weiter nördlich millionenschwere Schutzprojekte betreiben. In ganz Europa nehmen die Vogelpopulationen ab, und das Morden im Mittelmeerraum ist einer der Gründe dafür. Besonders berüchtigt sind italienische Jäger und Wilderer; die Wälder und Sümpfe der Regionen Italiens hallen fast ganzjährig von Schüssen und zuschnappenden Singvogelfallen wider. Frankreichs Feinschmecker essen allen Verboten zum Trotz weiterhin Ortolane, die man bei uns als Gartenammern kennt, und auf der langen Liste von Vögeln, die dort gejagt werden dürfen, stehen etliche ums Überleben kämpfende Watvogelarten. Auch in Teilen Spaniens sind Singvogelfallen noch weitverbreitet; maltesische Jäger, vom Mangel an einheimischer Beute frustriert, schießen Raubvögel vom Himmel; Zyprioten töten Mönchsgrasmücken in rauen Mengen und essen sie.

In der Europäischen Union gibt es zumindest theoretische Restriktionen, was das Töten von Zugvögeln betrifft. Die öffentliche Meinung neigt zur Befürwortung des Naturschutzes, und viele Naturschutz­Organisationen helfen den Regierungen, geltendes Recht durchzusetzen. In den nicht zur EU gehörigen Mittelmeerländern hingegen ist die Situation nicht besser geworden. Als ich nach Albanien und Ägypten reiste, stellte ich vielmehr fest, dass sie sich dramatisch verschlechtert.

Der Februar 2012 bescherte Osteuropa das kälteste Wetter seit 50 Jahren. Gänse, die normalerweise im Donautal überwintern, zogen gen Süden, um der Kälte zu entkommen. Etwa 50 000 landeten ausgehungert und erschöpft in den Ebenen Albaniens. Jede Einzelne wurde zur Strecke gebracht, um sie an Restaurants zu verkaufen. In Albanien leidet zwar niemand Hunger, doch das Land hat eines der niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen in Europa. Der ungewöhnliche Zustrom geldwerter Gänse war für die örtlichen Bauern und Dorfbewohner buchstäblich ein warmer Regen.

Video: Der Fotograf David Guttenfelder, der Jonathan Franzen bei seiner Reportage begleitete, erzählt, wie er die Vogelrettungen erlebte:

http://www.youtube.com/embed/EB3BJ5nkEWc

Video: Der Schriftsteller Jonathan Franzen erzählt von seiner Begeisterung für Vögel

http://www.youtube.com/embed/UJXhY_Xjg3E

In Europa verläuft die östlichste Flugroute der Zugvögel durch die Balkanländer, und in Albanien verwandelt sich die raue adriatische Küste in eine üppige Landschaft aus Marschen, Seen und Ebenen. Jahrtausendelang konnten die aus Afrika kommenden Vögel auf dem Weg in ihre nördlichen Brutgebiete vor dem beschwerlichen Flug über die Dinarischen Alpen hier rasten, und im Herbst ruhten sie erneut hier aus, bevor sie das Mittelmeer überquerten.

In den 40 Jahren der marxistischen Diktatur Enver Hoxhas zerstörte der Totalitarismus das Gewebe der albanischen Gesellschaft, doch für Vögel war es keine schlechte Zeit. Hoxha behielt die Privilegien des Jagens und privaten Schusswaffenbesitzes sich selbst und einigen Vertrauten vor. Diese Handvoll Jäger konnten den Millionen Zugvögeln kaum etwas anhaben, und die der Planwirtschaft geschuldete Rückständigkeit des Landes, gepaart mit einem mangelnden Reiz für Touristen, sorgte dafür, dass der Reichtum des Küstenbiotops erhalten blieb.

Nach Hoxhas Tod im Jahr 1985 machte das Land einen schwierigen Wandel durch. Die Wirtschaft begann zu wachsen, und eine Art, wie eine Generation jüngerer Männer in Tirana ihre Freiheit und ihren neuen Wohlstand auslebte, bestand darin, Schusswaffen zu kaufen, um zu tun, was zuvor nur der Elite erlaubt gewesen war: Vögel zu töten.

In Tirana traf ich ein paar Wochen nach der eisigen Februarkälte eine junge Frau, die über das neue Hobby ihres Mannes sehr unglücklich war. Sie erzählte mir, wie er einmal an den Straßenrand gefahren und aus dem Wagen gesprungen sei und angefangen habe, auf Vögel zu schießen, die auf einer Stromleitung saßen.

