Tiere

Nashorn-Jagd: Blutige Schlacht ums Horn

Wie Wilderer und Räuberban­den dabei sind, das Rhinozeros auszurotten – wegen eines Heilmittels, das keines ist. Hauptabnehmer ist China. Aber selbst in Deutschland treiben Horn-Räuber ihr Unwesen.

Von Peter Gwin

Damien Mander, ein Ausbilder für Wildhüter im Wildreservat Nakavango in Westsimbabwe, kehrt nach einem langen Tag zurück an sein Lagerfeuer – da hallt ein Gewehrschuss durch den Wald. Mander muss sofort an das trächtige Spitzmaulnashorn „Basta“ und ihr zwei Jahre altes Kalb denken. „Basta“ ist auf der Suche nach einem sicheren Ort im Busch, um das jüngste Mitglied ihrer bedrohten Art zur Welt zu bringen.

Mander ist ein ehemaliger Scharfschutze einer australischen Spezialeinheit. Sein durchtrainierter Körper weist eine beeindruckende Sammlung von Tätowierungen auf. Quer über der Brust prangt in Frakturschrift der Slogan „Seek & Destroy“ (auf Deutsch etwa „Suchen & Zerstören“). Er wendet den Kopf und versucht festzustellen, aus welcher Richtung der Schuss kam. «Von da drüben.» Er deutet in die Dunkelheit. «Klang nach 5,56», sagt er. Die Bestimmung von Position und Kaliber ist eine alte Angewohnheit aus zwölf Einsätzen im Irak. Seine Wildhüter und er holen Gewehre, Funkgeräte und Erste-Hilfe-Kästen, klettern in zwei Land Cruiser und brausen los.

Es ist Halbmond und fast windstill – ideale Bedingungen für Wilderer. Oft heuern sie Fährtensucher an, um die Nashörner aufzuspuren. Die folgen den Tieren dann bis zur Dämmerung und übermitteln deren Position per Funk an einen Schützen mit Präzisionsgewehr. Nachdem das Nashorn erlegt ist, hacken Helfer ihm binnen Minuten beide Hörner ab. Fast immer werden sie an asiatische Händler verkauft.

Die Nachfrage nach Horn für die traditionelle chinesische Medizin ist letzthin so dramatisch angestiegen, dass die kriminellen Aktivitäten sogar auf Europa ausgegriffen haben. Im Jahr 2011 gab es einen beispiellosen Raubzug durch acht europäische Länder, von Schweden bis nach Italien, darunter auch Deutschland. Im Auftrag offenbar gut organisierter Verbrechersyndikate stahlen Diebe ausgestopfte Nashornschädel aus Museen, zoologischen Sammlungen oder privaten Galerien. Tiergärten wie der Frankfurter Zoo und der Serengetipark Hodenhagen haben den Schutz für ihre Nashörner erhöht. Mehr als tausend Tiere wurden seit dem Jahr 2006 im südlichen Afrika abgeschlachtet, 22 Wilderer erschossen und allein in Südafrika im vergangenen Jahr 200 Wilderer festgenommen. Was sie antreibt, ist der hohe Preis für Rhinozeros-Horn auf dem Schwarzmarkt – er kann doppelt so hoch sein wie für Gold.

Die Artenschutzorganisation Traffic, die den Wildtierhandel beobachtet, fand heraus, dass der Großteil des gehandelten Horns mittlerweile nach Vietnam geht. Diese Veränderung beruht offenbar auch auf Gerüchten, nach denen der Krebs eines hochrangigen vietnamesischen Beamten mithilfe des Horns geheilt wurde. Die Preisspirale und entsprechende Profite haben Südafrikanische Verbrecherbanden dazu gebracht, in die Nashornwilderei einzusteigen.

Gideon Van Deventer kennt die Stelle genau, die ein 19,5-Gramm-Geschoss treffen muss, damit es in das Gehirn eindringt und das Nashorn zu Fall bringt: 15 Zentimeter hinter dem Auge und fünf Zentimeter vor dem Ohr. Er ermittelt den Punkt am eigenen Kopf und tippt mit seinem schwieligen Zeigefinger auf eine Stelle hinter dem Wangenknochen. «Genau hier muss man sie treffen. Ihr Gehirn ist winzig», sagt er. «Und weil sie fast blind sind, kommt man nahe an sie heran. Sie haben ein gutes Witterungsvermögen, deshalb muss man sich gegen den Wind bewegen. Da sie ausgezeichnet hören, muss man ihre Ohren beobachten. Wenn ein Ohr in deine Richtung zuckt, gibt es Ärger.» Er kennt außerdem eine Technik, die Ermittlern zufolge auf einen Experten hindeutet: Wenn man mit dem Taschenmesser einen Schnitt um den Hornsockel zieht, kriegt man das Horn relativ leicht ab. «Eine Säge ist nicht notwendig. Es geht schnell, und das Horn bricht in einem Stück ab.»

