Tiere

Grundrechte für Menschenaffen

Sie lachen und trauern. Sie lügen und morden. Sie kämpfen und lieben. Sie sind wie wir. Doch wir sperren sie in Zoos. Höchste Zeit, das zu ändern. Mittwoch, 13 Juni

Von Jürgen Nakott

Gerade noch hat Banjo gelangweilt auf dem Boden gesessen, seinen breiten Rücken den Menschen zugewandt, die sich im Stuttgarter Zoo Wilhelma vor seinem Gehege drängeln. Er scheint sich für nichts zu interessieren als für ein Endchen Hornhaut am Nagelbett seines linken Daumens. «Wie öde», murrt ein junger Mann. Er stellt sich dicht hinter den Gorilla und versucht durch Herumfuchteln und Grimassieren, die Aufmerksamkeit des Affen zu erregen. Mit Erfolg: Der 300-Kilo-Koloss wirbelt herum und hämmert mit der flachen Hand gegen das trennende Panzerglas. Es dröhnt, als hätte er einen gigantischen Gong geschlagen. Die Besucher schreien auf und springen zurück. Während sie sich langsam fassen, sitzt Banjo schon wieder mit dem Rücken an der Scheibe und inspiziert seine schwarzen Fingernägel. Jetzt hat er Ruhe. «Hast ja recht», sage ich mir.

Das Ereignis liegt einige Jahre zurück. An den Blick, den Banjo den Besuchern über die Schulter zuwarf, erinnere ich mich aber, als wäre es gestern gewesen. «Wieso müsst ihr da draußen euch immer so zum Affen machen?», schien er zu fragen. Mir kam dazu – leicht verändert – der Schlusssatz aus George Orwells „Farm der Tiere“ in den Sinn: «Ich schaute vom Affen zum Menschen und vom Menschen zum Affen und konnte kaum sagen, wer was ist.»

Tatsächlich ist es ja so: Je genauer Genetiker und Verhaltensforscher die Großen Menschenaffen untersuchen – Gorillas, Orang-Utans, Schimpansen und Bonobos – umso mehr schwinden die Unterschiede zwischen ihnen und uns. Das Erbgut von Mensch und Schimpanse, unserem nächsten Verwandten, ist – je nach Analysemethode – zu 93,5 bis 99,4 Prozent gleich. Volker Sommer, Professor für Evolutionäre Anthropologie in London, schreibt in seinem Buch „Menschenaffen wie wir“: «Die meisten Forscher nennen eine Übereinstimmung von 98,5 Prozent.» Anders ausgedrückt: Im Durchschnitt bleibt ein Unterschied zwischen Schimpanse und Mensch von 1,5 Prozent. Der Unterschied im Erbgut von Menschenfrauen und Menschenmännern kann zwei bis vier Prozent betragen. Es gibt also Paare, bei denen der Mann einem Schimpansenmann genetisch ähnlicher ist als seiner Frau.

Warum machen wir uns trotzdem so gern über unsere Verwandten lustig? Über den bebrillten Trigema-Schimpansen in der T-Shirt- Werbung. Über den Latzhosenträger „Charly“ in der unsäglichen ZDF-Serie gleichen Namens (seit Mai übrigens abgesetzt). Oder im Schwabenpark Gmeinweiler östlich von Stuttgart. Dort wird eine Gruppe von Schimpansen vorgeführt, denen man beigebracht hat, im Indianerkostüm zu chargieren oder Schuhplattl-Tänze zu imitieren. Rund 200000 Besucher lachen jedes Jahr darüber. Allerdings wohl nicht mehr lange. Denn es formiert sich Widerstand gegen diese Show. Eine wachsende Zahl von Tierrechtlern will nicht länger hinnehmen, dass die Affen «lediglich zur Bespaßung des Menschen dienen», wie es Reinhold Pix, ein Landtagsabgeordneter der Grünen, formuliert.

