Tiere

Jane Goodall: Der gute Geist von Gombe

Vor 50 Jahren zog die Engländerin Jane Goodall nach Tansania, um Schimpansen zu beobachten. Die Geschichte der leidenschaftlichen Forscherin – und wie sie uns lehrte, die Affen zu lieben. Donnerstag, 9 September

Von David Quammen

Sie ist die bedeutendste Primatenforscherin der Welt: Jane Goodall kam 1960 ins Naturreservat Gombe Stream in Tanganjika, um Schimpansen zu beobachten. Ihre Erkenntnisse revolutionierten die Wissenschaft. 50 Jahre später, ist die Station, die sie in Tansania gründete, die Heimat einer der wichtigsten Langzeitstudien an Wildtieren.

Die meisten Menschen könnten den Zeitpunkt, an dem ihr Leben seine Bestimmung fand, wohl kaum benennen. Jane Goodall kann es. Am Morgen des 14. Juli 1960 betrat sie am Ostufer des Tanganjikasees den Kieselstrand. Es war der erste Besuch der jungen Engländerin im Naturreservat Gombe Stream, wie es damals noch hieß. In einem Schutzgebiet, das 1943 von
 der britischen Kolonialverwaltung eingerichtet worden war. Ihre Ausrüstung: ein Zelt, ein paar Blechteller, eine Tasse ohne Henkel, ein billiges Fernglas. Ihr Begleiter: ein afrikanischer Koch namens Dominic. Auf Drängen von Verwandten, die um Janes Sicherheit in der Wildnis fürchteten, hatte sie eine enge Vertraute mitgenommen: ihre Mutter. Jane war gekommen, um Schimpansen zu beobachten. Oder zumindest: um es zu versuchen. Außenstehende rechneten nicht damit, dass sie es schaffen würde. Der Paläontologe Louis Leakey aber, der sie in Nairobi für diese Aufgabe angeworben hatte, glaubte daran, dass sie Erfolg haben könnte.

Einige Einheimische, die am Strand neben ihren Fischernetzen kampierten, begrüßten die kleine Reisegesellschaft und halfen beim Transport der Ausrüstung. Jane und ihre Mutter verbrachten den Nachmittag damit, ein Lager einzurichten. Gegen 17 Uhr berichtete jemand, er hätte einen Schimpansen gesehen. «Wir sind sofort losgezogen», schrieb Jane am Abend in ihr Tagebuch, «und da war der Schimpanse.» Sie hatte nur einen undeutlichen Blick aus der Ferne auf ihn erhascht. «Er lief davon, als wir auf gleicher Höhe mit ihm waren, und wir sahen ihn nicht wieder, obwohl wir den angrenzenden Hang hinaufstiegen.» Aber in der Nähe hatte sie in einem Baum eine Plattform aus Zweigen entdeckt und dokumentiert: ein Schimpansennest.

Diese Notiz markiert den Anfang einer der bedeutendsten Studien der modernen Feldforschung: die seit 50 Jahren andauernde Beobachtung der Schimpansen von Gombe. Diese Wissenschaftsgeschichte – mit ihren Höhen und Tiefen – liest sich wie eine abenteuerliche Legende.

Als die junge Miss Goodall ihre Arbeit in Gombe aufnahm, hatte sie weder studiert noch sonst eine wissenschaftliche Ausbildung. Sie hatte erfolgreich eine britische Sekretärinnenschule absolviert. Schon immer hatte sie davon geträumt, Tiere in Afrika zu beobachten. Doch die ersten Wochen in Gombe wurden für sie ein Kampf. Sie musste sich eine Methodik erarbeiten, verlor viel Zeit durch eine fiebrige Erkrankung, vermutlich Malaria, und bekam kaum Schimpansen zu Gesicht – bis ihr 
ein älteres Männchen mit grauem Backenbart eine zögernde Geste des Vertrauens entgegenbrachte. Sie nannte den alten Affen „David Greybeard“. Ihm ist es unter anderem zu verdanken, dass sie drei Beobachtungen machen konnte, die gängige Lehrmeinungen erschütterten: Schimpansen fressen Fleisch (bis dahin hielt man sie für reine Vegetarier); Schimpansen benutzen Werkzeuge (sie stochern mit Pflanzenstängeln in Termitenhügeln); Schimpansen fertigen Werkzeuge (indem sie Blätter von Stängeln streifen) – eine bis dahin nur dem Menschen zugestandende Eigenschaft. Mit jeder dieser Entdeckungen verringerte sich die vermeintliche Kluft zwischen Mensch und Schimpanse – Homo sapiens und Pan troglodytes – hinsichtlich ihrer Intelligenz und Kultur.