«Ich würde das gern verstehen», sagte ich.

«Das wird Ihnen nicht gelingen!», sagte sie. «Wir haben darüber gesprochen, und ich verstehe es auch nicht.» Dennoch rief sie ihren Mann an und bat ihn, zu uns zu kommen.

«Es ist Mode geworden, meine Freunde haben mich dazu überredet», erklärte er mir kurz darauf ein wenig kleinlaut. «Ich bin kein richtiger Jäger. Aber es war ein gutes Gefühl, eine registrierte Waffe zu besitzen, ein starkes Gewehr, und da ich noch nie Vögel geschossen hatte, machte es mir zuerst Spaß. Es war, wie wenn der Sommer ausbricht und man Lust bekommt, ins Meer zu springen. Ich bin oft losgefahren und eine Stunde oben in den Hügeln gewesen. Ich habe geschossen, was mir vor die Flinte kam. Aber wenn man über die Tiere nachdenkt, die man tötet, macht es schon weniger Spaß.»

«Ja, wie steht es damit?», fragte ich.

Der Jäger runzelte die Stirn. «Ich finde die Situation sehr unangenehm. Meine Freunde sagen jetzt auch: ‹Es gibt keine Vögel mehr. Wir laufen stundenlang durch die Gegend, ohne welche zu sehen.› Das ist unheimlich. Inzwischen wäre ich froh, wenn die Regierung für zwei Jahre – nein, für fünf – ein striktes Jagdverbot verhängen würde, damit sich die Vögel regenerieren.»

Doch in Albanien kämpfen zwei politische Parteien erbittert um die Stimmen der Bevölkerung und beide sind nicht bestrebt, in einer Sache, die für die meisten Wähler von geringem Interesse ist, eine potenziell unpopuläre Vorschrift zu erlassen.

Tatsächlich haben die Vögel in Albanien nur einen einzigen ernsthaften Fürsprecher: Taulant Bino. Er ist Vize-Umweltminister, und eines Morgens nahm er mich mit in den Nationalpark Divjaka-Karavasta, ein weitläufiges Strand- und Marschland-Biotop. Es war Mitte März, eine Zeit, in der die Jagd überall im Land verboten ist. Der Park hätte von überwinternden und ziehenden Wasser- und Watvögeln wimmeln müssen. Außer an einem von Fischern verteidigten Teich jedoch waren hier auffallend wenige Vögel zu sehen; noch nicht einmal Stockenten.

Video: Der Fotograf David Guttenfelder, der Jonathan Franzen bei seiner Reportage begleitete, erzählt, wie er die Vogelrettungen erlebte:

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Video: Der Schriftsteller Jonathan Franzen erzählt von seiner Begeisterung für Vögel

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Kurzgeschichte: In vielen Werken Franzens tauchen Vögel und deren Beobachtung immer wieder auf, so auch in der Kurzgeschichte "Farther Away", die Sie hier lesen können (auf Englisch).

Als wir am Strand entlangfuhren, sahen wir bald den Grund dafür: Eine Gruppe von Jägern hatte Lockvögel aufgestellt und schoss auf Kormorane und Schnepfen. Der Parkmanager, der uns begleitete, forderte die Jäger zum Gehen auf, da holte einer von ihnen sein Handy heraus und machte Anstalten, einen Freund in der Regierung anzurufen. «Sind Sie verrückt?», brüllte der Parkmanager ihn an. «Ist Ihnen nicht klar, dass ich mit dem Vize-Umweltminister hier bin?»

Binos Ministerium hat, zumindest auf dem Papier, genügend geschütztes Habitat geschaffen, um gesunde Populationen von Zug- und Brutvögeln aufrechtzuerhalten. «Als Naturschützer erkannten, dass die wirtschaftliche Entwicklung die Biodiversität einschränken könnte», erklärte mir Bino, «wollten sie das Netz der Schutzgebiete erweitern, bevor ihnen die Entwicklung gefährlich werden konnte. Aber es ist schwierig, Leute in Schach zu halten, die bewaffnet sind – man braucht dazu die Hilfe der Polizei. Kaum hatten wir hier 2007 ein Gebiet abgesperrt, da tauchten 400 Jäger auf und schossen auf alles. Die Polizei kam und beschlagnahmte ein paar Gewehre, aber nach zwei Tagen sagten sie: «Das ist Ihr Problem, nicht unseres.»

