Die neue Idee: Augmented Reality

Vuzix Brille

Bild: www.vuzix.com Vergrößern

Die Geräte von der Firma Vuzix sehen aus wie Sonnenbrillen, allerdings kann man durch die Gläser nicht hindurchsehen. Stattdessen ist auf der Außenseite jedes Glases eine Kamera montiert, die ein Live-Video der Umgebung auf der Innenseite der Brille abspielt.

Die welt um uns herum ist – in der Sprache der Computerprogrammierer – die „Realität 1.0“: Sie ist nur das, was unsere fünf Sinne wahrnehmen. Das ist nicht gerade viel an verfügbaren Informa­tionen, und deshalb verlaufen wir uns in fremden Städten und sind gezwungen, uns an Leute zu wenden, deren Sprache wir nicht verstehen. Zum Glück sind Techniker inzwischen dabei, unse­rem Wahrnehmungsvermögen auf die Sprünge zu helfen. Sie nennen die Methode augmented ­reality, erweiterte Realität. Das Ergebnis ist ein Informa­tionssystem, das auf Fragen zur Umgebung, in der wir uns bewegen, Antworten bietet. Moderne, ­internetfähige Handys, sogenannte Smartphones, lassen schon erkennen, wohin die Reise geht.

Zur Grundausstattung solcher Geräte des Informationszeitalters gehören Video- und Fotokamera, eine Verbindung zum Satellitennavigationssystem GPS, Übersetzungsprogramme, Restaurantführer und Busfahrpläne. Die Verbindung mit dem Internet macht es möglich, dass man die Kamera nur auf ein Gebäude zu richten braucht, und sofort erscheinen Informationen auf dem Bildschirm. Wenn es ein Denkmal ist: Wann wurde es gebaut? Ein Kino: Was wird zurzeit gespielt? Ein Restaurant: Wie beurteilen Kunden das Essen?

Forscher der Columbia-Universität in New York entwerfen derzeit ein Informationssystem, das von der amerikanischen Marine und vom deutschen Autobauer BMW getestet wird. Dabei tragen Mechaniker Spezialbrillen; wenn sie auf einen Motor schauen, wird auf die Innenseite der Gläser eine entsprechende 3-D-Abbildung projiziert. Ein Computer gibt Auskunft, was kaputt sein könnte und wie der Defekt zu beheben ist. «Die Mechaniker erledigen Reparaturen damit viel schneller als mit ihren alten Diagnosecomputern», sagt Steven ­Feiner, ein Ingenieur an der Columbia-Universität.

Auch Privatleute können schon Videobrillen mit eingespielten Umweltinformationen kaufen. Einer der ersten Anbieter ist die amerikanische Firma Vuzix (vuzix.com/iwear). Die Geräte sehen aus wie Sonnenbrillen, die das gesamte Gesichtsfeld umschließen. Allerdings kann man durch die Gläser nicht hindurchsehen. Stattdessen ist auf der Außenseite jedes Glases eine Kamera montiert, die ein Live-Video der Umgebung auf der Innenseite der Brille abspielt. Sobald sie außerdem mit einem Smartphone oder einem anderen Computer verbunden ist, lässt sie im Blickfeld alle Informationen erscheinen, die das Internet über das jeweilige Umfeld gespeichert hat: Namen, Fakten, Nach­richten. Und wer keine Lust hat, die wirkliche Welt zu sehen, der schaltet in seiner Videobrille um auf einen Spielfilm seiner Wahl. Umgerechnet 500 Euro kostet so ein Gerät.

Damit ist die technische Evolution aber nicht zu Ende. An der Universität Seattle im US-Bundesstaat Washington arbeitet der Bio-Nanotechniker Babak Parviz an einer elektronischen Kontaktlinse mit Umweltinformationen. Bilder und Texte sollen dem Nutzer so erscheinen, als schwebten sie vor ihm in der Luft. Die Energie dafür soll drahtlos übertragen werden, zum Beispiel vom Handy in der Hosentasche. «Irgendwann kann diese Kontaktlinse vielleicht sogar gesprochene Wörter für Gehörlose in Schriftzeichen umsetzen», sagt ­Parviz. «Oder in andere Sprachen übersetzen.»

Eine Frage ist natürlich, ob wir eine Welt wollen, in der dank totaler Vernetzung jeder über ­alles (und jeden) alles wissen kann. Die nächste Frage wäre: Lässt sich diese Entwicklung überhaupt verhindern? Willkommen in der Realität 2.0.


(NG, Heft 9 / 2010, Seite(n) 12-14)


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