Zu Janes wichtigster Beobachtung wurde die Erkenntnis, dass Schimpansen Werkzeuge fertigen. Sie sorgte bei Anthropologen für Furore, weil der „Mensch als Werkzeugmacher“ fast zur kanonischen Definition unserer Spezies geworden war. Leakey war von Janes Nachricht begeistert und schrieb ihr: «Jetzt müssen wir entweder das Werkzeug neu definieren oder den Menschen – oder wir müssen die Schimpansen zu den Menschen zählen.» Ein Satz, der unser Denken über das Wesen des Menschlichen grundlegend erneuerte.

So wichtig dieser Paradigmenwechsel auch war, sollte man darüber nicht vergessen, dass Jane – jeder nennt sie Jane, sie anders
 zu nennen wäre eigenartig – diese drei Entdeckungen samt und sonders während der ersten vier Monate ihrer Freilandstudien gelangen. Sie legte einen Blitzstart hin. Aber um den langfristigen Wert ihrer Arbeit in Gombe richtig einzuschätzen, kann man die Messlatte gar nicht hoch genug legen. Im Rückblick sind ihre Forschungen nicht nur deshalb wegweisend, weil sie das Menschsein neu definiert hat, sondern vor allem, weil es ihr gelungen ist, in der Verhaltensforschung an frei lebenden Menschenaffen neue Maßstäbe zu setzen: Sie beschränkte sich nicht auf die kollektiven Verhaltensmuster der Schimpansen, sondern berücksichtigte auch ihre individuellen Eigenschaften.

Was sie vollbracht hat, übertrifft alles, was ein einzelner Mensch eigentlich leisten kann: Sie baute ein Forschungsprogramm auf, erarbeitete ethische Grundsätze, erzeugte eine intellektuelle Dynamik – und schuf damit eine Verbindung zwischen der Welt der Wissenschaft und der Schimpansengruppe 
in Gombe. Das Projekt überstand alle Krisen und dient heute Zwecken, die weder Jane noch Louis Leakey vorhersehen konnten: Es hat Methoden aufgegriffen (Satellitenvermessung, Endokrinologie, molekulare Genetik ) und Fragen behandelt, die
 weit über den Bereich der Verhaltensforschung hinausgehen.
 So liefert beispielsweise die molekulare Analyse von Kot- und Urinproben neue Erkenntnisse über die genetischen Beziehungen zwischen den Schimpansen und über einen Befall mit Krankheitserregern. Doch den wissenschaftlichen Triumph begleitet 
in seinem Jubiläumsjahr auch eine schmerzliche Ironie: Je mehr wir über die Schimpansen von Gombe wissen, desto mehr haben wir Anlass, uns um ihr weiteres Überleben zu sorgen.

Besonders zwei Faktoren beunruhigen die Forscher. Der eine betrifft die geographische Beschaffenheit der Region,
 der andere die sich dort ausbreitenden Krankheiten. Die am längsten beobachtete Schimpansenpopulation der Welt lebt isoliert in einem Habitat, das zu klein ist, um ihren Fortbestand langfristig zu sichern. Und einige Tiere sterben offenbar an einer bestimmten Form von Aids.

Seit den Anfangstagen ihrer Karriere musste sich Jane Goodall mit den Fragen auseinandersetzen, wie man Schimpansen am besten studiert und welche Schlüsse man aus der Beobachtung ihres Verhaltens ableiten kann. Fragen, mit denen sie sich besonders nach ihrer ersten Forschungssaison konfrontiert sah, als Leakey sie von einer Idee in Kenntnis setzte, die ihr Leben prägen sollte: Er wollte Jane an der Universität Cambridge für ein Promotionsstudium im Fach Verhaltensforschung anmelden.

Dieser Plan war in zweierlei Hinsicht ein wenig kühn. Zum einen besaß Jane bis dahin keinen Hochschulabschluss. Zum anderen wollte sie zwar schon immer Naturforscherin oder vielleicht auch Journalistin werden, aber das Wort „Wissenschaftlerin“ kam selbst in ihren Träumen nicht vor.