Leider wird die Einhaltung der Gesetze nicht kontrolliert – was italienische Jäger, zu Hause durch EU-Regeln eingeschränkt, nach Hoxhas Tod schnell erkannten. Während meiner Woche in Albanien kam ich in kein einziges Naturschutzgebiet, in dem es nicht italienische Jäger gab, obwohl die Jagdsaison schon vorbei war. Sie verwendeten illegale, hochwertige Geräte zur Wiedergabe von Vogelgeräuschen und schossen, was sie wollten und so viel sie wollten.

Bei einem zweiten Besuch im Karavasta-Nationalpark, dieses Mal ohne Bino, sah ich zwei Männer in Tarnkleidung ein Boot besteigen, beide mit Gewehren. Offensichtlich hatten sie es eilig abzulegen, bevor ich sie ansprechen konnte. Ein Albaner, der ihnen geholfen hatte und am Ufer stand, behauptete, es seien Landsleute von ihm, doch als ich hinter ihnen herrief, antworteten sie auf Italienisch. «Okay, es sind Italiener», räumte der Albaner ein. «Ärzte aus Bari, sehr gut ausgerüstet. Gestern waren sie von frühmorgens bis Mitternacht hier draußen.»

«Wissen sie, dass die Jagdsaison vorbei ist?», fragte ich.

«Es sind intelligente Männer.»

«Wie sind sie in den Nationalpark hereingekommen?»

«Das Tor ist offen.»

«Wer wird dafür bestochen? Die Wärter?»

«Nicht die Wärter. Das geht höher rauf.»

«Der Parkmanager?» Der Mann zuckte die Schultern.

Albanien stand einmal unter italienischer Herrschaft, und viele Albaner betrachten die Italiener noch heute als Vorbild für Kultiviertheit und Modernität. Abgesehen von dem beträchtlichen unmittelbaren Schaden, den italienische Jagdtouristen in Albanien anrichten, haben sie dort sowohl eine Moral des wahllosen Vogelmords eingeführt als auch neue katastrophal effektive Methoden für das Anlocken von Vögeln. Selbst in Provinzdörfern haben albanische Jäger inzwischen MP3-Aufnahmen von Entenrufen auf ihren Handys und iPods.

Die neue Technik, dazu etwa 100000 Gewehre und eine Unmenge anderer Waffen haben Albanien in ein riesengroßes Vogelgrab verwandelt: Millionen fliegen herein, und nur ganz wenige kommen lebend wieder heraus.

Die Schlauen oder Glücklichen meiden das Land. An einem Strand in Velipoja beobachtete ich einmal große Schwärme von Knäkenten, die erschöpft von ihrem Flug über die Adria vor der Küste hin und her flogen, weil Jäger, versteckt hinter über den Strand verteilten Blenden, sie daran hinderten, das Sumpfland zu erreichen, wo sie Nahrung gefunden hätten. Martin Schneider-Jacoby, bis zu seinem Tod im vorigen Sommer Vogelspezialist für die deutsche Organisation EuroNatur, beschrieb mir, wie sich Schwärme von Kranichen, die vom Meer aus auf Albanien zufliegen, nach dem Alter aufteilen. Die erwachsenen Vögel fliegen in großer Höhe weiter, während die unerfahrenen Erstjährigen hinuntergehen, wenn sie reizvolles Habitat unter sich entdecken. Sobald aber Schüsse krachen, schwingen sich die nicht Getroffenen wieder auf und folgen den erwachsenen Vögeln.

Video: Der Fotograf David Guttenfelder, der Jonathan Franzen bei seiner Reportage begleitete, erzählt, wie er die Vogelrettungen erlebte:

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Video: Der Schriftsteller Jonathan Franzen erzählt von seiner Begeisterung für Vögel

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«Sie kommen aus der Sahara», sagte Schneider-Jacoby, «und haben Zweitausender zu überwinden. Sie brauchen unbedingt eine Chance zu rasten. Vielleicht haben sie noch genügend Energie, um die Berge zu überqueren, aber zum erfolgreichen Brüten reicht es dann nicht mehr.»

