Tiere

Können Tiere denken?

Jetzt ist "Alex" tot, doch 30 Jahre lang sorgte der Graupapagei für Furore in der Wissenschaft. 1977 war es, als die junge Harvard-Absolventin Irene Pepperberg ein kühnes Projekt startete. Samstag, 1 März

Von Virginia Morell

Jetzt ist "Alex" tot, doch 30 Jahre lang sorgte der Graupapagei für Furore in der Wissenschaft. 1977 war es, als die junge Harvard-Absolventin Irene Pepperberg ein kühnes Projekt startete. Tiere galten zu jener Zeit mehr oder weniger als lebende Automaten, die aufgrund ihrer genetischen Programmierung auf Reize reagieren, aber weder denken noch fühlen. Pepperberg wollte mit ihnen sprechen und herausfinden, was in ihrem Kopf vorgeht. Als Alex im September 2007 starb, hatten seine Leistungen unsere Vorstellung von dem, was Tiere können, revolutioniert. Wie aber soll ein Wissenschaftler beweisen können, dass ein Tier zu echtem Denken fähig ist?

Spezielle Fähigkeiten gelten als Zeichen für höhere geistige Prozesse: ein gutes Gedächtnis, ein Begriffsvermögen für Grammatik und Symbole, ein Bewusstsein für das eigene Ich, das Verständnis für die Motive anderer, Nachahmung und Kreativität. Oft wird all das unter dem Begriff "Kognition" zusammengefasst, womit Denken in einem umfassenden Sinn gemeint ist. Mit geschickten Experimenten belegten Wissenschaftler nach und nach, dass nicht nur Menschen, sondern auch andere biologische Arten solche Begabungen haben. Gleichzeitig wurde sichtbar, wie sich unsere eigenen Fähigkeiten einst entwickelten. Buschhäher wissen, dass ihre Artgenossen Diebe sind und dass eingelagertes Futter faulen kann; Schafe erkennen Gesichter; Schimpansen stochern mit angepassten Werkzeugen in Termitenbauten und benutzen sogar Waffen für die Jagd; Delfine ahmen die Körperhaltung von Menschen nach; Schützenfische lernen durch Beobachten erfahrener Artgenossen, wie man mit einem Wasserstrahl aus dem Maul gezielt Insekten aus den Büschen schießt. Und der Papagei "Alex" verblüffte als guter Redner.

Vieles, was dieser Papagei an kognitiven Fähigkeiten zeigte, zum Beispiel das Verständnis für die Begriffe "gleich" und "verschieden", wird im Allgemeinen nur höheren Säugetieren und speziell den Primaten zugeschrieben. Aber wie Menschenaffen (und Menschen), so leben auch Papageien ein langes Leben in komplexen Gesellschaften. Wie Primaten, so müssen auch die Vögel den ständigen Wandel in ihren Beziehungen und in ihrer Umwelt verarbeiten können.

30 Jahre lang erteilten Pepperberg und ihre Assistenten ihm Sprachunterricht. "Es geht mir nicht darum zu sehen, ob "Alex" die Sprache der Menschen lernen kann. Das war nie der Punkt. Ich wollte immer nur seine Nachahmungsfähigkeit nutzen, um seine Fähigkeit zu denken besser zu verstehen", sagte Pepperberg. Sie konnte sich zwar nicht danach erkundigen, was er dachte, aber sie konnte etwas darüber in Erfahrung bringen, was er über Zahlen, Farben und Formen wusste. Das führte sie mir vor: Sie trug "Alex" auf dem Arm zu einer hölzernen Sitzstange in der Mitte des Zimmers. Dann nahm sie einen grünen Schlüssel und eine kleine grüne Tasse aus einem Korb und hielt "Alex" beide Gegenstände unter die Nase. "Was ist gleich?", fragte sie. "Co-lor", antwortete "Alex" ohne zu zögern. Farbe. "Was ist verschieden?" "Shape", sagte "Alex", Form.

Schon Charles Darwin wollte die Entstehung unserer Intelligenz erklären und wandte seine Evolutionstheorie deshalb auch auf das Gehirn des Menschen an. Seine Überlegung: Wie unsere gesamte Erscheinung muss sich auch die Intelligenz aus den geistigen Fähigkeiten einfacherer Lebewesen entwickelt haben, denn alle Tiere haben es im Leben mit den gleichen grundsätzlichen Herausforderungen zu tun. Sie müssen Partner, Nahrung und einen Weg durch Wald, Meer oder Luft finden. Dazu, so Darwin, braucht man die Fähigkeit, Probleme zu lösen und Kategorien abzugrenzen. Doch im 20. Jahrhundert wurde diese Sichtweise zeitweilig an den Rand gedrängt: Viele Fachleute wandten sich dem Behaviorismus zu, der in Tieren kaum etwas anderes sieht als instinktgesteuerte Maschinen.

Doch wie wäre dann die Entstehung der menschlichen Intelligenz zu erklären? Nicht ohne Darwins Sichtweise, wonach die Evolution auch geistige Leistungen betrifft. Inzwischen legen Experimente mit vielen Arten nahe, dass die Wurzeln der Kognition weit zurückreichen und sehr verbreitet sind.

(NG, Heft 3 / 2008, Seite(n) 44)