Kaum hatte sie sich in Cambridge immatrikuliert, geriet sie in Opposition zu den Fakultätsgrößen und den anerkannten Gewissheiten ihres Fachs. «Es war ein ziemlicher Schock, als man mir sagte, dass ich alles falsch gemacht hatte. Alles.» Dabei konnte sie zu dieser Zeit bereits Daten aus ihren 15-monatigen Freilandstudien in Gombe vorweisen – das Ergebnis der geduldigen Beobachtung von Individuen, denen sie Namen wie „David Greybeard“, „Mike“, „Olly“ und „Fifi“ gegeben hatte. Diese Vorgehensweise kam in Cambridge nicht gut an: Tieren Individualität und Gefühle zuzuschreiben galt nicht als Ethologie, sondern als eine unzulässige Übertragung menschlicher Eigenschaften auf die Affen. «Zum Glück besann ich mich auf meinen ersten Lehrer, der mir in der Kindheit beigebracht hatte, dass das nicht stimmt.» Dieser Lehrer war ihr Hund „Rusty“. «Man kann sein Leben nicht sinnvoll mit Tieren teilen, die mit einem einigermaßen hoch entwickelten Gehirn ausgestattet sind, ohne zu erkennen, dass sie eine Persönlichkeit haben.» So setzte sie sich gegen die herrschende Lehrmeinung zur Wehr – die sanfte Jane setzt sich immer zur Wehr –, und am 9. Februar 1966 wurde sie Dr. Jane Goodall.

Im Jahr 1968 machte auch das kleine Naturreservat Karriere: Es wurde zum Nationalpark Gombe. Inzwischen erhielt Jane Forschungsmittel von der National Geographic Society. Sie wurde Ehefrau, Mutter – und weltberühmt. Das verdankte sie zum einen ihren Artikeln für NATIONAL GEOGRAPHIC und 
zum anderen ihrem attraktiven, entschiedenen Auftreten in dem Film „Miss Goodall and the Wild chimpanzees“. Um das Forschungscamp finanzieren und weiterbetreiben zu können, machte sie daraus eine Institution: das Gombe Stream Research Center (GSrc). 1971 veröffentlichte sie die Schilderung ihrer frühen Forschungen in Gombe unter dem Titel „In the Shadow of Man“ (auf Deutsch: „Wilde Schimpansen – Verhaltensforschung am Gombe-Strom“). Das Buch wurde zum Bestseller.

Etwa zur gleichen Zeit begann Jane, Studenten und graduierte Forscher nach Gombe zu holen, die bei der Datensammlung und anderen Tätigkeiten halfen. Ihr Einfluss auf die moderne Primatenforschung, von Leakey lautstark verkündet, wird in verhaltenerem Ton auch von der langen Reihe der Gombe-Ehemaligen gewürdigt, von denen die meisten später selber wichtige wissenschaftliche Arbeiten vorangetrieben haben.

Im laufe dieser 50 Jahre gab es in Gombe auch ein dramatisches Ereignis mit weitreichenden Folgen. Am Abend des
 19. Mai 1975 wurden drei junge Amerikaner und eine Holländerin von Rebellensoldaten entführt, die aus Zaire über den Tanganjikasee gekommen waren. Obwohl die vier Geiseln später freigelassen wurden, nahm man nach diesem Zwischenfall vorsichtshalber keine ausländischen Forscher und Helfer mehr im Gombe Stream Research Center auf.

Für Anthony Collins ist dies der Tag, «an dem die Welt in Gombe eine andere wurde». Der Engländer, damals ein junger Biologe, interessiert sich besonders für Paviane, die zweite
 große Primatengruppe in Gombe. Er war in jener Nacht nicht 
im Camp, kehrte aber rasch zurück, um bei der Bewältigung 
der Folgen dieser Entführung zu helfen. «Das Ereignis hatte aber nicht nur negative Auswirkungen», sagt Collins. Schlecht war, dass in Gombe keine ausländischen Forscher mehr arbeiten konnten; auch Jane brauchte viele Jahre lang militärischen Schutz. «Gut war, dass die Verantwortung für die Datensammlung schon am folgenden Tag den tansanischen Mitarbeitern übertragen wurde.» Nur die Daten eines einzigen Tages gingen verloren.

