Umwelt

Gutes Gas, schlechtes Gas

Mit Erdgas kann man Häuser heizen. Gerät es aber in die Atmosphäre – beim „Fracking“ oder weil die Arktis taut – erwärmt es die ganze Erde. Mittwoch, 6 Februar

Von Marianne Lavelle

Mit Erdgas kann man Häuser heizen. Gerät es aber in die Atmosphäre - beim "Fracking" oder weil die Arktis taut - erwärmt es die ganze Erde.

Letzte Sonnenstrahlen funkeln durch die schneebedeckten Fichten am Ufer des Goldstream Lake bei Fairbanks in Alaska. Katey Walter Anthony steht auf dem zugefrorenen See und starrt auf das dunkle Eis zu ihren Füßen. Viele weiße Blasen sind darin eingeschlossen. Die junge Frau ist Umweltforscherin an der Universität von Alaska in Fairbanks. Sie greift nach einem schweren Eispickel, ein Mitarbeiter hält ein brennendes Streichholz über eine große Blase. Walter Anthony schlägt mit dem Pickel kräftig hinein.

Sofort entströmt dem Loch ein Schwall Gas und entzündet sich mit einem dumpfen Geräusch. Die Forscherin springt zurück: «Ich habe den unangenehmsten Job, denn meistens verbrenne ich mich», sagt sie, aber sie lacht dabei. In der Abenddämmerung fackeln sie und ihr Team eine Blase nach der anderen ab.

Was hier brennt, ist Methan, der Hauptbestandteil von Erdgas. Walter Anthony zählt und vermisst die Blasen, um abschätzen zu können, wieviel Methan aus dem Goldstream Lake aufsteigt – und aus den Millionen ähnlicher Seen und Tümpel, die mittlerweile nahezu ein Drittel der arktischen Landfläche bedecken. Die Arktis hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel schneller erwärmt als der Rest der Erde. Weil der einst dauerhaft gefrorene Boden, der Permafrost, taut, sind alte Seen größer geworden, neue haben sich gebildet. Aus ihren schlammigen Tiefen steigen überall Methanblasen auf. Die Arbeit der Forscherin Walter Anthonys soll dabei helfen, die austretende Menge genauer festzustellen. Denn Methan brennt nicht nur, es heizt auch die globale Erwärmung viel stärker an als das bekannte Klimagas Kohlendioxid (CO2). Um genau zu sein: bei gleicher Menge 25­mal so stark.

Der Klimawandel hat also die Voraussetzung dafür geschaffen, dass mehr Methan in die Atmosphäre gelangt – und das Methan wieder­ um verstärkt den Klimawandel. Das gehört zur Schattenseite der Geschichte vom umweltfreundlichen Energieträger Erdgas.

In den USA sind im vergangenen Jahr die CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen – Öl, Kohle, Erdgas – gefallen, während weltweit ein neuer Rekord aufgestellt wurde. Ein Grund ist, dass in Kraftwerken der Vereinigten Staaten statt Kohle mehr Gas verbrannt wurde. Das ist billiger und enthält weniger CO2. Und Erdgas gibt es seit einiger Zeit ziemlich viel. Dank einer neuen Fördermethode, Hydro-Fracking genannt – oder kurz Fracking.

Diese Technik macht es möglich, bislang unzugängliches Erdgas aus tiefen Schiefergesteinen anzuzapfen. Die förderbaren Gasvorräte sind zuletzt deutlich angestiegen, die Preise für Erdgas in den USA stark gefallen. Über Fracking wird weltweit diskutiert, auch in Deutschland, und meistens höchst kontrovers. Der Schiefergasboom hat Landschaften geschädigt und Wasser verseucht. Außerdem sind dadurch eben die Methan-Emissionen angestiegen.

Denn Methan blubbert eben nicht nur aus den tauenden arktischen Gewässern und tief darunter liegenden Gesteinsschichten, wo es ein Deckel aus Permafrost bislang festgehalten hat. Diese Gesteinsschichten enthalten schätzungsweise 200-mal mehr Methan als derzeit schon in der Atmosphäre ist. Dennoch wird das meiste Methan heute weiter südlich freigesetzt, der größte Teil davon als Folge menschlichen Handelns. Immer mehr von diesem Treibhausgas strömt an Bohrstellen und aus Rohrleitungen in unsere Luft. Wie weit sich unsere Erde in diesem Jahrhundert noch erwärmt, hängt zum Teil davon ab, ob wir die Vor- und Nachteile der Verbrennung von Methan ausbalancieren können.