Aus naturwissenschaftlicher Sicht lässt sich heute zwischen Menschen und Menschenaffen keine eindeutige Grenze mehr ziehen. Trotzdem gibt es Menschen, die das nicht gern hören. Daran hat sich wenig geändert, seit Charles Darwin 1871 in seinem Werk „Über die Abstammung des Menschen“ postulierte, dass unsere Arten einen gemeinsamen Ahnen haben müssen. Volk und Kirche verwehrten sich lautstark dagegen, «vom Affen abzustammen».

Tun wir ja auch nicht. Doch die Verwandtschaft lässt sich nicht leugnen. Seit 50 Jahren haben drei große Forscherinnen – unterstützt von der National Geographic Society – Belege dafür gesammelt: Jane Goodall bei den Schimpansen, Dian Fossey bei den Gorillas, Biruté Galdikas bei den Orang-Utans. Alles, was die drei an Beobachtungen zusammengetragen haben, wird neuerdings von Genetikern und Hirnforschern bestätigt: Sie sind wie wir.

Die genetische Ähnlichkeit, das nachgewiesene Selbstbewusstsein, die Fähigkeit zu denken, zu planen und zu fühlen – das alles sind Gründe, warum immer mehr Biologen, Philosophen und Tierrechtler fordern, den vier Großen Menschenaffen endlich (über)lebenswichtige Grundrechte zu geben.

Den Anfang machten zwei Philosophen mit dem „Great Ape Project“: 1993 – etwa zu der Zeit, als ich in Stuttgart erlebte, wie Gorilla Banjo die übermütigen Zoobesucher in ihre Schranken wies – forderten die Italienerin Paola Cavalieri und der Neuseeländer Peter Singer in einem Buch, zu dem auch Jane Goodall ein Kapitel beitrug, dass Gorillas, Bonobos, Orang-Utans und Schimpansen einige jener Privilegien erhalten, die bisher nur für Menschen gelten: das gesetzlich verankerte Recht auf Leben, Freiheit und körperliche wie psychische Unversehrtheit. Es soll strafbar werden, schädigende Tierversuche mit Großen Menschenaffen zu machen, sie unter unwürdigen Bedingungen zu halten, sie zu jagen oder ihren Lebensraum zu zerstören. Außerdem sollen ihre Rechte durch Sachwalter eingeklagt werden können – wie bei Menschen, die nicht für sich selber sprechen können.

«Seht ihr», rufen die Skeptiker, «wie sollen sie menschenähnlich sein? Sie können ja nicht einmal sprechen.»

Wohl wahr. Kein Menschenaffe besitzt dieses entscheidende Gen – FOXP2 –, das beim Menschen die Muskeln von Lippen und Zunge steuert und hilft, die Grammatik längerer Sätze zu verstehen. Das heißt aber nicht, dass sie sich nicht mit uns verständigen können. Wie der berühmte Dialog aus den achtziger Jahren beweist, den wir an den Beginn dieser Geschichte gestellt haben: Die Gorillafrau Koko neckt die Forscherin Barbara Hiller.

Mensch und Gorilla verständigten sich dabei in der American Sign Language (ASL), einer Taubstummensprache. Menschenaffen können einige hundert solcher Gesten und Zeichen lernen. Am Chimpanzee and Human Communication Institute (CHCI), einem Forschungszentrum im amerikanischen Bundesstaat Washington, dürfen Besucher das auch selber erleben. Die haarigen Schüler verwenden in der Unterhaltung nicht nur erlernte Begriffe, sie kombinieren selber neue Zeichen, etwa „Trink- frucht“ für Melone, oder „Zuckerbaum“ für die weihnachtlich geschmückte Tanne. Und wenn ihnen danach ist, nehmen sie ihre menschlichen Gesprächspartner, wie gelesen, humorvoll auf die Schippe.

