Kehrwoche im All

Artikel vom 02.06.2010
Weltraumschrott

Bild: Illustration: Sean Mcnaughton. Quelle: NASA Orbital Debris Program Office Vergrößern

Die Bahnen von 11500 Objekten, die größer sind als zehn Zenti­meter und in einem niedrigen Orbit kreisen (rote Punkte), sind in einem Verzeichnis ­erfasst. Doch es gibt ­außerdem Tausende kleinerer Schrottteile.

Nicholas Johnson bereitet das „Kessler-Syndrom“ Albträume: Er leitet bei der Weltraumbehörde die Abteilung für Orbitalschrott. Das Problem, das ihm Angst macht, wurde nach dem Raumfahrtexperten Donald Kessler benannt. Der beschrieb schon vor etwas mehr als 30 Jahren ein fatales Szenario. Es beginnt damit, dass in der Erdumlaufbahn zwei große Körper zusammenstoßen – zum Beispiel eine Raketenantriebsstufe und ein Satellit. Die Kollision mit mehr als 30000 Kilometern pro Stunde würde beide Objekte in Hunderte Teile zerfetzen. Jedes Stück könnte einen weiteren Satelliten zerstören und zig neue Schrottteilchen erzeugen – eine Kettenreaktion, die dazu führt, dass die Erde von Wracktrümmern umkreist wird, die jeden Raketenstart zum tödlichen Risiko machen. Bis zum vorigen Jahr schien diese Furcht rein akademisch. Doch im Februar 2009 stießen 800 Kilometer über Sibirien ein amerikanischer Kommunikationssatellit und ein ausgemusterter russischer Flugkörper zusammen. Allein dieses Unglück fügte der Wolke von Weltraummüll 2000 größere Stücke hinzu.

Für Johnson war das Maß voll. Seine Abteilung lud gemeinsam mit dem Verteidigungsministerium der USA zu einer internationalen Konferenz. Thema: Wie bekommen wir die Erdumlaufbahn wieder sauber? Man wollte das Wissen über die Bahnen zusammentragen, auf denen größere Objekte kreisen, aber auch klären, wo etwa Raketenantriebsstufen Wolken von ungenutztem Treibstoff hinterlassen haben, der explodieren könnte. Und man wollte darauf hinwirken, dass alte Satelliten nicht als Ziele für Abschussübungen verwendet werden – wie es China kurz zuvor praktiziert hatte.

Tagelang diskutierten die Forscher Methoden, wie man den Schrott herunterholen könnte. "Bald wurde klar", sagt Johnson, "dass dies sehr, sehr schwierig wird." Immerhin: Drei Ansätze scheinen realisierbar. Man könnte zum Ersten ein langes, elektrisch leitendes Kabel von einem Kleinstsatelliten an einem ausgemusterten Objekt im Orbit befestigen lassen. Angezogen vom Magnetfeld der Erde, würde das treibende Stück Schrott allmählich tiefer gezogen, bis es in der Atmosphäre verglüht.

Anderen Wissenschaftlern schwebt eine Art fliegender Müllsammler vor, der mit großen Netzen Satellitenwracks aus dem All keschert und herunterholt. Die dritte Methode soll dazu dienen, kleinere Teile wie Schrauben oder Werkzeuge einzufangen, denn auch die können die Wände von Raumfahrzeugen oder die Anzüge von Astronauten durchschlagen. Gegen sie will man Laser in der Umlaufbahn einsetzen. Deren Strahl soll die unliebsamen Flugobjekte in eine niedrigere Umlaufbahn stoßen, bis sie in der Atmosphäre verglühen. Rasch umsetzbar ist allerdings keine dieser Methoden. "Für den Zeitraum der kommenden 50 Jahre", sagt Johnson, "müssen wir deshalb damit rechnen, dass etwa alle fünf Jahre zwei größere Satelliten zusammenstoßen."


(NG, Heft 7 / 2010, Seite(n) 10-12)


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