Methan ist der einfachste Kohlenwasserstoff: ein Kohlenstoffatom, umgeben von vier Wasserstoffatomen. Es entsteht in der Regel, wenn größere organische Moleküle aufgebrochen werden, sei es durch Mikroorganismen, sei es durch Wärme. Die Mikroorganismen produzieren das Gas, wenn sie in feuchter, sauerstoff- armer Umgebung abgestorbene Pflanzenteile zersetzen. Sie sind die Quelle der im Goldstream Lake aufsteigenden Methanblasen, der Emissionen aus Sümpfen und Marschen, aus Reisfeldern, Abfalldeponien und Güllesilos. Im Magen von Rindern und anderen Wiederkäuern entsteht ebenfalls Methan. Auch Termiten erzeugen große Mengen davon, wenn sie mit Hilfe ihrer Darmbakterien Holz verdauen.

Video: Katey Walter Anthony auf der Jagd nach dem Methan

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Der größte Teil des Erdgases, das wir verbrennen, entsteht jedoch nicht durch Mikroorganismen, sondern durch Hitze und Druck tief in der Erdkruste. Ähnlich und oft an den gleichen Stellen wie Öl und Kohle. Methan ist in Kohlebergwerken ein Explosionsrisiko, bei der Ölförderung galt es lange als lästiges Ärgernis, das man abfackelte oder, schlimmer, direkt in die Atmosphäre ausströmen ließ. Das Öl war anfangs als Brennstoff viel wertvoller, es ließ sich zudem als Flüssigkeit leichter transportieren. Erst später wurden Pipelines verlegt, durch die Erdgas heute über Kontinente hinweg geleitet wird. Seither werden auch die riesigen Erdgasvorkommen in Ländern wie Russland, Katar und Iran gezielt ausgebeutet.

Die Vereinigten Staaten fördern den größten Anteil des im Land verbrauchten Gases selbst. Doch 1973 erreichte die heimische Produktion einen vorläufigen Höhepunkt. 2005 schien Erdgas sogar knapp zu werden, und die Energieversorger bauten neue Häfen für Tankschiffe, die Flüssiggas ins Land holten. Fracking brachte die Wende. Seit 2005 hat sich die Gasförderung aus unterirdischen Tongesteinen mehr als verzehnfacht, dieses Schiefergas oder „unkonventionelle Erdgas“ macht mittlerweile mehr als ein Drittel der Gesamtproduktion aus, die im vergangenen Jahr die alte Rekordmenge von 1973 übertraf. Bald werden die USA sogar mehr Erdgas verkaufen als importieren, sagt das Energieministerium (DOE) voraus.

Unsicher ist allerdings, wieviel Gas in den Tongesteinen eingeschlossen ist und wie lange der Boom anhalten könnte. 2011 gab das DOE an, die „unbestätigten Vorkommen“ von Schiefergas beliefen sich auf 23 ,7 Billionen Kubikmeter. 2012 korrigierte es den Wert um 40 Prozent nach unten auf knapp 15 Billionen Kubikmeter. Die Gasförderung durch Fracking ist zudem schneller zurückgegangen als die Analysten des DOE erwartet hatten. Skeptiker sagen deswegen, der Boom werde bald vorbei sein. Doch im Energieministerium heißt es weiter, die Gasproduktion in den USA werde weiter zunehmen, der Anteil von Schiefergas im Jahr 2035 die Hälfte der Fördermenge ausmachen.

Und es gibt weitere Methanquellen. Die Energiewirtschaft sucht mit gewaltigem Aufwand nach Wegen, das größte aller Vorkommen anzuzapfen: das Methanhydrat, das unter dem Meeresboden und dem arktischen Permafrost lagert. In solchen Hydraten könnte mehr Energie gespeichert sein als in allen anderen fossilen Brennstoffen zusammen.

Methanhydrat sieht aus wie Eis, das Methan daraus freizusetzen ist nicht schwierig, es zu nutzen aber knifflig. Jedes Methanmolekül ist von Wassermolekülen wie in einem Käfig eingeschlossen, stabil ist das Ganze nur bei hohem Druck und niedriger Temperatur. Bei fallendem Druck oder steigender Temperatur fällt der Käfig auseinander, das Methan wird frei. Das Volumen des Gases ist 164-fach größer, als wenn es im Hydrat gebunden ist.

