Tiere

Wildtiere: „Was wir nicht kontrollieren können, jagt uns Angst ein“

Die Psychologin Uta Jürgens untersucht die menschliche Beziehung zu Wildtieren. Dafür wurde sie nun mit dem Forschungspreis der Deutschen Wildtier Stiftung geehrt. Im Interview erklärt sie, warum wir uns vor Wölfen oder Spinnen immer noch fürchten.

Von Nadja Armbrust
Bilder Von Tatiana Belova / Colourbox

Die Psychologin Uta Jürgens untersucht die Beziehung zwischen Mensch und Wildtieren. Dafür wurde sie nun mit dem Forschungspreis der Deutschen Wildtier Stiftung geehrt. Im Interview erklärt sie, warum wir uns vor Wölfen oder Spinnen immer noch fürchten.

Uta Jürgens nimmt in ihrem aktuellen Promotionsprojekt „Vom Konflikt zur Koexistenz“ das Verhältnis zwischen Mensch und Wildtieren unter die Lupe. Die Psychologin will etwa Testpersonen Videos vorspielen, die den Menschen entweder als Herrscher oder als eingebettet in die Natur zeigen. In einer Gruppendiskussion wird sie dann beobachten, wie die Filme das Unterbewusstsein beeinflusst haben.

Naturschützer wollen, dass Wölfe in Deutschland wieder heimisch werden. Warum polarisiert das so stark?
Wir denken unterschiedlich. Einige von uns verstehen sich als Teil der Natur, als ein Tier von vielen. Die anderen sehen die Erde als Ressource an, über die sie bestimmen wollen. Es gibt auch kulturelle Unterschiede. Die meisten Menschen in der westlichen Welt verstehen sich als Mittelpunkt. Andere Kulturen, zum Beispiel die Hopi, Indianer aus Arizona, fühlen sich dagegen noch sehr mit anderen Wesen verbunden. Trotz ihrer Rituale sind sie modern, viele besitzen Smartphones. Fortschritt und Naturverbundenheit können also zusammen funktionieren.

Weshalb geraten wir oft mit Wildtieren aneinander?
Wir sind häufig der Meinung, die Natur müsse sich uns anpassen. Viele Menschen unterscheiden zwischen Natur und Kultur. Wenn Wildschweine in unsere Parks einwandern, überschreiten sie damit bei vielen Menschen auch eine innere Grenze. Außerdem fürchten wir uns eher vor Tieren mit einem dunkleren Fell oder Federn. Forscher müssen sich die verborgenen psychologischen Ursachen ansehen. Wolfs-Management könnte so zum Beispiel viel effizienter werden.

Wie könnte das verbessert werden?
Das aktuelle Wolfsmanagement befasst sich überwiegend damit, biologische Fakten zum Wolf zusammenzutragen und die Probleme mit Entschädigungszahlungen und Präventionsmaßnahmen einzudämmen. Natürlich ist das notwendig, reicht aber nicht, um Akzeptanz zu schaffen. Menschen ticken nicht rein rational. Deshalb ist es wichtig, die unterbewussten Gefühle anzusprechen und behutsam aufzuarbeiten. Etwa, indem man erklärt, wie es zu dem Märchen vom bösen Wolf kam. Noch besser wäre es, auf die Bilder einzugehen, die wir noch immer vom Wolf haben: ein zotteliger, übellauniger Geselle - der „Isegrim“. Sprache ist hier wichtig. Wenn man über den Wolf stattdessen freundschaftlich als „Graupelz“ redet - oder als „der gesellige Kerl“ oder „der fürsorgliche Vater“, kann das neue Bilder schaffen. Gerade Naturwissenschaftler scheuen sich vor solch subtilen Maßnahmen. Sie wollen nicht in den Ruf geraten, den Wolf zu vermenschlichen. Die vergleichende Psychologie zeigt aber, dass die Tiere uns durchaus ähnlich sind. Es ist also nicht unangemessen, sie als fürsorglich und gesellig zu bezeichnen.
 Solche Methoden mögen unscheinbar wirken, können aber neues Denken anstoßen.

Psychologin und Preisträgerin Uta Jürgens

Was hat Sie bei Ihren Nachforschungen überrascht?
Wir haben etwa zu Raben oder Spinnen eine ganz besondere Beziehung. Dabei ist das Tier scheinbar nebensächlich. Zwar besitzt jedes Lebewesen bestimmte Eigenschaften – aber nur wir beeinflussen, wie das Verhältnis zu dem Tier ist. Das beweisen unterschiedliche Mythen, die verschiedene Tiere sehr ähnlich darstellen. In den Geschichten der Hopi passt die Spinne auf die Menschen auf. Bei vielen subarktischen Völkern sind in den Erzählungen dagegen Raben die Beschützer. Beide Tiere gelten in den Mythen zudem als sehr gewitzt. Sie ähneln sich, obwohl es völlig andere Kreaturen sind.

Das sind aber doch nur Geschichten.
Sie zeigen dennoch, dass wir für die Beziehung zu Lebewesen verantwortlich sind – und sie ganz unterschiedlich formen können.

Warum haben wir gerade Angst vor Spinnen?
Die Tiere leben in unseren Häusern. Jeder weiß, dass sie da sind – trotzdem sehen wir sie nicht. Spinnen bewegen sich geschickter als etwa Käfer, wir können ihnen kaum mit den Augen folgen. Sie haben auch einen komplett anderen Körperbau als wir. Das lässt uns erschaudern. In den Mythen der Hopi ist die Spinne aber sehr mächtig und hilft so den Menschen. Deswegen schätzen die Indianer ihre „Aufpasser“. Spinnen sind auch für uns da, denn sie bekämpfen unsere Schädlinge. Das vergessen viele.

Wir fürchten uns vor Wölfen, der eigene Hund darf aber bei uns im Bett schlafen.
Hunde können wir leichter kontrollieren. Was uns am Wolf gefallen hat, haben wir in der Zucht beibehalten, etwa die Loyalität. Deren Ursprung liegt aber beim Wolf, der sich in den Sozialverband seines Rudels einfügt. Wir haben mit dem Hund ein Wesen geschaffen, das sich oft mehr auf uns fokussiert als auf seine Artgenossen. Die Scheu der Wölfe haben wir dagegen weggezüchtet. Viele Wildtiere besitzen inzwischen zahme Doppelgänger. Das Problem: Wir sehen im Wolf unseren Hund, der sich jedoch nicht so einfach kontrollieren lässt. Das macht uns Angst.

Was muss sich ändern, damit das Zusammenleben klappt?
Das möchte ich durch meine Forschung herausfinden. Ein komisches Bauchgefühl gegenüber Wildtieren wird wohl immer da sein. Dennoch können wir das Unterbewusstsein beeinflussen. Ich stand vor einiger Zeit vor einer Herausforderung: Die Bewohner meines Heimatdorfes wollten ihre vielen Saatkrähen loswerden. Sie befürchteten, die Tiere könnten dem Tourismus schaden. Ich habe dann einen Lehrpfad über die Vögel organisiert. Statt bloßer Fakten „erzählen“ Saatkrähen auf den Schildern aus ihrem Leben. Dadurch fühlten sich viele Besucher mit den Tieren verbunden. Besonders bei Kindern können wir früh ansetzen, damit sie Wildtiere gar nicht erst als böse oder schädlich empfinden.