Archäologie: Ötzi lebt!

Autor: Erwin Brunner

Wetten, dass Sie nie an Ötzi gedacht hätten, wenn Sie diesem Mann auf einer Wanderung in Südtirol begegnet wären? Er ist mittelgroß, schmächtig, aber sehnig. Schmales, scharf geschnittenes Gesicht. Bart und Haartracht eines Waldläufers. Tief liegende braune Augen über eingefallenen Wangen. Ein müder, vielleicht kranker Mann, früh gealtert. Hier schaut Sie ein Senner oder Bergbauer an, der den Sommer auf der Alm verbracht hat. Jemand, dem Höhenluft und Sonne die Haut gegerbt haben. Einer vom hiesigen Menschenschlag. Wohl nie wäre Ihnen jene makaber verrenkte Feuchtmumie in den Sinn gekommen, die seit 1998 im Archäologiemuseum zu Bozen in tiefgekühlter Totenruhe betrachtet werden kann.

Und doch ist dieser Mann Ötzi. Und zwar so lebensecht rekonstruiert, dass Sie sich nicht wundern müssten, wenn er Sie jetzt auch noch grüßen würde. 20 Jahre nach der Auffindung des ältesten, vollständig erhaltenen Menschen unserer Art haben die niederländischen Künstlerzwillinge Adrie und Alfons Kennis den „Mann aus dem Eis“ neu erschaffen. Und Sie können ihn jetzt treffen: vom 1. März an in der Ausstellung „Ötzi20“ des Südtiroler Archäologiemuseums. NATIONAL GEOGRAPHIC Deutschland ist der Medienpartner dieser facettenreichen Schau mit dem Untertitel „Eine Mumie zwischen Wissenschaft, Kult und Mythos“.

Als Hauptattraktion tritt naturgemäß der „neue Ötzi“ auf. Und der stammt nun – schöne Pointe für das zweite Leben eines bäuerlichen Bergmenschen – aus einem Stall im mitteleuropäischen Flachland. In dem als Atelier genutzten Anbau eines Gehöfts gleich hinter dem Rheindeich nahe Arnhem gaben die Kennis-Brüder seit vergangenem Sommer dem „Mann aus dem Eis“ so exakt wie einfühlsam Gesicht und Gestalt. "Sie sind einfach die Besten auf ihrem Gebiet", sagt Angelika Fleckinger, die Direktorin des Südtiroler Archäologiemuseums. "Diese Fähigkeit, einer Rekonstruktion durch kleine künstlerische Freiheiten und Feinheiten 'Charakter' zu verleihen und den 'starren' Moment in eine Geschichte zu packen, die dann beim Betrachten entsteht – das hat mich sofort überzeugt, ihnen diesen Auftrag zu geben."

Als die Kennis-Brüder ihrem Team im Dezember erstmals das Werk monatelanger Geduldsarbeit zeigten, war Ötzis Hausherrin "fasziniert und überglücklich" über dieses Gesicht. "Wir hatten den Künstlern wissenschaftliche Datensätze geliefert – und nun glaubten wir alle, unsere Urgroßväter darin zu erkennen." Auf Basis einer 3-D-Kopie von Schädel und Skelett der Mumie, von Hunderten Röntgen- und CT-Bildern war ein frappierend lebendiges Kunstwerk entstanden. "Auf diese Weise einen Menschen zu erschaffen, das ist doch der interessanteste Job der Welt", sagt Adrie Kennis. Uns schaut nun ein vom Hautton bis zur feinsten Stirnfalte lebensechter Mann aus der Steinzeit an. Bald wird er uns auch seine Geschichte erzählen. Eine Vita, die Forscher aus seinem letztes Jahr entschlüsselten Genom lesen können – und Sie demnächst bei uns.

Die Ausstellung:
Die Sonderausstellung „Ötzi20“: Vom 1. März 2011 bis zum 15. Januar 2012 zeigt das Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen die Ausstellung „Ötzi20“. Mehr zur Ausstellung erfahren Sie hier.

Das Buch:
Der Begleitband „Ötzi 2.0 – Eine Mumie zwischen Wissenschaft, Kult und Mythos“ ist bei Theiss (Stuttgart) und Folio (Bozen) erschienen. Mehr zum Buch finden Sie hier.

Video:
Dr. Albert Zink ist Leiter des Instituts für Mumien und den Iceman an der Eurac in Bozen und Koordinator der wissenschaftlichen Arbeiten an "Ötzi". Sehen Sie sich hier ein Interview mit dem DNA-Forscher an:

Statements zur Sonderausstellung „Ötzi20“ finden Sie hier .


(NG, Heft 03 / 2011, Seite(n) 24-27)


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