Doch weil Methan nicht nur brennt, sondern auch ein potentes Treibhausgas ist, macht es den Klimaforschern Sorge: Sie fürchten, dass wärmere Ozeane und steigende Temperaturen in der Arktis das Methanhydrat destabilisieren könnten. Dann würde Methan in gewaltigen Mengen frei – und die Erderwärmung zusätzlich anheizen. Alle Absichtserklärungen, den Temperaturanstieg auf zwei Grad (inzwischen kaum noch realistisch) oder maximal vier Grad zu begrenzen, hätten sich dann erledigt.

Die Methankonzentration in der Atmosphäre hat sich seit vorindustrieller Zeit um 160 Prozent erhöht, auf heute 1,8 ppm (1,8 Teile Methan pro Million Teilchen Luft). Um die Jahrtausendwende schien der Anstieg zeitweise gestoppt. Einige Wissenschaftler erklärten das damit, dass die Reisbauern in Asien ihre Felder trocken fallen ließen, um Wasser zu sparen. Trockene Böden setzen weniger Methan frei. Andere meinten, es liege daran, dass die Ölindustrie das Methan aus den Bohrlöchern nicht mehr in die Atmosphäre strömen ließ, sondern auffing und verkaufte. Doch seit 2006 zeigen Messungen, dass der Methan-Anteil in der Atmosphäre wieder steigt. Viele Experten sagen, es sei sicher kein Zufall, dass der Anstieg gleichzeitig mit dem stark intensivierten Anbohren der Schiefer­ gasvorkommen registriert werde.

Die größte derartige Lagerstätte in den USA ist die Marcellus­Formation. Sie liegt etwa 2000 Meter unter dem Appalachen­Gebirge, zu einem großen Teil unter dem Bundesstaat Pennsylvania. Die Landschaft ist reizvoll, sanfte Hügel und Weiden, im Nordwesten lockt ein Waldgebiet mit mehr als 2000 Forellenbächen. Doch dieser Tage rumpeln dort Tankwagen über die gewundenen Straßen, Lkw voller Sand, mit Rohren beladene Tieflader und Betonmischer. Überall im Wald und auf Wiesen stößt man auf etwa fußballfeldgroße, frisch aufgeworfene Erdhügel. Darauf stehen für einige Wochen Bohrgerüste, umringt von Lastwagen und Wohncontainern.

Verschmutztes Abwasser wird in Tanklaster gepumpt oder in künstliche, mit Plastikfolie ausgelegte Teiche geleitet. Irgendwann sind die Bohrgerüste wieder weg, die Bohrlöcher selbst über ein Netzwerk grüner Röhren und Ventile mit den Pipelines, Kondensationstanks und Verdichterstationen verbunden. Die Gasförderung hat Pennsylvanias Landschaft seit 2008 in großen Teilen deutlich verändert. Den Auslöser dafür lieferte vor gut 30 Jahren ein Texaner, George Mitchell, ein unabhängiger Prospektor, der auf eigenes Risiko Öl suchte.

Mitchell hatte angesichts sinkender Fördermengen nach neuen Vorkommen gebohrt. Sein Ziel war die Gesteinsformation Barnett bei Dal­ las. Der schwarze Tonschiefer dort besteht aus dem zusammengepressten Schlamm einstiger Meere und enthält oft Rohöl und Erdgas. Ein Teil davon wandert im Laufe geologischer Epochen aus dem Tonschiefer in poröse Sandsteinformationen hinüber. In denen hatte die Ölindustrie bislang ihre Bohrungen niedergebracht. Den Tonschiefer direkt auszubeuten war lange Zeit nicht wirtschaftlich. Das Gestein war zu dicht und ließ das Gas kaum fließen.

Bis Mitchell Energy kam. Das Unternehmen entwickelte über zwei Jahrzehnte hinweg mit Unterstützung des Energieministeriums eine Methode, diese Gaslager dennoch gewinnbringend anzuzapfen:

das Fracking. Es erfolgt in zwei Schritten: Erst bohrt man senkrecht zum Tonschiefer hinab und dann innerhalb der Formation horizontal weiter, oft über ein, zwei Kilometer. Beim zweiten Schritt presst man viele Millionen Liter Wasser, chemische Lösungs­ mittel und Sand unter hohem Druck in das Bohrloch, um den Tonschiefer aufzubrechen (auf Englisch: to fracture). So entstehen Risse im Gestein, durch die das Methan zum Bohrloch und weiter an die Erdoberfläche strömt.