Jenseits der albanischen Grenze, in Montenegro, zeigte mir Schneider-Jacoby die ausgedehnten Salzpfannen in Ulcinj. Bis vor kurzem hielten montenegrinische Jäger die Vogelpopulation dort so gering wie in Albaniens wenige Kilometer entfernten „geschützten“ Gebieten. Doch eine private Organisation hat einen Förster dafür abgestellt, Wilderer der Polizei zu melden, und die Folgen sind verblüffend: Vögel, so weit das Auge reicht, Tausende von Watvögeln, Tausende von Enten, alle eifrig beim Fressen.

«Eurasien kann sich ein Vogelgrab wie Albanien nicht leisten», sagte Schneider-Jacoby. „Wir haben noch immer nicht gelernt, den Vögeln das Überleben zu sichern. Jagdverbote sind das Einzige, was funktioniert. Wenn sie das Jagen hier stoppen, werden sie das schönste Habitat Europas haben. Die Leute werden herbeiströmen, um die rastenden Kraniche zu sehen.»

Trotzdem: Die Situation in Albanien ist nicht hoffnungslos. Viele Jäger scheinen zu begreifen, dass sich etwas ändern muss; bessere Umwelterziehung und das Wachstum des ausländischen Tourismus verlangen nach Gebieten unverdorbener Natur. Die Vogelpopulationen werden sich rasch erneuern, wenn die Regierung auf die Einhaltung der Gesetze in den Naturschutzgebieten pocht. Weiter südlich ist Hoffnung schwerer zu haben.

Wie in Albanien sprechen in Ägypten Geschichte und Politik gegen den Naturschutz. Das Land hat zwar verschiedene internationale Abkommen zur Regulierung der Vogeljagd unterzeichnet, doch der Groll gegen den europäischen Kolonialismus, verstärkt durch den Konflikt zwischen der traditionellen muslimischen Kultur und den Freiheiten des Westens, motiviert die ägyptische Regierung kaum, sich an diese Abkommen zu halten. Überdies war die ägyptische Revolution von 2011 ausdrücklich ein Aufbegehren gegen die Polizei. Der neue Präsident, Mohammed Mursi, konnte es sich kaum leisten, allzu eifrig auf den Vorschriften zu bestehen; er hatte drängendere Sorgen als die Tierwelt des Landes.

In Nordostafrika gibt es außerdem eine alte, reiche und fortdauernde Tradition, Zugvögel zu jagen. Solange dies mit herkömmlichen Methoden bewerkstelligt wurde – mit selbstgemachten Netzen und Leimruten, mit kleinen Fallen aus Schilfrohr –, war die Auswirkung auf Brutvögel aus Asien und Europa vielleicht noch tragbar. Heute besteht das Problem darin, dass neue professionelle Techniken die Beute erheblich vergrößern, während die Tradition daneben ebenfalls bestehen bleibt.

Der kulturelle Gegensatz, der die Hoffnung am stärksten gefährdet, ist womöglich dieser: Für ägyptische Vogeljäger macht es keinen Unterschied, ob sie einen Fisch oder einen Vogel fangen (im Nildelta verwenden sie sogar für beide die gleichen Netze). Viele Menschen aus den westlichen Ländern sehen Vögel dagegen mit ganz anderen Augen, emotionaler. Als ich in der Wüste westlich von Kairo mit sechs jungen beduinischen Vogeljägern in einem Zelt saß, sah ich draußen im Sand eine gelbe Bachstelze. Meine Reaktion war: ein kleines, vertrauensvolles, warmblütiges, wunderhübsches Tier, das gerade viele hundert Kilometer über die Wüste geflogen war! Die Reaktion des Jägers neben mir bestand darin, sich schnell ein Luftgewehr zu schnappen und abzudrücken. Als die Bachstelze unverletzt davonflatterte, war das für ihn, als wäre ein Fisch entkommen. Für mich dagegen war es einer der seltenen Momente der Erleichterung.

Video: Der Fotograf David Guttenfelder, der Jonathan Franzen bei seiner Reportage begleitete, erzählt, wie er die Vogelrettungen erlebte:

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Video: Der Schriftsteller Jonathan Franzen erzählt von seiner Begeisterung für Vögel

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Die sechs Beduinen, kaum älter als Teenager, campten in einem kargen Akazienwäldchen, ringsum von Sand umgeben. Das Wäldchen war ein Sammelpunkt für Zugvögel auf dem Weg nach Süden, und jeder, der dort hineinflog, ungeachtet seiner Größe, seiner Art oder seines Schutzstatus, wurde getötet und verspeist. Für die jungen Männer war das Jagen von Singvögeln ein Ausweg aus der Langeweile, ein Vorwand, um miteinander rumzuhängen. Sie hatten einen mit Trash-Filmen vollgeladenen Computer, eine Spiegelreflexkamera, Nachtsichtbrillen und eine Kalaschnikow, um aus Spaß damit zu schießen. Sie stammten alle aus wohlhabenden Familien.