Menschliche Konflikte, die aus den Nachbarländern übergriffen, waren nicht das einzige Verhängnis, von dem Gombe heimgesucht wurde. Auch das Verhalten der Schimpansen konnte gewalttätige Formen annehmen. Von 1974 an verübte die „Kasekela“-Sippe – die Gruppe, die in Gombe am intensivsten erforscht wurde – blutige Überfälle auf die kleinere Untergruppe der „Kahama“. in dieser Phase der Aggression, die
 als „vierjähriger Krieg“ in die Gombe-Annalen einging, vernichteten die „Kasekela“ schließlich die „Kahama“ und übernahmen deren Territorium. Selbst innerhalb der „Kasekela“-Sippe geht
es bei den Kämpfen der Männchen um die Alphaposition sehr gewalttätig zu, während es bei den Weibchen vorkommen kann, dass eine Affenmutter das Jungtier eines rivalisierenden Weibchens tötet. «Als ich in Gombe anfing», schreibt Jane, «glaubte ich, dass die Schimpansen netter sind als wir. Aber mit der Zeit stellte sich heraus, dass sie genauso schlimm sein können.»

Gombe war nie ein Garten Eden. Im Jahr 1966 brach eine Epidemie aus (vermutlich Polio, übertragen durch den Kontakt mit Menschen aus der Umgebung). Sechs Schimpansen starben oder verschwanden, sechs weitere wurden teilweise gelähmt. Als zwei Jahre später eine Atemwegserkrankung um sich griff (eine Grippe?, eine bakterielle Lungenentzündung?), verschwanden „David Greybeard“ und vier weitere Tiere. Außerdem starben neun der Affen 1987 an Lungenentzündung. Diese Episoden zeigen, wie anfällig Schimpansen für vom Menschen übertragene Krankheitserreger sind und warum den Wissenschaftlern in Gombe das Thema Infektionen so großes Kopfzerbrechen bereitet.

Diese Sorgen wurden durch Landschaftsveränderungen außerhalb des Nationalparks noch verstärkt. Jahrzehntelang mussten die Menschen aus den Dörfern mühsam der Natur ihren Lebensunterhalt abringen. Sie schlugen an den steilen Berghängen Feuerholz, bauten Feldfrüchte an und brannten in jeder Trockenzeit die Buschflächen ab, um Asche zum Düngen zu gewinnen. Bis zum Jahr 1990 hatte sich der Gombe-Nationalpark durch die Abholzung außerhalb des Reservats in eine ökologische Insel verwandelt, auf drei Seiten vom Menschen bedrängt, auf der vierten vom Tanganjikasee begrenzt. In diesem isolierten Gebiet lebten nicht mehr als rund 100 Schimpansen. Ihre Anzahl war zu klein, um die Population zu erhalten – nicht groß genug, um den Folgen der Inzucht entgegenzuwirken, nicht groß genug, um einer Epidemie durch den nächsten Krankheitserreger standzuhalten. Jane erkannte, dass etwas geschehen musste. Mit der Langzeitbeobachtung einer möglicherweise dem Untergang geweihten Primatengruppe war es nicht getan. Man musste nicht nur den Schimpansen helfen – sondern auch den Menschen.

Sie lernte den deutschstämmigen Agrarwissenschaftler George Strunden kennen, mit dessen Hilfe sie die Organisation Tacare gründete (ursprünglich das Lake Tanganyika Catchment Reforestation and Education Project), deren erstes Anliegen es im Jahr 1995 war, in 24 Dörfern Baumschulen anzulegen. Das Ziel: die Entwaldung der Berghänge aufzuhalten, die Wassereinzugsgebiete der Dörfer zu schützen und letztlich vielleicht sogar Gombe mit weiter außerhalb gelegenen Restwäldern zu verbinden, in denen ebenfalls Schimpansen leben. Wenn es gelänge, eine dieser Gegenden durch aufgeforstete Korridore mit Gombe zu verbinden, könnte die Population von einem stärkeren Gen-Austausch profitieren. Andererseits bestünde dann aber auch die Gefahr, dass weitere Krankheiten eingeschleppt würden.

Die Aufgabe, Korridore einzurichten, ist freilich schwer zu bewältigen. Immerhin konnten Jane und ihr Team durch geduldiges Vorgehen bereits einige Erfolge dabei verzeichnen, die dörfliche Zusammenarbeit, den Rückgang der Brände und die natürliche Regeneration des Waldes zu fördern.