Meine Einweisung in die Wilderei findet im Gefängnis Kroonstad statt, etwa zwei Autostunden südlich von Johannesburg. Der 42-jährige Van Deventer möchte Deon genannt werden. Als „Lehrer“ ist er besonders qualifiziert: Nach eigener Aussage hat er 22 Nashörner erlegt. Das macht ihn in Südafrika und vermutlich weltweit zum „erfolgreichsten“ verurteilten Nashornwilderer. Der 1,70 Meter große Mann ist ein Ausbund an Sehnen und Energie. Er trägt einen orangefarbenen Gefängnisoverall und schwarze Arbeitsschuhe, und er sitzt kerzengerade. Mit seinem wettergegerbten Gesicht, dem schütteren rotblonden Haar und den eisblauen Augen erinnert er an den Schauspieler Ed Harris. Deons Vater war von Kenia nach Südafrika emigriert. In seiner Heimat hatte er als Polizist und Großwildjäger gearbeitet. Er ließ sich nahe der Grenze zu Botswana nieder, in einer bis heute größtenteils wilden Gegend. Deon und seine beiden Bruder verbrachten die meiste Zeit im Busch. Mit acht schwänzte er die Schule und arbeitete als Fährtensucher für Jäger. «Irgendwann kannte ich mich mit Tieren besser aus als mit Menschen», sagt er. Bald war er ein professioneller Großwildjäger, «spezialisiert auf Tierpräparation und Fährtensuche», erzählt er.

Egal wie versiert Deon van Deventer als Fährtensucher auch ist, in Vietnam würde er vergebens nach Nashörnern suchen. Java-Nashörner lebten dort einst zahlreich in den Wäldern und Flussauen, doch im Jahr 2010 erlegten Wilderer das letzte Exemplar im Land.

Dennoch herrscht kein Mangel an Rhinozeros-Horn. Während sich der Schwarzhandel mit den Hörnern früher auf Märkte in China, Taiwan, Südkorea, Japan und im Jemen konzentrierte, liegt der Schwerpunkt heute in Vietnam. Allein im vorigen Jahr wurde dort schätzungsweise mehr als eine Tonne Horn ins Land gebracht. In Südafrika werden mehrere vietnamesische Staatsbürger, darunter auch Diplomaten, beschuldigt, den Schmuggel von Hörnern geplant zu haben.

Nicht alle Hörner gelangen illegal nach Vietnam. Das Südafrikanische Gesetz, das dem Abkommen zum internationalen Handel mit gefährdeten Arten (CITES) folgt, erlaubt den Export der Hörner als Jagdtrophäen. Im Jahr 2003 flog ein vietnamesischer Jäger nach Südafrika und erlegte auf einer legalen Safari ein Nashorn. Bald darauf taten es ihm Dutzende Asiaten nach. Jeder zahlte knapp 40 000 Euro für die Expedition mit einem lizenzierten Safariveranstalter. Viele dieser Jäger arbeiten vermutlich für Banden. In Vietnam wird ein durchschnittlich sechs Kilo schweres Paar Hörner in Stücke geschnitten und bringt rund 157 000 Euro Profit auf dem Schwarzmarkt.

Die Auslöser dieses Goldrauschs lassen sich schwer ausmachen. Gerüchte über namhafte Konsumenten tragen ebenso dazu bei wie steigende Schwarzmarktpreise und der schrumpfende Bestand an asiatischen Nashörnern. Doch dahinter steht das wiedererstarkte Interesse an der angeblichen Heilkraft des Horns. Seit 2000 Jahren verschreibt die chinesische Medizin pulverisiertes Nashorn zur Fiebersenkung und Behandlung diverser Krankheiten. Die wenigen, in den vergangenen 30 Jahren durchgeführten Untersuchungen zu den angeblich fiebersenkenden Eigenschaften waren nicht beweiskräftig.

Doch 2006 widmete ein traditionelles Arzneibuch in Vietnam dem Horn zwei Seiten. Die neueste und sensationellste Behauptung ist, dass es Krebs heile. Onkologen verweisen darauf, dass bislang keine Studie zur Wirksamkeit des Horns bei der Krebsbehandlung vorliege. Doch das bedeute noch nicht, sagt Mary Hardy, Spezialistin für traditionelle Heilkunst am Simms/Mann-UCLA-Zentrum für Integrative Onkologie in Los Angeles, dass es bei Patienten keine Wirkung habe. «Der Glaube an eine Behandlung, besonders wenn sie sehr teuer ist, kann eine starke Wirkung auf das Befinden des Patienten ausüben.»

Mehrere vietnamesische Ärzte erklären mir, dass das Horn generell nicht zur Heilung tauge, schon gar nicht bei Krebs. Aber andere angesehene Mediziner behaupten, es könne zur effektiven Krebsbehandlung beitragen. Manche verschreiben das Horn in Tablettenform, um Schmerzen bei Patienten zu lindern, die Chemo- oder Strahlentherapie erhalten.