Zu ihrem morgendlichen Fang gehörten Turteltauben, Pirole und kleine Waldsänger. Mit gewürztem Reis serviert, ergaben sie eine reichhaltige Mahlzeit. Pirole haben im Nahen Osten den Ruf, gut für die männliche Potenz zu sein («natürliches Viagra»). Ich nahm mir nur eine Turteltaube.

In manchen Gegenden sind Pirole bares Geld wert, weil man sie Zwischenhändlern anbieten kann, die sie einfrieren und in die persischen Golfstaaten verkaufen. Die Beduinen dagegen essen das meiste, was sie fangen, selber oder verschenken es an Freunde und Nachbarn. An guten Stellen wie der Oase Al Maghrah, wo sich Jäger zu Dutzenden versammeln, kann ein Einzelner mehr als 50 Pirole pro Tag töten.

Ich kam spät in der Saison hierher, doch die Lockpirole (meist ein totes Männchen an einem Stock) zogen noch immer viele Vögel an, und die Jäger verfehlten sie selten. Gut möglich, dass allein an dieser Stelle 5000 Pirole im Jahr getötet werden. Da es viele weitere Jagdgebiete in der Wüste gibt und der Pirol auch entlang der ägyptischen Küste ein begehrtes Jagdobjekt ist, machen die Verluste in Ägypten einen beachtlichen Teil seiner europäischen Population von zwei oder drei Millionen Brutpaaren aus. Die Freude an einer attraktiven Vogelart bleibt so jeden September das Monopol einer relativ kleinen Gruppe wohlgenährter Freizeitjäger auf der Suche nach natürlichem Viagra. Der eine oder andere benutzt vielleicht eine unregistrierte Waffe, doch der Rest verstößt gegen kein ägyptisches Gesetz.

In der Oase begegnete ich auch einem Schafhirten, der zu arm war, um ein Gewehr zu besitzen. Er und sein zehnjähriger Sohn verwendeten Netze, die sie über Bäume hängten. Sie fingen vor allem kleinere Vögel wie Fliegenschnäpper, Würger und Waldsänger. Der Sohn war daher ganz aufgeregt, als ihm ein Pirolmännchen, leuchtend golden und schwarz, ins Netz ging. Er kam damit zu seinem Vater gelaufen – „Ein Pirol!“, rief er stolz – und schnitt ihm mit einem Messer die Kehle durch.

Die meisten Beduinen, mit denen ich sprach, erzählten mir, dass sie keine einheimischen Vögel wie Wiedehopfe und Palmtauben schießen. Wie andere Jäger des Mittelmeerraums betrachten sie alle Zugvogelarten dagegen als Freiwild. Um mit den Albanern zu sprechen: «Es sind nicht unsere Vögel.» Während jeder Ägypter, den ich kennenlernte, zugab, dass die Zahl der Zugvögel in den letzten Jahren unübersehbar zurückgegangen sei, ließen nur wenige übermäßiges Jagen als eine Ursache dafür gelten. Manche Jäger geben dem Klimawandel die Schuld; und eine besonders beliebte Theorie ist, dass die wachsende Zahl elektrischer Lichter entlang der Küste die Vögel abschrecke. (Viel wahrscheinlicher ist, dass die Lichter sie anziehen.)

Umweltschutz und Umwelterziehung werden in Ägypten lediglich von kleinen Nichtregierungsorganisationen betrieben, zum Beispiel Nature Conservation Egypt (die bei dieser Reportage behilflich war). Europäische Vogelschützer investieren viel Geld und Arbeitskraft auf Malta und an anderen europäischen Brennpunkten der Zugvogeljagd, doch über das Problem in Ägypten wird meist hinweggesehen.