In Deutschland wird zum Thema der Sprach- und Erkenntnisfähigkeit der Menschenaffen auf höchstem Niveau geforscht, etwa am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Christophe Boesch, der Leiter des Instituts für Primatologie, rät bei der Interpretation solcher Gespräche freilich zur Vorsicht: «Der Forscher muss aufpassen, dass nicht die Phantasie mit ihm durchgeht.» Manche der aufgezeichneten „Dialoge“ könne man auch als zwei Monologe auffassen, die erst in der Auswertung zu Rede und Gegenrede werden.

Als wir uns an einem Abend im Februar treffen, steht zwischen uns ein niedriger Tisch, vollgepackt mit Holzstäben: Es sind Werkzeuge, mit denen Schimpansen Honig aus Baumstämmen angeln. Boesch hat sie aus Zentralafrika mitgebracht, wo er und seine Mitarbeiter seit Jahrzehnten die Fähigkeiten von Schimpansen untersuchen. Der 60-Jährige – graue Locken, grauer Schnauzbart, grauer Schal und grauer Pullover – wirkt nach einem langen Arbeitstag am Institut anfangs noch müde und reserviert. Doch es dauert keine halbe Stunde, da erlebe ich ihn ganz anders.

Zunächst einmal sind wir aber bei der Sprache. Bei aller gebotenen Sorgfalt in der zwischenartlichen Gesprächsauswertung sei es immerhin unstrittig, dass Menschenaffen die Gestensprache oder Wortsymbole, sogenannte Lexigramme, nutzen, um Fragen zu beantworten oder Wünsche zu äußern. Auch andere Einwände von Skeptikern, die auf dem Unterschied von Mensch und Menschenaffe beharren, lässt Boesch nicht gelten. «Es wird gern gesagt, dass Schimpansen keine Opern komponieren. Na und? Ich auch nicht. Sie etwa?» Ich schüttle den Kopf, und Boesch setzt nach: «Die allermeisten Menschen komponieren oder malen nicht. In dieser Hinsicht überschätzen wir unsere Art gern.»

Es gibt übrigens Schimpansen und Orang-Utans, die malen. Im Zoo in Krefeld zum Beispiel. Die Bilder werden sogar gekauft. Boesch redet sich warm: «Bisher haben wir erst sehr wenige Schimpansenclans gründlich beobachtet. Ich sage bestimmt nicht, dass sie komponieren. Ich sage nur: Wir wissen noch gar nicht, was sie alles können! Wir kennen 30 Arten von Werkzeugen bei Schimpansen. Aber die Frage ist: Wie viele kennen wir noch nicht?»

Der Werkzeuggebrauch hatte schon den berühmten Anthropologen Louis Leaky gezwungen, die Abgrenzung von Menschen und Menschenaffen zu überdenken. Als seine Schülerin Jane Goodall ihm erstmals vor 50 Jahren von ihren Beobachtungen erzählte, antwortete er: «Dann müssen wir Werkzeug neu definieren oder den Menschen. Oder wir müssen den Schimpansen als Menschen ansehen.»

Weil es den Forschern seiner Generation bei diesem Gedanken unheimlich wurde, legten sie lieber die Messlatte höher. Nun hieß es: Nur Menschen fertigen Werkzeuge vorausschauend, bewahren sie für zukünftigen Gebrauch auf und benutzen zur Lösung komplexer Aufgaben verschiedene Werkzeuge in logischer Folge.

Genau das tun Schimpansen aber auch: Sie wählen problemgerechtes Material zur Herstellung ihrer Werkzeuge. Sie transportieren Werkzeug über größere Entfernungen. Sie stellen es in mehreren Arbeitsschritten her. Und sie geben erlernte Fertigkeiten an nachfolgende Generationen weiter. Eine Art von Kulturbildung, die Züricher Anthropologen vor kurzem auch bei Orang-Utans nachgewiesen haben.