Tran Quoc Binh, der Leiter des Nationalen Krankenhauses für Traditionelle Medizin, das dem vietnamesischen Gesundheitsministerium unterstellt ist, glaubt, dass Rhino-Horn das Wachstum bestimmter Tumorarten verzögern kann. «Wir beginnen mit der modernen Medizin: Chemotherapie, Bestrahlung, Chirurgie», sagt Tran. «Aber hinterher sind vielleicht noch Krebszellen vorhanden. Und die bekämpfen wir dann mit traditioneller Medizin.» Eine Mischung aus Nashorn, Ginseng und anderen Kräutern könne das Wachstum von Krebszellen stoppen, sagt er. Aber auch er kann seine Behauptungen nicht durch unabhängige Studien untermauern.

Hume verrät nicht, wieviele Hörner er seit dem Start des Unternehmens 2002 angesammelt hat. Eine konservative Schätzung beläuft sich aber auf einen Wert von mehreren Dutzend Millionen Euro. Humes Idee, Rhinozeros-Horn in großem Umfang zu produzieren, kann als weiteres Beispiel für innovatives Wildmanagement aus Südafrika gelten. 1961 testeten Beamte in der Provinz Natal die Überführung wilder Nashörner in private Schutzgebiete, um die Vermehrung und genetische Vielfalt zu fördern. 1986 erlaubte die Parkbehörde von Natal die Versteigerung überzähliger Nashörner aus den Reservaten der Provinz zum Marktpreis. Das brachte mehrere Millionen Euro ein, mit denen lokale Tierschutzprojekte finanziert wurden. Bei Wildfarmern und Jägern stieg der Wert der Tiere. Für Hume bedeutet die von ihm praktizierte Horngewinnung den nächsten Schritt auf dem Weg zum Schutz der Tiere.

Im Laufe des Gesprächs ereifert sich Hume: Vietnamesische Jäger dürften das Tier per Pfeil betäuben, die Hörner entfernen und es am Leben lassen, poltert er. «Nach südafrikanischem Gesetz muss der Jäger das Nashorn töten und das Horn als Trophäe exportieren.» Er schüttelt den Kopf über so viel Unlogik.

Zu den Missverständnissen, so Hume, gehöre die Gleichsetzung von Elfenbein und Horn. Elefantenzähne sind aus Elfenbein. Ein Rhinozeros-Horn besteht dagegen aus Keratin und ähnelt somit Haaren oder Federn. Bei der Entfernung eines Stoßzahns kann sich der Nerv im Zahn entzünden und den Elefanten töten. Naturschützer sind zudem der Ansicht, gewilderte Hörner seien immer billiger als jene aus Farmbeständen. Anders Hume: Sobald die Händler die Verfügbarkeit legaler Hörner akzeptierten, würden die Preise sinken und die Verbrechersyndikate sich aus dem Geschäft zurückziehen. «Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass Wilderer Hörner für den schnellen Profit wollen, Farmer dagegen ein langfristiges Einkommen.»

Vier Monate nach meinem Treffen mit Deon wird er aus dem Gefängnis Kroonstad entlassen. Er hat der Polizei mitgeteilt, dass er nicht gegen seine Komplizen aussagen werde. Später wird die Anklage gegen den Safariveranstalter Gert Saaiman fallengelassen. Unterdessen erlegen Wilderer vier Breitmaulnashörner auf John Humes Farm. Frau Thiens Ärzte stellen fest, dass die Schatten auf Brust und Eierstöcken Zysten sind. Sie behandelt sie mit einer Mischung aus westlicher und asiatischer Medizin, darunter auch Rhino­-Horn.

Vor meiner Abreise aus Simbabwe besuche ich Mander noch einmal. Er und der simbabwische Ranger Benzene führen mich zu einer Stelle tief im Busch. „Basta“ frisst dort seelenruhig Blätter von einem Baum. Sie steht über ihrem neugeborenen Kalb, dessen Haut an Hals und Knien Falten schlägt – als steckte es in ei­nem zu großen grauen Schlafanzug. Dort, wo einmal ein Horn wachsen wird, befindet sich eine leichte Erhebung. Wir bewundern die wackligen Versuche des Kleinen, seiner Mutter durch das hohe gelbe Gras zu folgen.

Mander schüttelt den Kopf. «Unglaublich, sich vorzustellen, dass jemand das Kleine wegen dieses winzigen Höckers abschlachten will, egal was das angeblich bewirken soll.» Ich schlage ihm vor, seine „Seek & Destroy“­-Tätowierung in „Seek & Save“ („Suchen & Retten“) zu ändern, um sein neues Leben als Nashornschützer zu illustrieren. Er lacht. «Stimmt, das sollte ich vielleicht mal machen.»

Ein aktueller Filmbeitrag über die grausame Jagd auf Nashörner in Südafrika: Sehen Sie hier das Video auf NBC!

(NG, Heft 03 / 2012, Seite(n) 92 bis 110)