Darin drückt sich möglicherweise das Gegenteil von «Es sind nicht unsere Vögel» aus: Es sind nicht unsere Jäger. Doch die politische und kulturelle Kluft zwischen dem Westen und dem Nahen Osten ist ebenso beängstigend. Die Botschaft der Umwelt-„Erziehung“ läuft ja unweigerlich darauf hinaus, dass Ägypter aufhören sollten zu tun, was sie immer getan haben. Die Sorgen einer vogelvernarrten Nation wie England, der die Kolonisierung Ägyptens hier noch heute übelgenommen wird, kommen den Menschen absurd und anmaßend vor.

Video: Der Fotograf David Guttenfelder, der Jonathan Franzen bei seiner Reportage begleitete, erzählt, wie er die Vogelrettungen erlebte:

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Video: Der Schriftsteller Jonathan Franzen erzählt von seiner Begeisterung für Vögel

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In den meisten ägyptischen Küstenorten gibt es Vogelmärkte, auf denen eine Wachtel für zwei Dollar, eine Turteltaube für fünf, ein Pirol für drei, kleine Vögel für wenige Pennys verkauft werden. Außerhalb eines dieser Orte, El Daba, besuchte ich die Farm eines weißbärtigen Mannes, der Vogelfang in solchem Umfang betrieb, dass er, selbst nachdem die Familien seiner sechs Söhne sich satt gegessen hatten, noch genug Vögel übrig hatte, um sie zum Markt zu bringen.

Über hohe Tamarisken und kleinere Büsche, rund um ein Feigen- und Olivenbaumwäldchen herum, waren enorme Netze gespannt, ein modernes, preiswertes Produkt. Die Sonne war heiß, und ziehende Singvögel kamen von der nahen Küste, um hier Schutz zu suchen. Vor dem Netz über einem Baum zurückschreckend, flogen sie zum nächsten, bis sie gefangen waren. Die Enkelsöhne des Farmers liefen dann hin, um die Vögel zu packen. Einer riss ihnen die Flugfedern aus und warf sie in einen Plastiksack. Binnen 20 Minuten sah ich einen Rotrückenwürger, einen Halsbandschnäpper, einen Grauschnäpper, ein Pirolmännchen, einen Zilpzalp, eine Mönchsgrasmücke, zwei Waldlaubsänger, zwei Cistensänger und viele andere Vögel in dem Sack verschwinden.

Ausgehend von den Schätzungen des Farmers zu seinem Tagesfang rechnete ich aus, dass allein durch seine Anstrengungen jedes Jahr zwischen dem 25. August und dem 25. September 600 Pirole, 250 Turteltauben, 200 Wiedehopfe und 4500 kleinere Vögel aus der Luft geholt werden. Die zusätzlichen Einkünfte sind sicher willkommen, doch die Farm hätte auch von sich aus floriert. Die Möbel im geräumigen Empfangssalon der Familie, wo ich mit beduinischer Großzügigkeit aufgenommen wurde, waren brandneu und von bester Qualität.

Wo immer ich an der Küste hinkam, sah ich Netze wie jene dieses Farmers. Noch eindrucksvoller waren die feinmaschigen Gewebe, die für Wachteln verwendet werden: ultradünne Nylonfäden, für Vögel so gut wie unsichtbar. Sie reichen vom Boden bis in eine Höhe von drei Metern. Vor etwa 15 Jahren auf der Sinai-Halbinsel eingeführt, überziehen sie heute die gesamte ägyptische Mittelmeerküste. Entlang der Küstenstraße ziehen sie sich mitten durch Touristenorte, unmittelbar an Hotels und Ferienwohnanlagen vorbei.

Auf dem Papier ist der größte Teil von Ägyptens Küste geschützt. Doch der Vogelschutz geht dort nur so weit, dass man eine Genehmigung braucht, um Netze zu spannen und Vögel damit zu fangen. Diese Lizenzen sind billig und leicht zu haben; offizielle Beschränkungen über Höhe und Abstand der Netze werden ignoriert.

Die Besitzer gehen vor Tau und Tag hinaus und warten auf die Wachteln, die vom Meer kommen und sich in den Maschen verfangen. An einem guten Tag bringen ein halber Kilometer Netze ihnen 50 oder mehr Wachteln ein. Meine niedrigste Schätzung, basierend auf den Zahlen eines schlechten Jahres, ergibt, dass mit den Vogelnetzen an Ägyptens Küsten jährlich 100000 Wachteln gefangen werden.

