Inventur der Arten

Artikel vom 20.04.2010
Big Idea: Tierstrichcode

Bild: Biodiversity Institute of Ontario Vergrößern

Wie kann man Tiere rasch und eindeutig identifi­zieren? Biologen schlagen einen Strichcode vor – auf Basis der DNA.

Sticker dran!

In den Bergen von Papua-Neuguinea reicht es, eine Lampe anzuzünden, um 2000 verschiedene Arten von Nachtfaltern anzulocken. Und steigt man nur ein bisschen höher, fängt man schon wieder andere Schmetterlinge. Diese Erfahrung machte der Evolutionsbiologe Paul Hebert vor mehr als 30 Jahren. Fünf Jahre lang versuchte der Forscher, der heute an der kanadischen Universität Guelph lehrt, die Systematik der Falter zu ordnen, dann kapitulierte er vor ihrer Vielfalt und wandte sich den Wasserflöhen zu. Davon gibt es nur 200 Arten. Im Jahr 2003 verfiel er auf eine ganz neue Idee: Jede Spezies auf Erden könne durch einen simplen Strichcode eindeutig identifiziert werden, schrieb der Biologe in einem Fachaufsatz. Bestandteil des Codes wären die vier Bausteine des Erbgutmoleküls DNA: Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin (A, C, G und T).

Hebert schlug vor, für den Strichcode das Gen CO1 zu nehmen. Es ist an der Bildung des energieliefernden Moleküls ATP beteiligt, und jeder Organismus hat es. Das Gen ist nicht sehr groß, aber es gibt so viele Möglichkeiten, die 600 Moleküle der Strichcode-Region zu variieren, dass wohl keine zwei Arten auf der Welt dasselbe Muster zeigen. Zum Lesen – Sequenzieren – dieser Muster gibt es inzwischen Geräte, die immer schneller werden. Heberts Mitarbeiter erstellen täglich Strichcodes für tausend Arten und haben schon beinahe 40000 Spezies von Schmetterlingen katalogisiert. Die Technik ist nicht nur wissenschaftlich interessant. Sie kann auch zur Kontrolle von Lebensmitteln dienen – und zum Beispiel die falsche Auszeichnung von Fischen im Restaurant aufdecken. Inzwischen verwendet man den genetischen Strichcode nicht mehr nur bei Tieren, sondern auch bei Pflanzen und Pilzen. Unterstützt von den Vereinten Nationen (UN), die 2010 zum interna¬tionalen Jahr der Artenvielfalt erklärt haben, streben Forscher aus 25 Staaten nun an, bis 2015 den Code von 500000 Arten zu erstellen – das ist knapp ein Drittel aller heute bekannten Spezies. "Ich bin überzeugt, dass diese Methode weltweit angewandt werden kann", sagt Hebert. "Bis 2025 könnten wir jeder Art, der wir Menschen häufiger begegnen, ihr genetisches Etikett anhängen."

Zwar gibt es Einwände von Biologen, die neue Arten weiter auf herkömmliche Weise beschreiben wollen: Sie fürchten um ihre Forschungsgelder. Doch in einer Zeit, in der die Vielfalt von Pflanzen und Tieren schrumpft, hält Hebert seine Idee für zukunftweisend. Manche Leute würden ihm sogar Tierchen aus ihrem Garten zur Identifizierung schicken. In zehn Jahren, vermutet er, werde die Technik so alltäglich sein wie heute die Nutzung von Satellitenortung (GPS). Wahrscheinlich entwickle sogar bald jemand einen Strichcode-Leser für die Hosentasche. Mit dem könnte man dann die Artenvielfalt der Schmetterlinge in den Bergen Papua-Neuguineas im Vorübergehen erfassen.


(NG, Heft 5 / 2010, Seite(n) 12-14)
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