Umwelt

„Jeder Einzelne kann etwas bewirken“

Was bewegt Klimaschützer rund um den Globus? Welche Erwartungen haben sie an die Politik? Und was versprechen sie sich von der Weltklimakonferenz in Bonn? Am Wochenende kamen rund 2000 Menschen aus aller Welt am Tagungsort zu einer Demonstration zusammen. Montag, 13 November

Door Jens Voss

11. November, 11:11 Uhr. Karnevalsbeginn in Bonn. Immer mehr Menschen versammeln sich in der Innenstadt. Doch vielen ist diesmal nicht nach ausgelassenem Feiern zumute. Die Sorge um den Klimawandel bringt sie zusammen. Rund 2000 Demonstranten sind dem Aufruf des Bündnisses „No Climate Change“ gefolgt, um sich einem Protestmarsch durch Bonn bis vor den Tagungsort der UN-Klimakonferenz anzuschließen.

Marcus Atkinson hat es vom anderen Ende der Welt nach Bonn verschlagen. „Mein großer Wunsch ist es, dass die Regierungen in aller Welt endlich den Ausbau der erneuerbaren Energien vorantreiben“, fordert der Australier, der sich in der Anti-Atomkraft-Bewegung engagiert. Seine Begleiter aus Indien, Südafrika und den USA nicken zustimmend. „Der Atomausstieg muss endlich besiegelt werden“, bekräftigt Leona Morgan, Umweltaktivistin vom Volk der Navajo aus New Mexico. Längst sind aus Mitstreitern echte Freunde geworden. Das gemeinsame Engagement schweißt zusammen. In Bonn wollen sie ein Zeichen für den Klimaschutz setzen und die Delegierten der Weltklimakonferenz zum Handeln aufrufen. Konkret geht es auf der Konferenz um die Umsetzung des so genannten Zwei-Grad-Ziels aus dem Pariser Klimaabkommen. Hiernach soll die Erderwärmung auf maximal zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit begrenzt werden. Bis zum 17. November laufen die Verhandlungen.

Donald Trump im Visier

Wie aber bringt man die Menschen in mehr als 190 Ländern dazu, ihre Lebensweisen zu überdenken – ja sogar drastisch und langfristig zu ändern? Das Dilemma: Der Klimaschutz ist eine langfristige Aufgabe. Die meisten von uns denken in viel kürzeren Zeitspannen. Sie haben ihre Generationen im Blick und vielleicht noch die ihrer Kinder und Enkel. Eine abstrakte, kaum greifbare Bedrohung wie der Klimawandel lässt viele Menschen kalt.

„Der Druck von der Straße muss es bringen“, glaubt Andreas Strohmeyer. Der 46-Jährige ist aus dem norddeutschen Diepholz zur Klimademo angereist – mit dem umweltfreundlichen Erdgasauto. Große Erwartungen an die Politik hat der langjährige Umweltschutzaktivist nicht. „Ich gehe davon aus, dass die Bürger das selbst in die Hand nehmen müssen.“ Unterdessen wird der Protestzug immer länger – gesäumt von riesigen Plakaten und begleitet von bunten, karnevalistischen Wagenkolonnen. Auf einem 100 mal sechs Meter langen Banner machen die Protestanten US-Präsident Donald Trump für einen Völkermord am Weltklima verantwortlich. Vom nasskalten Schmuddelwetter und dem stärker werdenden Regen lässt sich hier niemand abschrecken.

Mehr extreme Wetterereignisse in Deutschland

Jeder kennt die Bilder von schmelzenden Eisbergen, gewaltigen Hurrikans, von dramatischen Dürren und Überschwemmungen. Dabei ist der Klimawandel längst vor unserer eigenen Haustür angekommen. Das Bonner Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) bereitet sich auf eine Zunahme extremer Wetterereignisse wie etwa Sturzfluten in Deutschland vor. „Dieses Risiko wächst, deswegen sind wir als Bevölkerungsschützer gefragt“, unterstrich BBK-Präsident Christoph Unger im Vorfeld der Konferenz. Schon mehrmals habe es Sturzfluten an Orten gegeben, wo man sie bislang nicht erwartet habe.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks hat in die gleiche Kerbe geschlagen. „Wir erleben Wetterphänomene wie Starkregen oder Sturm, die durch den Klimawandel intensiviert werden und häufiger vorkommen.“ Um die Bedrohung einzudämmen, hat die Regierung den Klimaschutzplan 2050 ins Leben gerufen. Hiernach sollen die Treibhausgas-Emissionen in Deutschland bis 2050 im Vergleich zu 1990 um 80 bis 95 Prozent vermindert werden. Doch der Klimawandel schert sich nicht um nationale Gesetze. Die Ministerin sieht die Weltgemeinschaft in der Verantwortung: „Weltweit, in allen Ländern müssen wir unsere Anstrengungen erhöhen, die zugesagten nationalen Klimaschutzziele zu erreichen und darüber hinaus diese Ziele zu verschärfen“, erklärte die Ministerin zum Konferenzauftakt.

Wird die Weltgemeinschaft künftig an einem gemeinsamen Strang ziehen? Die Organisatoren der Bonner Demo sind skeptisch: „Deutschland muss einseitig die Klimaziele umsetzen.“ Konkret geht es ihnen dabei unter anderem um den raschen Kohleausstieg und das Ende der Verbrennungsmotoren. Doch selbst wenn die internationale Staatengemeinschaft kurzfristig doch konkrete Klimaschutz-Maßnahmen einleiten würde: Viele Forscher bezweifeln, dass das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen sei. Die US-Klimaforscherin Susan Salomon brachte es auf den Punkt: „Es ist viel später, als wir dachten.“

Umstrittenes Geo-Engineering

Zusätzlich ins Spiel gebracht werden deshalb umstrittene Geo-Engineering-Ideen, die unserer Erde Kühlung verschaffen sollen. Dazu zählen Spiegel im All zur Ablenkung von Sonnenstrahlen, Meeresdüngung zur Vermehrung CO2-speichernder Algen, globale Aufforstungsprogramme, die Ausbringung chemischer Substanzen in die Atmosphäre oder die Leitung von CO2 in die Erdkruste. Viele dieser Maßnahmen sind umstritten, gelten als riskant und sind kaum erforscht.

„Jeder Einzelne kann etwas bewirken“, sagt Andreas Strohmeyer und rollt seine Fahne aus. „Es hängt von den Entscheidungen ab, die wir tagtäglich treffen. Ob wir uns für ein neues Auto entscheiden oder stattdessen ein Stück Land kaufen und dort Bäume pflanzen, ob wir in den Urlaub fliegen oder mit dem Zug fahren. Jede Entscheidung zählt. Es muss nur der Wille da sein.“

Jens Voss

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