In einer Zeit, da Wachteln in weiten Teilen Europas immer schwerer zu finden sind, werden in Ägypten wegen des stark zunehmenden Einsatzes elektronischer Vogelstimmen immer mehr von ihnen gefangen. Das beste System, Bird Sound, hat Aufnahmen von 100 verschiedenen Vogelrufen gespeichert, ist in der EU zu Jagdzwecken verboten, wird hier aber verkauft, ohne dass jemand lästige Fragen stellt. Normalerweise fliegen drei Viertel der ankommenden Wachteln über die feinmaschigen Netze hinweg, doch Bird Sound lockt auch die höher fliegenden Vögel an. Schon jetzt arbeiten alle Netzjäger im Norden Sinais damit, manche im Frühling wie im Herbst. Jäger an Ägyptens großen Seen haben begonnen, mithilfe von Bird Sound ganze Entenschwärme zu fangen.

Wachteln sind die einzigen Vögel, die mit Netzen gefangen werden dürfen, aber es gibt immer einen Beifang kleiner Vögel und manchmal sogar von Falken, die Jagd auf sie machen. Als ich bei Sonnenuntergang mit einem Führer von Nature Conservation Egypt, Wael Shohdi, und einem Beauftragten der örtlichen Regierung durch Baltim ging, bemerkte ich einen wunderschönen kleinen Watvogel, einen beringten Sandregenpfeifer, der im Schatten von Ferienwohnanlagen ins Netz gegangen war. Wael Shohdi begann, ihn behutsam herauszuziehen, hielt jedoch inne, als ein junger Mann mit einem Netzbeutel angerannt kam, hinter ihm zwei Teenager, offenbar Freunde von ihm. «Fassen Sie den Vogel nicht an», rief er wütend. «Das sind unsere Netze!»

«Ist schon gut», versicherte ihm Shohdi. «Wir gehen permanent mit Vögeln um.»

Ein Gerangel entstand, als der junge Jäger Shohdi zu zeigen versuchte, wie man den Vogel herauszerrt, ohne das Netz zu beschädigen. Shohdi, dem die Sicherheit des Vogels wichtiger war, schaffte es irgendwie, den Sandregenpfeifer heil herauszuholen. Doch der Jäger verlangte, ihm den Vogel auszuhändigen.

Der Regierungsvertreter, Hani Mansour Bis- hara, wies ihn darauf hin, dass er neben zwei lebenden Wachteln einen lebenden Singvogel in seinem Beutel habe.

«Nein, das ist eine Wachtel», sagte der Jäger.

«Ist es nicht.» «Na gut, es ist ein Steinschmätzer. Aber wir leben von diesem Netz.»

Ich drängte Shohdi, den Jäger daran zu erinnern, dass es verboten ist, andere Vögel als die Wachteln zu behalten. Das tat Shodhi, doch gegenüber aufgebrachten 20-Jährigen mit dem Gesetz zu argumentieren war nicht einfach. Schließlich erklärten Shohdi und Bishara, dass es sich bei dem Sandregenpfeifer um eine bedeutende Art handle und dass er eine gefährliche Krankheit übertragen könne. («Wir haben ein bisschen gelogen», sagte mir Shohdi später.)

«Also, was nun?», fragte der Jäger. «Ein kranker Vogel oder eine bedeutende Art?»

«Beides!», antworteten Shohdi und Bishara.

«Wenn das mit der Krankheit stimmt», sagte einer der Teenager, «müssten wir seit Jahren tot sein. Wir essen alles, was aus den Netzen kommt. Wir lassen nie etwas frei.»

«Ihr könnt immer noch von den gebratenen Vögeln krank werden», improvisierte Bishara.

Meine Sorge um den Sandregenpfeifer wuchs, als Shohdi ihn dem Jäger übergab, der bei Allah geschworen hatte, ihn und den Steinschmätzer freizulassen. Nur nicht, solange wir zuschauten.

«Aber NATIONAL GEOGRAPHIC muss sehen, dass sie freigelassen wurden», sagte Shohdi.

Noch wütender als vorher nahm der Jäger den Steinschmätzer heraus, schleuderte ihn in die Luft und machte dann das Gleiche mit dem Sandregenpfeifer. Beide flogen geradewegs zu einigen ihrer Artgenossen weiter unten am Strand. «Ich bin ein Mann, der zu seinem Wort steht», sagte der Jäger missmutig.

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Kurzgeschichte: In vielen Werken Franzens tauchen Vögel und deren Beobachtung immer wieder auf, so auch in der Kurzgeschichte "Farther Away", die Sie hier lesen können (auf Englisch).