Und nicht nur beim Stichwort Werkzeuggebrauch fiel eine Barriere nach der anderen, mit der man versuchte, Menschen von Menschenaffen abzugrenzen. Jane Goodall, die zeitweise im Schimpansen sogar den besseren, weil friedlicheren Menschen sah, musste sich ebenfalls korrigieren: Sie beobachtete die Affen, wie sie Kriege führten und Nachbarclans ausrotteten. Wie der Mensch.

Im Borgoriwald, dem Haus der Menschaffen im Frankfurter Zoo, kann ich mich dann selber von den höchst menschlichen Seiten unserer Verwandten überzeugen. Als Carsten Knott, der Revierleiter, mich morgens um halb acht einlässt, höre ich im Hintergrund schrilles Kreischen: 14 Bonobos warten aufs Frühstück. Ich darf den Pflegern gleich zur Hand gehen: Äpfel und Fenchelknollen halbieren, frisch angelieferte Schlangengurken aus ihren Plastikhüllen ziehen.

Die Pfleger verteilen sich auf die Reviere der Bonobos und Gorillas, ich folge Knott zu den Orang-Utans. Während die Affen in abgetrennten Boxen frühstücken, reinigen wir das Innengehege: Ich schaufle Kot in Eimer, Knott breitet frische Holzwolle aus. «Daraus machen die Orangs ihre Schlafnester?», frage ich. «Orang-Utans», korrigiert mich der Pfleger. «Das heißt Waldmenschen. So viel Respekt muss sein.»

Im Borgoriwald gehen wir auf Naturboden, nicht wie in anderen Zoos auf gummiertem Beton, der morgens mit dem Wasserschlauch abgespritzt wird. Pfleger- aber nicht affenfreundlich. Knott deutet nach oben: «In den nächsten Tagen installieren wir hier frisch abgesägte Baumkronen aus dem Stadtwald. Neue Möbel, wenn Sie so wollen. Das bringt Abwechslung für die Affen. Und ein paar Leckerbissen: Insektenlarven, die sie aus der Rinde pulen.»

Die Wände des 2008 eröffneten Geheges sind einer natürlich wirkenden Felslandschaft nachempfunden. Unter metallenen Abdeckplatten stecken Steuerungselemente für die Haustechnik, erklärt Knott und erzählt mir dann eine Geschichte über das vorausschauende Planen der rothaarigen Waldmenschen, die hier leben.

Im alten Gehege waren die Platten mit Schlitzschrauben befestigt. Djambie, mit jetzt 53 Jahren die älteste der Orang-Utan-Frauen, hatte einmal mit ihrem Daumennagel einige Schrauben gelöst und herausgezogen. Die Pfleger bemerkten das und drehten neue rein. Das ging ein paarmal so, dann schien Djambie das Interesse verloren zu haben. Jedenfalls fehlten keine Schrauben mehr. Bis eines Morgens eine Abdeckplatte am Boden lag. «Djambie hatte kapiert, dass wir einzelne fehlende Schrauben sofort ersetzen», grinst Knott. «Also hat sie über mehrere Tage hinweg die Schrauben nur gelockert, bis sie alle auf einmal entfernen und nach- schauen konnte, was unter der Platte ist.»

Sein Handy klingelt. Bei den Bonobos ist etwas vorgefallen. Wir sichern die Türen, lassen die Orang-Utans ins Innengehege und gehen zum Pflegerbereich. «Margrit hat zusammen mit zwei anderen Frauen Bondo übel zerbissen», berichtet Knotts Kollegin Yvonne. Bondo ist ein zehnjähriger Bonobomann, der erst im vorigen Herbst in die Gruppe kam. Margrit ist mit 61 Jahren die Älteste, und aus irgendeinem Grund hatte sie wohl das Gefühl, mal wieder zeigen zu müssen, wer hier das Sagen hat.

Dass Frauencliquen über Männer herfallen, ist bei Bonobos auch in der Natur üblich. An­ ders als bei den Schimpansen, wo der stärkste Mann der Chef ist, schließen die körperlich unterlegenen Bonobofrauen strategische Bünd­nisse, um ihre Interessen durchzusetzen. Zur Gruppenbindung belohnen sie sich gegenseitig mit Sex, indem sie, in Missionarsstellung, ihre Genitalien aneinanderreiben.