Der Erfolg war durchschlagend: Im vergangenen Winter fielen die Gaspreise in den USA auf den tiefsten Stand seit zehn Jahren. Mehr als die Hälfte der Haushalte dort heizen mit Gas. In Pennsylvania hat sich durch den Boom der Erdgasförderung die Wirtschaft belebt. Nach offiziellen Angaben wurden 18 000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Millionen Dollar flossen aus Vertragsgebühren und Förderlizenzen in die öffentlichen Kassen. Arbeitsplätze und Geld sind Argumente, gegen es die Kritiker der Methode schwer haben. Doch selbst einige Grundbesitzer, die ihr Land an Erdgasunternehmen verpachteten, sind nicht mehr sicher, sich richtig entschieden zu haben.

Zu ihnen zählt Sherry Vargson. Vor fünf Jahren begann Chesapeake Energy auf ihrer Farm im Nordosten von Pennsylvania zu bohren. Zwei Jahre später hatte sie Gas im Wasser, wenn sie den Hahn in der Küche aufdrehte: «Es prickelte und sprudelte», erzählt sie. Tests ergaben: Das Trinkwasser enthielt doppelt so viel Methan wie der Grenzwert, ab dem Explosionsgefahr herrscht. Seither bekommt Vargson neben einer monatlichen Entschädigung ihr Trinkwasser in Flaschen geliefert, auf Kosten des Unternehmens, auch wenn es behauptet, dass die Kontamination natürliche Ursachen habe.

Die Industrie versucht die Öffentlichkeit mit dem Argument zu beruhigen, dass die Tonschieferschichten üblicherweise Hunderte Meter unter den Trinkwasservorkommen liegen. Das Eindringen von Erdgas sei damit ebenso unwahrscheinlich wie die Verschmutzung durch das chemikalienhaltige Fracking­Wasser, das zur Rissbildung ins Gestein gepresst wird.

Wissenschaftler der Duke­Universität haben 60 private Trinkwasserbrunnen im Nordosten von Pennsylvania untersucht und darin keine Hinweise auf Fracking­Fluide gefunden. Sie stellten allerdings fest, dass in der Nähe von Fracking­Bohrstellen der Methangehalt in Brunnen im Durchschnitt 17­mal höher war als üblich. An chemischen Besonderheiten war zu erkennen, dass dieses Methan aus dem Schiefer kam. Fehlerhafte Ummantelungen der Bohrschächte könnten ihrer Ansicht nach die Ursache dafür sein, dass das Gas in die darüber­ liegenden Grundwasserschichten gelangte.

Dennoch wird in den USA zunehmend nach Schiefergas gebohrt, ohne dass klar ist, welche Folgen dies hat und wie sie begrenzt werden können. «Besser Gas als Kohle», lautet ein gängiges Argument. Der Kohleabbau, das ist unstrittig, ist in Pennsylvania die Ursache für schwerwiegende Gewässerverschmutzung. In West Virginia wurden ganze Bergkuppen abgetragen, um an die Kohle zu gelangen, und in den gesamten USA sterben immer noch jedes Jahr Hunderte Bergleute an ihrer Staublunge. Das preisgünstige Erdgas hat den Kohleverbrauch sinken lassen. Noch 2007 wurde fast die Hälfte des elektrischen Stroms in den USA mit Kohle erzeugt, im vergangenen März war es nur noch ein Drittel.

Video: Gasland - Die Wahrheit über Fracking

2010 erschien die amerikanische Dokumentation "Gasland". Der Regisseur Josh Fox ist um die ganze Welt gereist, um dem Fracking auf den Grund zu gehen - und die Methode kritisch zu hinterfragen.

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«Das Umschwenken auf Erdgas war unser wichtigster Beitrag für saubere Luft in Pennsylvania und den gesamten USA», sagt John Hanger, ein Jurist aus Pennsylvania, der dort von 2008 bis Anfang 2011 die Umweltbehörde leitete.

Anders als Kohle verbrennt Erdgas ohne Emission von Schwefeldioxid, Quecksilber oder Feinstaub, und es hinterlässt auch keine Asche. Außerdem setzt es nur halb so viel CO2 frei. Die von der US­Umweltbehörde EPA erstellte Übersicht über Treibhausgase zeigt, dass in den USA 2010 sieben Prozent oder 400 Millionen Tonnen weniger Kohlendioxid ausgestoßen wurden als 2005. Vorläufige Daten für 2011 lassen einen weiteren Rückgang erkennen. Etwas mehr als ein Drittel davon sei darauf zurückzuführen, dass elektrischer Strom zunehmend mit Gas statt mit Kohle erzeugt wird.