Bevor ich Ägypten verließ, verbrachte ich noch einige Tage mit Falkenfängern in der Wüste. Selbst nach beduinischen Maßstäben ist die Falkenjagd etwas für Männer, die sehr viel Zeit haben. Manche versuchen sich seit 20 Jahren darin, ohne je ein Exemplar der beiden begehrten Arten, Sakerfalken und Wanderfalken, gefangen zu haben – begehrt vor allem von Mittelsmännern, die ultrareichen arabischen Falknern zuarbeiten. Der Sakerfalke (Falco cherrug) ist so selten, dass jedes Jahr höchstens ein Dutzend davon gefangen werden. Doch weil ein guter Sakerfalke mehr als 35000 Dollar einbringen kann, ein Wanderfalke (Falco peregrinus) immer noch 15000, lockt diese Aussicht Hunderte von Jägern in die Wüste.

Um Falken zu fangen, werden viele kleinere Vögel grausam misshandelt. Tauben werden an Pfähle im Sand gebunden und in der Sonne hängen gelassen, um Raubvögel anzulocken. Andere Vögel wie Wachteln stattet man mit einem Geschirr voller kleiner Nylonschlingen aus, in denen sich Falken mit den Füßen verfangen können. Kleineren Falken, wie Lanner- oder Turmfalken, werden die Augenlider zugenäht und beschwerte, mit Schlingen versehene Vogelattrappen ans Bein gebunden. Die Jäger fahren mit ihren Pick-ups in der Wüste herum, schauen nach den angepflockten Tauben und halten an, um die gehandicapten Turmfalken wie Bälle in die Luft zu werfen, in der Hoffnung, auf diese Weise einen Saker- oder Wanderfalken anzulocken – ein mit Gewichten beschwerter Turmfalke, der nichts sehen kann, fliegt nicht weit.

Oft binden die Jäger auch einen Falken ohne zugenähte Lider an die Haube ihres Pick-ups und behalten ihn, während sie über den Sand rasen, ständig im Auge. Wenn der Falke nach oben schaut, bedeutet dies, dass sich ein großer Raubvogel über ihnen befindet, und die Jäger springen hinaus, um ihre Lockvögel zum Einsatz zu bringen. Diese Prozedur wiederholt sich jeden Nachmittag, Woche für Woche.

Einmal versuchte einer der Jäger, einen Turmfalken und einen Sperber – beide mit zugenähten Lidern – mit Waldsängern ohne Köpfe zu füttern. Der Falke fraß bereitwillig, doch der Sperber war nicht dazu zu bewegen. Stattdessen pickte er die ganze Zeit an der Schnur herum, mit der sein Bein festgebunden war – vergeblich, wie mir schien. Als ich später die Jäger mein Fernglas ausprobieren ließ, wurde auf einmal Geschrei laut. Ich drehte mich um und sah den Sperber davonfliegen, fort vom Zelt und in die Wüste hinein.

Die Beduinen jagten mit ihren Pick-ups hinter ihm her, weil der Vogel wertvoll für sie war, aber auch, weil ein blinder Vogel auf sich allein gestellt nicht lange überleben kann und er ihnen leidtat. (Am Ende der Saison trennen die Jäger die Nähte an den Lidern ihrer Lockfalken wieder auf und lassen sie frei, wenn auch nur, weil es ihnen lästig ist, die Vögel das ganze Jahr hindurch füttern zu müssen.)

Ich hatte gemischte Gefühle. Wenn der Sperber entkam und ihn keine andere Gruppe von Jägern zufällig entdeckte, würde er bald tot sein, das wusste ich. Doch in seiner Sehnsucht, der Gefangenschaft zu entfliehen, schien er alles zu verkörpern, was das Wesen wilder Vögel ausmacht. 20 Minuten später, als der letzte Jäger mit leeren Händen zum Zelt zurückkam, dachte ich: Dieser Vogel hat wenigstens eine Chance, in Freiheit zu sterben.

Video: Der Fotograf David Guttenfelder, der Jonathan Franzen bei seiner Reportage begleitete, erzählt, wie er die Vogelrettungen erlebte:

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Video: Der Schriftsteller Jonathan Franzen erzählt von seiner Begeisterung für Vögel

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(NG, Heft 7 / 2013, Seite(n) 102 bis 124)

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