Die Pfleger haben Bondo isoliert. Ein Finger seiner rechten Hand ist bis auf den Knochen zerbissen, am linken Fuß haben ihm die Frauen zwei Zehennägel ausgerissen. Blutige Tapser führen kreuz und quer durch seine Box, aber die Tierärztin beruhigt: «Das tut ihm jetzt weh, aber da müssen wir erst mal nichts tun. Habt nur ein Auge drauf, ob sich das entzündet.»

Am Nachmittag sehe ich Bondo wieder bei den anderen. Er geht vorsichtig mit seinen wunden Zehen, aber er holt sich einen Anteil von der Rohkost, die Knott verteilen lässt. Zwei Bonobokinder hocken bei ihm und scheinen ihn trösten zu wollen. Ich setze mich auf einen Baumstamm vor das Gehege, schaue ihnen zu, sortiere meine Notizen und rufe mir das Gespräch mit Colin Goldner in Erinnerung.

Den 59-jährigen Psychologen und Tierrechtler Colin Goldner hatte ich einige Wochen zuvor in seinem Haus in Train besucht, einem Dorf südlich von Regensburg. Von hier aus leitet Goldner die Arbeit der deutschen Gruppe des „Great Ape Project“. Er ist ein vehementer Zookritiker, aber er hatte mich auf Frankfurt aufmerksam gemacht: «Solange wir Menschenaffen noch im Zoo halten müssen, dann am ehesten so wie dort.»

Goldner ist eine imposante Gestalt mit schulterlangen goldblonden Haaren. Er holt mich am Bahnhof mit seinem VW-Bus ab. „Butschie“, eine 82 Kilo schwere Dogge, sitzt auf der Rückbank und schnauft mir zutraulich ins Ohr. «Hunde sind die einzigen Tiere, die Menschen halten sollten», sagt Goldner, «sie sind für das Zusammenleben mit uns geschaffen.» Mehrere Jahre hat er selber in Südostasien gelebt und auch die Waldmenschen aus der Nähe erlebt. Die Botschaft, die er mitnahm: «Ohne wirksamen Schutz unserer haarigen Verwandten wird es sie bald nur noch in Zoos geben, als traurige Abbilder ihrer selbst.»

Bei einer Tasse Lakritztee erzählt er, wie er dazu kam, das „Great Ape Project“ in Deutschland auf die Beine zu stellen. Bayerische Tierschützer kämpften im Jahr 2009 darum, den Schimpansen Sebastian im Straubinger Zoo aus seiner «Isolationshaft zwischen Betonwänden und Eisengittern» zu befreien. Mit relativem Erfolg: Sebastian bekam ein angemesseneres Gehege und eine Partnerin im Zoo von Halle. Goldner folgerte: «Wenn es selbst in einem CSU-regierten Land möglich ist, die Menschen für die Rechte unserer nächsten Verwandten zu gewinnen, dann geht es überall in Deutschland.» Das bisher Erreichte gibt ihm recht, auch wenn das Thema in der öffentlichen Wahrnehmung nach anfänglich heißen Debatten eine Zeitlang abgeebbt schien. Beinahe unbemerkt verzeichneten Singer und Cavalieri dennoch Erfolge. Mit einigen E-Mails zwischen Deutschland, Neuseeland und Italien bringen sie mich auf den neuesten Stand.

«Am wichtigsten ist, dass über unsere Forderung, die Menschenaffen aus ihrem sklavenähnlichen Zustand zu erlösen, heute weltweit ernsthaft diskutiert wird.» Als Durchbruch bezeichnen sie es, dass Großbritannien 1997 medizinische Forschung mit ihnen für „unethisch“ erklärte. Viele Staaten, darunter Neuseeland, die Niederlande, Schweden und Japan, haben solche Forschungen verboten oder ausgesetzt. 2007 sprach das Parlament der Balearen den Menschenaffen die angemahnten Grundrechte zu.