Die Schimpansen tollen am Hang herum. Hier, oberhalb des Hauses, in dem Jane 
seit Anfang der siebziger Jahre immer wieder gewohnt hat, sammeln sie in den Bäumen der Gattung Vitex Beeren zum Frühstück. Von den tansanischen Forschern lassen sie sich dabei nicht stören. Viele dieser Affen sowie ihre Familiengeschichte sind in Gombe wohlbekannt. Zum Beispiel „Gremlin“, die Tochter von „Melissa“. Jane hatte sie bei ihrer Ankunft in Tanganjika als junges Weibchen kennengelernt. Daneben „Gremlins“ Tochter „Gaia“ und deren jüngere Schwester „Golden“ sowie „Pax“, der Sohn von „Passion“, einer berühmt-berüchtigten Kannibalin. Außerdem „Fudge“, der Sohn von „Fanni“, Enkel von „Fifi“ und Urenkel von „Flo“, der geliebten Matriarchin mit der hässlichen Nase, bekannt durch Janes frühe Werke. Dann noch „Titan“, ein riesiger Schimpanse, 15 Jahre alt und noch nicht ausgewachsen. Heute verbieten es die Vorschriften im Gombe-Nationalpark den Besuchern, den Schimpansen zu nahe zu kommen. Dabei ist es oft weit schwieriger zu verhindern, dass sich die Tiere den Menschen nähern. Die Vertrautheit mit den Forschern, ihren Notizbüchern und Aufzeichnungsbögen hat ihnen die natürliche Scheu genommen.

Nicht weit von den Datensammlern entfernt setzt erst „Gremlin“ ihren Kot ab, dann erleichtert sich auch „Golden“. Nachdem sie weitergezogen sind, zieht sich einer der Forscher Latexhandschuhe an, hockt sich vor „Gremlins“ olivfarbenes Dunghäuflein hin und gibt ein wenig davon in ein Probenröhrchen. Dann versieht er es mit der Uhrzeit, dem Datum, der genauen Fundstelle sowie „Gremlins“ Namen. Das Röhrchen wird mit den monatlichen Proben möglichst vieler Schimpansen an die Universität von Alabama geschickt: in das Labor von Beatrice Hahn, die seit zehn Jahren die Immunschwächeviren der Schimpansen von Gombe untersucht. Das affenspezifische Virus ist unter dem Fachbegriff SIVcpz bekannt: eine Vorform von HIV-1, dem Virus, das weltweit die meisten Aidsfälle zur Folge hat. Es konnte allerdings nie beobachtet werden, dass SIVcpz bei frei lebenden Schimpansen ein Versagen des Immunsystems auslöste. Man hielt SIVcpz bei Schimpansen sogar für harmlos. Hatten einige wenige, aber verhängnisvolle Mutationen ein harmloses Schimpansenvirus in einen Menschenkiller verwandelt?

Diese Theorie ließ sich nicht mehr aufrechterhalten, nachdem 2009 in der Fachzeitschrift Nature ein Artikel erschienen war. Erstautor: Brandon F. Keele, damals in Hahns Labor tätig, Mitautorinnen: Beatrice Hahn und Jane Goodall. In dem Artikel
wird berichtet, dass SIV-positive Schimpansen in Gombe ein zehn- bis 16-mal höheres Risiko haben zu sterben als gleichaltrige SIV-negative Schimpansen. Zudem wurden drei SIV-positive Schimpansenkadaver gefunden, deren Gewebe Schäden aufwies, die ebenfalls an Aids erinnern. Die Schlussfolgerung aus diesen Erkenntnissen: Die Schimpansen scheinen zum Teil einer aidsähnlichen Krankheit zum Opfer zu fallen. «Es ist sehr beunruhigend, dass die Schimpansen allem Anschein nach jünger sterben», sagt Jane. «Da fragt man sich doch, wie lange gibt es das schon in Gombe? Woher kommt es? Welche Auswirkungen hat es auf andere Populationen?» Wenn die Schimpansen in Afrika überleben sollen, müssen wir auf diese Fragen schnellstmöglich Antworten finden.

Diese traurige Entdeckung hat möglicherweise große Bedeutung für die menschenbezogene Aidsforschung. Anthony Collins wies darauf hin, dass SIV zwar auch bei anderen Sippen der Schimpansen gefunden wurde, «doch keine von diesen ist eine an den Kontakt mit Menschen gewöhnte Studienpopulation; vor allem gibt es über sie keine genealogischen Langzeitstudien. Und keines der Tiere ist so zahm, dass man von jedem Individuum jeden Monat eine Kotprobe nehmen kann». Einen Augenblick später fügt er hinzu: «Es ist traurig, dass es das Virus hier gibt. Aber es könnte uns sehr viele neue Erkenntnisse bringen.»