Hanger hofft, dass auch im Rest der Welt Schiefergas stärker genutzt wird. «In China sitzen sie möglicherweise auf riesigen Vorkommen an Schiefergas», sagt er. «Es wäre für das Klima enorm wichtig, wenn China Gas statt Kohle verfeuern würde. Und der Effekt wäre sofort spürbar, nicht erst 2040 oder 2050.»

So lange dabei nicht zu viel Methan in die Atmosphäre gelangt. Denn während die CO2- Emissionen in den USA sinken, nehmen die von Methan zu. Die Hälfte des Anstiegs verursacht laut Umweltbehörde die Erdgasindustrie.

Vielleicht sogar mehr: Einige Wissenschaftler bezweifeln die Zahlen der Behörde. Robert Howarth und seine Mitarbeiter an der Cornell- Universität zum Beispiel sind überzeugt, dass die EPA zu niedrige Werte für die Methan-Emissionen ansetzt und zudem deren Treibhauspotenzial unterschätzt. Nach Howarths Überzeugung macht das Methan, das aus Bohrlöchern, Rohren, Kompressoren und Tanklagern austritt, die Nutzung von Schiefergas zu einem schädlicheren Energieträger als Kohle.

Die Debatte ist nicht beendet, aber die Gasförderer werden künftig verpflichtet, die Methan- Emissionen zu messen und zu reduzieren. Von 2015 an müssen sie Methan, das mit dem Fracking-Wasser austritt, auffangen. Wie bereits jetzt in Wyoming, Colorado und Texas.

Gleichzeitig suchen Wissenschaftler weltweit nach Ideen, die Methan-Emissionen zu verringern. «Manche Gasquellen sind nur schwer, wenn überhaupt, in den Griff zu bekommen», sagt Drew Shindell, ein Klimaforscher der Nasa. «Die Emissionen in der Arktis halte ich für nahezu unbeherrschbar. Doch bei den Pipelines wissen wir genau, wie Lecks zu vermeiden sind: Man muss gute Dichtungen verwenden und sie regelmäßig überprüfen. Auch bei der Öl-, Gas- und Kohleförderung stehen Methoden zur Verfügung, die einen großen Teil der Methan-Emissionen verhindern.» Selbst in China.

Das größte Kohleförderland der Welt lässt große Mengen Methan aus den Bergwerken an die Luft entweichen, um Explosionen zu vermeiden. Eine Umwelteinrichtung der Vereinten Nationen und der Weltbank stellte zehn Millionen Dollar für Projekte zur Verfügung, um das Gas aufzufangen, das als Brennstoff an Haushalte in der Umgebung verteilt wurde. Hunderte ähnlicher Projekte könnten finanziert werden, sagt Mohamed El-Ashry, der die Einrichtung früher leitete. Damit lasse sich der Klimawandel zumindest kurzfristig leichter verlangsamen als durch die Verringerung des CO2-Ausstoßes.

Im vergangenen Frühjahr, als die Tauperiode in Alaska begann, bekam die Umweltforscherin Katey Walter Anthony eine Nachricht von Bill Wetzen. Das ist der Besitzer des Goldstream Lake, auf dem sie bei ihrer Arbeit Methanblasen abfackelt. Wetzen bringt ihr manchmal einen heißen Kaffee hinaus aufs Eis. Als er das Land vor 20 Jahren kaufte, baute er seinen Bungalow etwa 20 Meter vom Ufer entfernt. Im vergangenen Jahr war das Wasser aber schon fast bis zu seiner Haustür gestiegen. Inzwischen taue auch der Permafrost unter dem Haus, schrieb er, Wände und Fußboden bekämen Risse. Er werde wohl umziehen müssen.

Eine Folge des Klimawandels. Und des Methans, das in immer größeren Mengen frei wird. Es gibt in der Erdgeschichte ein vergleichbares Ereignis: Vor etwa 56 Millionen Jahren, im Paläozän, kam es am Ende einer langen Phase der Erwärmung unseres Planeten plötzlich zu einem Temperatursprung von fünf Grad. Viele Wissenschaftler vermuten, dass damals Methanhydrat in großen Mengen destabilisiert wurde. Zwar halten die meisten Forscher eine solche Katastrophe gegenwärtig nicht für wahrscheinlich. Dennoch könne das Methan aus der Arktis in den nächsten Jahrhunderten die globale Erwärmung deutlich beschleunigen.