Von der Unterstützung durch die renommierte deutsche „Giordano Bruno Stiftung – Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung“ erhoffen sich Singer und Cavalieri neuen Schub. Voriges Jahr erhielten die beiden für ihr Projekt den Ethikpreis der Stiftung, der auch Colin Goldner angehört. Goldner hat inzwischen mit einer Handvoll Helfer alle deutschen Zoos begutachtet, die Menschenaffen halten. Auch in der Initiative gegen die Schimpansenshows des Schwabenparks ist er aktiv. Bei aller Kritik ist er aber bereit, Anstrengungen zur Verbesserung der Haltungsbedingungen anzuerkennen.

Im Pongoland des Leipziger Zoos zum Beispiel. Dort erforschen Max-Planck-Kollegen von Christophe Boesch die Kommunikation und die Erkenntnisfähigkeit von Schimpansen. «Leipzig bemüht sich plausibel um die bestmögliche Umgebung», sagt Goldner, «und die Verhaltensexperimente dort sind völlig freiwillig und so angelegt, dass es den Affen wirklich Spaß macht, sich zu beteiligen.»

Das ändert aber nichts an den Zielen des „Great Ape Project“: Unsere nächsten Verwandten sollen als solche respektiert werden. Wir Menschen gehen damit den nächsten Schritt in unserer humanistischen Evolution. So, wie wir vom späten 18. Jahrhundert an die Sklaverei allmählich abgeschafft haben. Und dann die „Völkerschauen“, in denen das Publikum, etwa bei Hagenbeck in Hamburg, noch bis 1940 in „anthropologisch-zoologischen Ausstellungen“ Eskimos, Buschmänner oder Kalmücken begaffte. 1948 wurden dann die Menschenrechte weltweit für verbindlich erklärt. In Artikel 1 der Resolution heißt es: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“ Diese Ethik auf unsere nächsten biologischen Verwandten auszuweiten, ist der nächste logische Schritt, sagen die Affenrechtler – und schreiben die Fortschritte der vergangenen 250 Jahre damit konsequent weiter.

Während Immanuel Kant im 18. Jahrhundert noch Wert darauf legt, die Unterschiedlichkeit von Mensch und Tier zu beschreiben, betont Arthur Schopenhauer hundert Jahre später die Ähnlichkeit aller Kreaturen und dass die Tiere unser Mitgefühl verdienen. Weitere hundert Jahre später schreibt Max Horkheimer, mit den Tieren teilten wir, was wir am Menschen „menschlich“ nennen: Freude, Trauer, Sehnsucht. Das Besondere des Menschen dagegen sei eher das Unmenschliche, «vor allem der Hass».

Inzwischen hat allerdings auch in diesem Punkt die Wissenschaft mit ihren Berichten über mordende und marodierende Schimpan­sen gezeigt, dass man kaum von Unterschieden zwischen „ihnen“ und „uns“ reden kann.

Folgerichtig kommt der Evolutionsphilosoph Volker Sommer zu dem Schluss: «Schimpansen – bisher Pan troglodytes – und Bonobos – Pan paniscus – sind uns so ähnlich, dass wir sie unserer Gattung Homo zuordnen sollten.»

Aber dürfen wir Menschenaffen dann noch im Zoo präsentieren? Ich klappe meine Kladde zu, winke Bondo zu und gehe hinüber zu Manfred Niekisch, dem Direktor des Frankfurter Zoos. Wie steht er zu der Forderung nach Grundrechten? Warum hält er noch Gorillas und Orang-Utans?

Damit kann ich den 60-Jährigen nicht aus der Ruhe bringen. Gemütlich faltet er die Hände über seiner barocken Mitte, ehe er antwortet: «Wer wollte gegen Grundrechte für Menschenaffen sein? Deswegen sind sie aber noch nicht unseresgleichen. Tiere kennen den Freiheitsbegriff so nicht, sie haben Territorien. Die können auch im Zoo sein.»