Die neuen Methoden der Molekulargenetik liefern nicht nur Rückschlüsse auf Krankheiten. Sie liefern auch Erkenntnisse zur Lösung uralter Fragen zum Sozialverhalten und zur Evolution der Schimpansen. Zum Beispiel: Wer sind in Gombe die Väter? Die Mutterschaft ist offensichtlich, die enge Beziehung zwischen Mutter und Jungtier wurde von Jane Goodall, Anne Pusey und anderen eingehend erforscht. Weil sich Schimpansenweibchen aber in der Regel mit vielen Männchen paaren, war die Vaterschaft bisher viel schwieriger zu bestimmen.

Und wie ist das Verhältnis zwischen der männlichen Hierarchie – all diesen polternden Anstrengungen, den Rang eines Alphatiers zu erreichen – und dem Fortpflanzungserfolg? Anhand der Analyse von Kotproben, die vom Feldforschungsteam gesammelt wurden, hat die junge Wissenschaftlerin Emily Wroblewski dieses Rätsel entschlüsselt. Sie fand heraus, dass ranghöhere Männchen tatsächlich mehr Nachkommen zeugen – dass aber auch einige rangniedere Männchen bei der Fortpflanzung nicht schlecht abschneiden. Ihre Strategie ist die einer Partnerschaft auf Zeit mit einem einzigen, oftmals jüngeren und weniger attraktiven Weibchen. Es ist eine Zeit, in der sich das Paar von der Gruppe absondert. Anhand von Beobachtungen hatte Jane dieses Ergebnis schon zwei Jahrzehnte früher vorhergesehen. «Das Männchen, das erfolgreich eine Partnerschaft auf Zeit mit einem fruchtbaren Weibchen aufrechterhält», schrieb sie, «hat vermutlich eine größere Chance, mit ihm Nachwuchs zu zeugen, als es in einer Gruppensituation möglich wäre – selbst wenn es ein Alphatier ist.»

Im Jahr 1986, bald nach Erscheinen ihres wissenschaftlichen Hauptwerks („The Chimpanzees of Gombe“), beendete Jane Goodall ihre Feldforschung. Seither betätigt sie sich als Vortragsreisende. Was ist ihre Mission? Ihr erstes Ziel, das sich in
der Zeit in Gombe herausgebildet hatte, war die Verbesserung der grausamen Lebensbedingungen von Schimpansen in medizinischen Laboren. Außerdem gründete sie Auffangstationen für aus der Gefangenschaft befreite Schimpansen, etwa für verwaiste Jungtiere, deren Eltern dem Buschfleischhandel zum Opfer gefallen waren. Aus diesem Engagement entwickelte sich ihr Interesse an der Frage, wie Menschen und Tiere in Einklang miteinander leben können. Sie gründete das Programm „Roots & Shoots“. Es soll junge Menschen auf der ganzen Welt motivieren, an Projekten mitzuwirken, die sich für das Wohl der Tiere, die Umwelt und die menschliche Gemeinschaft einsetzen. In dieser Zeit wurde sie Explorer in Residence der National Geographic Society.

Heute ist Jane 300 Tage im Jahr auf Reisen. Sie gibt Interviews, hält Vorträge an Schulen und in großen Auditorien. Sie trifft sich mit Regierungsbeamten und sammelt Geld, um das Jane Goodall Institute am Laufen zu halten. Nur hin und wieder zieht sie sich zurück, still und leise, in den Wald oder in die Prärie, um Schimpansen, Kanadakraniche oder Schwarzfußiltisse zu beobachten, neue Kraft zu schöpfen und einen klaren Kopf zu bewahren.

Vor 50 Jahren schickte Louis Leakey sie los, um Schimpansen zu beobachten, weil er glaubte, dass deren Verhalten Licht auf unsere menschlichen Ahnen werfen könnte – sein Forschungsthema. Jane ignorierte diesen Teil ihres Auftrags und beobachtete die Schimpansen um ihrer selbst willen und zu ihrem Besten, als Geschöpfe mit einem ganz eigenen Wert. Vielen jungen Frauen und Männern, die durch sie den Weg zur Wissenschaft und zum Umweltschutz gefunden haben, wurde sie zum leuchtenden Vorbild.

Die Bedeutung von Gombe reicht nach einem halben Jahrhundert weit über Jane Goodalls Forschung hinaus. Dennoch
 kann die Bilanz ihres Lebens und ihrer Erkenntnisse gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

 

(NG, Heft 10 / 2010, Seite(n) 44 bis 63)