«Was für eine Verschwendung», sagt Walter Anthony. «Wenn wir es nur auffangen könnten, wäre es eine großartige Energiequelle.»

Video: Erdgasförderung in Deutschland

Auch in Deutschland gibt es ungenutzte Gasvorkommen, Energieunternehmen wittern ein Riesengeschäft. In dem niedersächsischen Örtchen Lünne will der Konzern ExxonMobil bohren, die Anwohner wehren sich jedoch.

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SCHWEDEN: GAS AUS SCHLACHTABFÄLLEN

Schweden hat im eigenen Land weder Kohle- noch Erdölvorkommen, dafür deckt es 48 Prozent seines Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen und ist auf diesem Gebiet Spitzenreiter in der Europäischen Union. Gleichzeitig hat kaum ein Land der EU einen niedrigeren CO2-Ausstoß pro Einwohner. Strom wird vor allem mit Wasserkraft erzeugt, gefolgt von Biogas.

Kristianstad ist ein landwirtschaftlich geprägter Ort in Südschweden. Die Stadt will auf fossile Energie komplett verzichten, indem sie das methanreiche Biogas aus Abfällen der Schweinehaltung, aber auch aus organischem Hausmüll gewinnt.

Kristianstad nutzt das Biogas zum Erzeugen von elektrischem Strom und Wärme, zudem als Treibstoff für Busse und die Wagen der städtischen Müllabfuhr. Zwei Raffinerien produzieren genug Biogas, um jährlich vier Millionen Liter Benzin zu ersetzen.

DEUTSCHLAND: EXPERTEN WARNEN

Auch in deutschem Boden gibt es Schiefergas. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) schätzt die förderbare Menge auf bis zu 2,3 Billionen Kubikmeter. Das könnte im besten Fall den Bedarf in Deutschland bis zum Jahr 2040 decken und würde die Abhängigkeit von russischem Erdgas vermindern.

Die größten Lagerstätten werden in Niedersachsen und Nordrhein­Westfalen vermutet, im Rheingraben und im Süddeutschen Becken. Für einige Regionen sind die Claims, in denen nach Schiefergas gesucht werden darf, abgesteckt, unter anderem von ExxonMobil („Esso“) und Wintershall („Shell“). Es gibt aber auch Bedenken, das Schiefergas zu fördern.

In einem aktuellen Gutachten empfehlen die vom Umweltbundesamt (UBA) beauftragten Experten, in Wasserschutzgebieten die Methode des Fracking komplett zu verbieten. Anderswo soll vor jeder Bohrung eine Umweltverträglichkeitsprüfung zur Pflicht werden. Mitte Dezember folgte der Bundesrat dieser Empfehlung. Die Genehmigung von Fracking­Vorhaben ist Ländersache. Nordrhein­Westfalen und Schleswig­ Holstein haben sich dagegen ausgesprochen, in Niedersachsen gab es bisher weniger Bedenken.

Anders als im UBA heißt es bei der BGR, die Umweltrisiken des Fracking seien „gering“ und „beherrschbar“. Wissenschaftler unter Leitung des Helmholtz­Zentrums für Umweltforschung kamen in einer Risikoanalyse für den Konzern ExxonMobil zu dem Schluss: «Für ein generelles Verbot der Fracking­Technologie sieht der Expertenkreis keine sachliche Begründung.» BGR und UBA haben ihre Gutachten im Internet veröffentlicht (bgr.bund.de und umweltbundesamt.de).

Gegner der Gasförderung fürchten vor allem Gefahren für das Grundwasser (siehe gegen-gasbohren.de). Die amerikanische Umweltbehörde EPA hat kürzlich eine Liste mit etwa 600 Chemikalien veröffentlicht, die beim Fracking ein­ gesetzt werden. Viele gelten als giftig oder krebserregend.

Frankreich hat mittlerweile ein Fracking­Verbot erlassen. Großbritannien dagegen will die Ausbeutung unkon­ ventioneller Erdgasvorkommen ebenso vorantreiben wie Polen. (Jürgen Nakott)

Video: Wie funktioniert Fracking?

Für die Industrie ist Fracking eine sichere Methode, wie das Video des amerikanischen Unternehmens Marathon Oil Corporation zeigen soll.

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(NG, Heft 3 / 2013)