«Aber genügt ihnen denn das?»

«Wie misst man das?», erwidert er. «Eingesperrtsein – das ist die menschliche Sicht. Was die Tiere brauchen, sind Nahrung, Beschäftigung, Partner, Sicherheit und Rückzugsmöglichkeiten. Das alles kann ein guter Zoo ihnen bieten, auch die Würde. Wenn unsere Gorillas nicht wollen, können sie sich so zurückziehen, dass kein Besucher sie sieht. Für uns steht das Wohl der Menschenaffen vor der Schaulust der Menschen.» Er ist sicher: «Man kann Menschenaffen so halten, dass sie sich wohlfühlen.»

«Und warum sollte man?»

«Weil sie uns helfen, die Menschen dazu zu bringen, sich für den Erhalt der natürlichen Lebensräume der Menschenaffen einzusetzen. Sie hier zu erleben schafft die notwendige emotionale Nähe und Hilfsbereitschaft.»

«Haben Gorillas und Orang-Utans denn überhaupt noch eine Chance? Bei demnächst mehr als neun Milliarden Menschen, die Anspruch erheben, Boden und Wald auf der Erde für die eigenen Bedürfnisse zu nutzen?»

Da wird der gemütliche Professor sehr energisch: «Ich weigere mich zu akzeptieren, dass es zu spät ist. Menschenaffen im Zoo zu zeigen – unter den besten Bedingungen natürlich – muss einfach dafür genutzt werden, dass die Menschen sich für deren Schutz einsetzen.»

Das sieht auch Michael „Nick“ Nichols so. Einer der berühmtesten Fo­tografen von National Geographic dokumen­tiert die Situation der Gorillas seit Jahrzehnten. «Es ist die Pflicht der Menschen, dafür zu sorgen, dass der Lebensraum der Menschenaffen erhalten bleibt», schreibt er aus Afrika. «Der Zooaffe ver­dient natürlich Respekt und unsere Fürsorge. Vor allem aber geht es darum, das Überleben seiner Artgenossen in der Wildnis zu sichern.»

«Einverstanden», sagt Christophe Boesch in Leipzig. Das Argument, dass sich Menschen zum Schutz von Gorillas und Orang­Utans inspirieren lassen, wenn sie sie im Zoo sehen, überzeugt ihn allerdings nicht: «Die Schautafeln und Spenden­ aufrufe erreichen die normalen Zoobesucher doch gar nicht», glaubt er. «Die meisten kommen nur, um sich ein paar lustige Tiere anzuschauen oder zuzusehen, wie Affenbabys gewickelt wer­

den.» Er ist deswegen auch dagegen, die Affen im Zoo auch noch zu züchten.

«Zu einer artgerechten Haltung gehört es aber», widerspricht Niekisch, «dass wir es den Menschenaffen erlauben, sich zu paaren und Junge aufzuziehen.» – «Einspruch», sagt Boesch. «Artgerechte Haltung von Menschenaffen im Zoo? Geht gar nicht!» Jetzt blitzen seine Augen: «Es gibt gute und es gibt schlechte Gefängnisse, sie bleiben Gefängnisse. Frankfurt und Leipzig sind Luxuszoos, aber Gefangenschaft für Menschenaffen bleibt erniedrigend. Deshalb ist es falsch, dass man das Problem ungelöst lässt, indem man die Reproduktion erlaubt. Empfängnisverhütung ist hier das einzig Richtige.»

