Umwelt

Wie Holland mit Hightech die Landwirtschaft revolutioniert

Viel Ertrag auf kleinen Flächen – und das auch noch nachhaltig. Ein Besuch im niederländischen Food Valley. Montag, 18 September

Door Frank Viviano
Bilder Door Luca Locatelli

Das Armaturenbrett vor Jacob van den Borne sieht aus, als würde es ein Raumschiff steuern. In Wirklichkeit sitzt der Landwirt im Fahrerhäuschen einer riesigen Landmaschine auf einem Kartoffelfeld an der Grenze zwischen den Niederlanden und Belgien. Aus drei Meter Höhe überwacht er zwei Drohnen: einen fahrerlosen Traktor auf den Feldern und einen Quadrocopter in der Luft. Sie liefern detaillierte Angaben über Bodenchemie, Wassergehalt und Nährstoffe. Minutiös wird das Wachstum auf dem Feld kontrolliert, bis hinunter zur einzelnen Kartoffel.

Diese sogenannte Präzisionslandwirtschaft ist ein Grund, weswegen van den Bornes Felder so produktiv sind: Weltweit liegt die durchschnittliche Kartoffelernte pro Hektar bei 20 Tonnen, bei van den Borne sind es regelmäßig mehr als 47. Das ist umso bemerkenswerter, wenn man sich anschaut, wie wenig der Landwirt dafür in das System einbringen muss: Innerhalb von zwei Jahrzehnten haben van den Borne und viele andere Bauern den Wasserverbrauch für den Anbau wichtiger Nutzpflanzen um bis zu 90 Prozent gesenkt. In Gewächshäusern werden außerdem fast keine chemischen Pflanzenschutzmittel mehr verwendet, und seit 2009 haben niederländische Geflügel­ und Viehproduzenten den Einsatz von Antibiotika um bis zu 60 Prozent reduziert.

Im Jahr 2000 bekannten sich die Niederländer zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft unter dem Motto „Doppelt so viel Lebensmittel mit halb so vielen Mitteln“. Der Erfolg ist erstaunlich für ein Land, das so klein und mit über 500 Einwohnern pro Quadratkilometer so dicht besiedelt ist wie die Niederlande: Zählt man alle Agrarprodukte zusammen, die im Land produziert, verarbeitet, vertrieben und vermarktet werden, sind sie gemessen am Wert der zweitgrößte Exporteur der Welt – direkt nach den USA, die 270-mal so groß sind. Kaum ein anderes Land holt so viel aus so kleiner Fläche heraus. Wie um alles auf der Welt haben die Holländer das geschafft?

Aus der Luft betrachtet ähneln die Niederlande keinem anderen großen Nahrungsmittelproduzenten. Das Land ist ein Flickenteppich aus intensiv bebauten Feldern, die meisten davon für agrarwirtschaftliche Verhältnisse extrem klein, durchsetzt von belebten Wohnorten. In den wichtigsten landwirtschaftlichen Gebieten gibt es praktisch keinen Kartoffelacker, kein Gewächshaus, keinen Schweinestall außer Sichtweite von Hochhäusern, Fabriken oder den Ausläufern der Städte. Mehr als die Hälfte der Landesfläche wird für Landwirtschaft und Gartenbau genutzt, dazu kommen moderne Fabriken, die Lebensmittel weiterverarbeiten. Am augenfälligsten sind jedoch die gigantischen spiegelnden Flächen, die sich durch die Landschaft ziehen und die nach Einbruch der Dunkelheit gespenstisch leuchten. Es sind Gewächshausanlagen, die größten bedecken bis zu 70 Hektar Land. 

Die Masterminds hinter diesen erstaunlichen Zahlen sitzen im Universitäts- und Forschungszentrum Wageningen (WUR), 80 Kilometer südöstlich von Amsterdam. Das WUR gilt als wichtigste landwirtschaftliche Forschungseinrichtung der Welt und ist der Knotenpunkt zwischen den Agrartechnikfirmen, Start-ups und Versuchsfarmen der Gegend: das niederländische Food Valley. Der Name ist eine bewusste Anspielung auf Kaliforniens Silicon Valley, und Wageningen nimmt dabei die Rolle der Stanford University ein – die berühmt dafür ist, akademische Welt und Unternehmertum erfolgreich zu verbinden.

Ernst van den Ende, Geschäftsführer der Plant Sciences Group am WUR, verkörpert diesen Ansatz perfekt. Er ist eine Autorität auf dem Gebiet der Pflanzenpathologie, besitzt aber gleichzeitig die lässige Art eines hippen Barista. „Ich bin nicht einfach nur ein College-Dekan“, sagt van den Ende von sich. Auf der einen Seite leitet er die Pflanzenwissenschaften, auf der anderen ist er für gleich neun unterschiedliche Geschäftseinheiten zuständig, die kommerzielle Forschungsaufträge bearbeiten. Nur mit dieser Mischung „aus wissenschaftlicher und marktwirtschaftlicher Orientierung“, sagt er, „können wir uns der Herausforderung, die vor uns liegt, stellen.“ Herausforderung? Es klingt nahezu apokalyptisch, wenn van den Ende sagt, der Planet müsse „in den nächsten vier Jahrzehnten mehr Nahrung produzieren, als sämtliche Bauern auf der Welt in den letzten 8000 Jahren geerntet haben“.

Ein Gespräch mit van den Ende ist ein rasanter Ritt durch eine Flut von Geistesblitzen, Statistiken und Vorhersagen. Dürre in Afrika? „Wasser ist gar nicht mal das Hauptproblem, eher der schlechte Boden“, sagt er. „Den Mangel an Nährstoffen kann man ausgleichen, indem man Pflanzen anbaut, die in Symbiose mit bestimmten Bakterien ihren eigenen Dünger erzeugen.“ Die steigenden Kosten für Getreide als Futtermittel? „Füttert die Tiere doch mit Heuschrecken“, empfiehlt van den Ende. Ein Hektar Land ergibt eine Tonne Sojaproteine als Viehfutter im Jahr. Auf derselben Fläche könne man 150 Tonnen Insekten-Proteine produzieren. Danach spricht er über den Einsatz von LED-Beleuchtung für den Rund-um-die-Uhr-Anbau – um schließlich über das Missverständnis zu referieren, nachhaltige Landwirtschaft bedeute minimales menschliches Eingreifen in die Natur.

„Schauen Sie sich Bali an!“, ruft van den Ende. Seit mindestens tausend Jahren züchten die Bauern dort Enten und Fische auf denselben überfluteten Feldern, auf denen auch Reis angebaut wird. Ein geschlossenes Nahrungsmittelsystem, das durch komplizierte Kanalsysteme auf von Menschenhand errichteten Bergterrassen bewässert wird. „Das nenne ich Nachhaltigkeit“, erklärt van den Ende. 

Dieser Artikel wurde gekürzt und bearbeitet. Die ganze Reportage steht in der Ausgabe 10/2017 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen. 

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