Es würde dann maximal 60 Jahre dauern, bis der letzte Menschenaffe im Zoo gestorben ist. Und im Zoo müssen sie bleiben, denn in ihre natürliche Heimat können in Gefangenschaft geborene Affen nur sehr selten ausgewildert werden. Deshalb fordert das „Great Ape Project“, ihre Lebensbedingungen in den weniger guten Zoos «deutlich zu verbessern». Betreuung und Beschäftigung dort müssen den aktuellen Erkenntnissen entsprechen. Wer das nicht garantieren kann, darf keine Menschenaffen mehr halten. Die Affen aus den schlechten Zoos, fordert auch Boesch, müssen in artgerechte Refugien umgesiedelt werden. «Chimpheavens, so nennt man sie in den USA. Das kostet Geld, aber das sind wir den Menschenaffen schuldig.»

Die Augen davor zu verschliessen ist sinnlos: In den Affen steckt so viel Mensch wie Affe in uns. Das hat mir zuerst der Gorilla Banjo in Stuttgart gezeigt, als er die aufdringlichen Faxen­ macher vor der Glasscheibe erschreckte. Das habe ich in Frankfurt erlebt, wo die Bonobo­männer zuweilen unter zänkischen Weibern leiden und eine clevere Orang­-Utan-­Frau ihre Pfleger austrickste. Und in Leipzig, wo ich nicht die Affen, sondern die Besucher beobachtete, die staunend zuschauten, wie Schimpansen den menschlichen Forschern in kniffligen Experi­menten darboten, was sie alles können und verstehen. Falls sie denn Lust dazu hatten.

„MAN“, so heißt eine Initiative zum Schutz der Großen Menschenaffen, in der Christophe Boesch ebenfalls aktiv ist, „Manifest für Affen und Natur“. Es ist kein Zufall, dass MAN auch mit Mensch übersetzt werden kann. Ihr Schicksal liegt in unserer Verantwortung.

«Solange wir zulassen», sagt Boesch, «dass Urwälder für Palmölplantagen abgeholzt werden, weil wir Biosprit für unsere Autos brauchen, machen wir uns mitschuldig, wenn der Lebensraum der Menschenaffen schwindet. Solange wir nicht darauf achten, unter welchen Umständen das Tropenholz für unsere Möbel geschlagen wird, ändert sich nichts. Erst wenn wir auf Produkte aus nachhaltigem Anbau drängen, wird der Markt Alternativen zum Raubbau anbieten. Auf die Politiker dürfen wir dabei nicht warten. Die funktionieren wie der Markt. Nur dass die einen der Nachfrage folgen, die anderen dem Druck der Wähler. Also uns. Dem, was jeder Einzelne tut und fordert.»

Ihm ist klar, dass zur Rettung von Gorilla und Co nur wenig Zeit bleibt: «Es gibt Gründe, pessimistisch zu sein», gibt er zu. «Aber wollen wir wirklich nur zuschauen? Ich bin lieber Optimist und kämpfe. Wenn man an seine Chance glaubt, dann ergibt sich auch eine.»

Darin sind wir uns einig – von Jane Goodall bis zu Colin Goldner, von Manfred Niekisch bis zu Christophe Boesch. Philosophen, Wissenschaftler, engagierte Bürger und National Geographic: Die Großen Menschenaffen sind wie wir. Wir dürfen sie nicht länger zu unserer Belustigung zur Schau stellen. Oder unter unwürdigen Bedingungen in Zoos halten. Und wir müssen alles tun, um die natürlichen Lebensräume ihrer Artgenossen in der Wildnis zu erhalten. Ihnen Grundrechte zu geben, ist dazu ein wichtiger Beitrag.

Der Gorilla Banjo würde zustimmend seinen schweren Schädel neigen: «Na also», würde er uns Menschen zunicken. «Geht doch.»

Prominente Mitstreiter aus Politik und Wissenschaft finden sich in der Giordano Bruno Stiftung: giordano-bruno-stiftung.de/aufklaerer-werden. Weitere Unterstützer sind: Albert Schweitzer Stiftung (albert-schweitzer-stiftung.de), Menschen für Tierrechte (tierrechte.de) sowie animal public (animal-public.de).

(NG, Heft 07 / 2012, Seite(n) 38 bis 71)